Die Wahrheit über Antibiotika: Wir räumen mit sechs Irrtümern auf

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Antibiotika haben in den vergangenen 70 Jahren wohl Millionen von Leben gerettet – vielleicht sogar auch Ihres. Diese Medikamente zähöen zu den wichtigsten medizinischen Entwicklungen.

Antibiotika haben in den vergangenen 70 Jahren Millionen Leben gerettet – vielleicht sogar auch Ihres. Dennoch haben viele Menschen Angst vor Penicillin & Co – dabei beruhen viele der Vorurteile auf einem Irrtum.

„Alles, bloß keine Antibiotika!“ Diesen Satz hören Ärzte immer wieder, wenn sie Patienten wirksame Mittel gegen bakterielle Infektionen verschreiben. Bei vielen Menschen herrschen weitgehend unbegründete Vorurteile gegen diese Medikamente. Denn antibiotische Stoffe werden schon seit Jahrmillionen ganz natürlich von Pflanzen, Pilzen und Bakterien erzeugt – die sich damit im Existenzkampf gegen andere Lebewesen schützen.

Antibiotika zählen zu den wichtigsten medizinischen Entwicklungen. Hier ein paar Beispiele, welche Irrtümer kursieren und was wirklich Sache ist:

1. Antibiotika sind besonders gefährlich.

Antibiotika sind nicht mehr oder weniger gefährlich als viele andere Medikamente. Im Allgemeinen sind sie gut verträglich und arm an Nebenwirkungen. Vor allem machen sie die schnelle und sehr wirkungsvolle Behandlung bakterieller Infektionen möglich. Allerdings gibt es Fälle, in denen Personen allergisch auf bestimmte Antibiotika reagieren. Dann muss in Ausnahmefällen sofort notfallmäßig gehandelt werden.

2. Antibiotika zerstören die Darmflora.

Das stimmt, aber auch nur teilweise. Da Antibiotika Bakterien vernichten, wird auch ein Teil der über 300 im Darm lebenden bakteriellen Keime abgetötet, was zu Durchfällen führen kann. Aber sobald die Behandlung abgeschlossen ist, baut der Körper die ursprüngliche Darmflora wieder auf. Die Behandlung einer bakteriellen Infektion wird als wichtiger eingeschätzt als die Nebenwirkung auf den Darm.

3. Antibiotika sollte man absetzen, sobald es wieder besser geht.

Dies ist der gefährlichste Irrtum von allen, denn er kann zu schweren Rückfällen der Krankheit und außerdem zur Entwicklung von so genannten Resistenzen führen. Unter Resistenz versteht man, dass Erreger unempfindlich werden und nicht mehr auf Antibiotika ansprechen. Ursache: Wird das Medikament nicht bis zum Ende der Packung genommen, lernen die noch nicht abgetöteten Keime, mit einer abnehmenden Konzentration des Antibiotikums zu leben. Schon folgende Bakteriengenerationen sind dann möglicherweise gegen das Mittel immun.

4. Antibiotika schädigen das Immunsystem.

Im Gegenteil! Antibiotika, die das Wachstum von bakteriellen Erregern bekämpfen, helfen dem Immunsystem, die Infektion zu bekämpfen. Ist das Abwehrsystem geschwächt, etwa bei älteren Menschen oder durch eine vorausgegangene Infektion, dann kann es ohne Einsatz von Antibiotika passieren, dass die körpereigene Abwehr versagt.

5. Antibiotika, die nicht verbraucht wurden, sollte man für spätere Behandlungen aufheben.

Ebenfalls ein gefährlicher Irrtum. Abgesehen von Fällen, in denen ein Antibiotikum nicht vertragen wird, sollte es, wie gesagt, überhaupt keine Reste dieser Medikamