Experten fordern Steuer auf Getränke mit zu viel Zucker

Krankmacher Zucker: So schützt man sich vor dem süßen Gift

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Am besten sollte man ihn an die Kette legen: Packungen mit weißem Zucker, Würfelzucker und braunem Rohzucker.

Früher war Zucker ein Luxus, heute steckt er in fast jedem Lebensmittel und macht dick und krank. Wir zeigen, wie das Leben auch mit weniger Zucker süß bleibt.

Dass Zucker das neue Gift sein könnte, merkte Michaela Vermeij, als sie ihrer Nachbarin Süßigkeiten anbot. Die Betriebsrätin bei Ferrero in Stadtallendorf zwischen Schwalmstadt und Marburg sagte zu der Mutter von drei Kindern, dass sie ihr ein bisschen Schokolade mitbringen werde, wenn ihre Kleinen im Kindergarten Geburtstag feiern. "Um Gottes willen, wir fixen die Kinder ja an", sagte die Nachbarin.

Zucker war einmal süßes Gold, gilt aber immer mehr als Krankmacher. Übergewicht, Nierenversagen, Herzinfarkte und sogar Erblindungen und Amputationen - für all das wird der Stoff verantwortlich gemacht. Längst wird über zu viel Zucker diskutiert, nicht nur voriges Jahr auf einer "Lebensmittelpolitischen Konferenz" in Berlin, wo die Ferrero-Betriebsrätin Vermeij die Geschichte ihrer verängstigten Nachbarin erzählte. Wir zeigen, wo überall Zucker drinsteckt und wie man mit weniger auskommt.

Was macht Zucker mit unserem Körper?

Er kann uns tatsächlich glücklich machen wie eine Droge. "Zucker sorgt dafür, dass im Gehirn das Glückshormon Dopamin ausgeschüttet wird, ist also im weitesten Sinn suchtähnlich", sagt die Kasseler Ernährungsberaterin Eva Metz. Den Geschmack nehmen wir im wahrsten Sinn des Wortes schon mit der Muttermilch auf, denn auch die schmeckt leicht süßlich.

Eva Metz

Zucker ist aber längst nicht gleich Zucker. Es gibt Traubenzucker (Glukose), Fruchtzucker (Fruktose), Milchzucker (Laktose) und Haushaltszucker (Saccharose), der nun in Verruf geraten ist. Dabei stand er in der vorindustriellen Zeit für Luxus. Heute ist er dank der Zuckerrübe, die auch in unserer Region angebaut wird, ein billiger Rohstoff, der Lebensmittel haltbarer macht und uns dazu verleitet, immer mehr zu essen.

Sind unsere Zellen mit Glukose gesättigt, wird Fett eingelagert. Die Fettsucht müsste eigentlich Zuckersucht heißen. Und Diätprodukte sollte man Dickmachprodukte nennen. "Wenn ich abnehmen will, nützen die mir gar nichts", sagt die Heilpraktikerin Ines Fehrmann aus Albshausen im Werra-Meißner-Kreis, die am Tropengewächshaus in Witzenhausen der Uni Kassel als Bildungsreferentin zum Thema tätig ist. Light-Produkte enthalten zwar weniger Fett, dafür aber mehr Zucker (wenn auch unter anderen Namen wie Fruktosesirup, Saccharin und Xylose). Ratten, die in Tierversuchen eine derart zusammengesetzte Nahrung futtern mussten, nahmen ebenso viel zu wie ihre Artgenossen, die fett- und zuckerreich fraßen.

Wo ist überall versteckter Zucker drin?

Leichter ist ist die Frage zu beantworten, wo kein Zucker drinsteckt. Drei von vier Produkte aus dem Supermarkt enthalten Zucker. Wenn die Ernährungsberaterin Metz in Unternehmen aufklärt, sind ihre Zuhörer immer wieder überrascht, wo überall Zucker auf der Zutatenliste steht. Sie staunen über die 126 Stücke Zucker, die in einer Packung des vermeintlich für Kinder so gesunden Kabas sind. "Damit rechnet keiner", sagt Metz.

Ihre Kollegin Fehrmann schüttelt immer wieder über Fleischprodukte den Kopf. Schinken, Wurst - überall ist Zucker drin. In Fleischersatzprodukten und der Mayonnaise für den Salat sowieso.

Überraschungen bieten auch diese Produkte:

400-Gramm-Glas Tomatensoße

8 Zuckerwürfel

24,4 Gramm

150 Gramm Fruchtjoghurt

6 Zuckerwürfel

18 Gramm

250-Milliliter-Flasche Smoothies

11 Zuckerwürfel

33 Gramm

450-Gramm-Glas Nutella

83 Zuckerwürfel

250 Gramm

25-Gramm-Packung Fisherman's Friend mit 20 Bonbons

7 Zuckerwürfel

15 Gramm

Wie kann ich Zucker vermeiden?

Das ist gar nicht so leicht, wenn fast überall Zucker drinsteckt. "Man muss das Zepter wieder selbst in die Hand nehmen", sagt Metz. Also statt Fruchtjoghurt kauft man Naturjoghurt und schnippelt sich ein bisschen Obst rein. Allerdings muss man auch hier vorsichtig sein. Wer etwa gern getrocknete Cranberrys als Zusatz in seinen Joghurt tut, sollte bedenken, dass selbst die einen Zuckeranteil von 70 Prozent aufweisen.

Ines Ferhmann

Manches liegt indes auf der Hand: Besser als Smoothies zu trinken, ist es, das Obst direkt zu essen. Als Alternative zu Fruchtsäften gibt es im Supermarkt auch frisch gepresste Säfte, die auch nicht mehr so teuer sind, wenn man sie mit Wasser verdünnt, wie Fehrmann vorrechnet. Außerdem sagt sie: "Man kann auch mal Wasser trinken."

Zudem muss man sich bewusst sein, dass vieles, was uns von der Industrie als gesund verkauft wird, das gar nicht ist. Viele Cerealien etwa, die Kindern als guter Start in den Tag auf den Frühstückstisch gestellt werden, sind "kein Nahrungsmittel, sondern Süßigkeiten", wie Fehrmann sagt.

Wie viel Zucker ist gesund?

Glaubt man dem Hersteller Südzucker, der auch in Wabern im Schwalm-Eder-Kreis eine Fabrik betreibt, ist noch ganz viel gesund. Auf seiner Website heißt es: "Weder die Gesundheit noch die Vitaminversorgung werden durch den in Deutschland üblichen Zuckerverzehr gefährdet." Zudem zitiert das in Mannheim ansässige Unternehmen eine Studie aus Schottland, die angeblich eine "negative Beziehung zwischen Körpergewicht und Zuckerverzehr" beweist: "Je höher der Zuckerverzehr war, desto seltener kam Übergewicht vor."

Die meisten Wissenschaftler sehen das anders. Darum hat Großbritannien gerade eine Steuer auf Getränke mit hohem Zuckergehalt eingeführt. Viele Unternehmen bieten nun weniger zuckrige Softdrinks an. In Österreich erklärte die Lebensmittelkette Spar bereits 2017 zum "Jahr der Zuckerreduktion". In Deutschland will Rewe immer mehr Produkte mit weniger Zucker anbieten.

Damit orientieren sie sich an einer Vorgabe der Weltgesundheitsorganisation WHO, die pro Tag 6 Teelöffel Zucker (25 Gramm) empfiehlt, während jeder Deutsche derzeit durchschnittlich noch 24 Teelöffel zu sich nimmt. Darüber klären die Expertinnen Metz und Fehrmann weiter auf. Sie wünschen sich hierzulande ähnliche staatliche Regelungen wie in Großbritannien und empfehlen jedem ein Zuckerfasten. Wenn Kursteilnehmerinnen von Metz drei Wochen auf gesüßte Getränke verzichten, spucken sie die Drinks danach wieder aus. Sie haben sich  den Geschmack und das Verlangen nach immer mehr Süßem abtrainiert: "Und sie fühlen sich wohler."

Ähnliche Erfahrungen machte die HNA-Redakteurin Alia Shuhaiber, die während der Fastenzeit sechs Wochen auf Industriezucker verzichtete. Die ersten Tage waren mit Entzugserscheinungen wie Kopfschmerzen und schlechter Laune schlimm. Nach 45 Tagen fühlte sie sich jedoch so fit wie lange nicht. Ein weniger süßes Leben muss also kein bitteres sein.

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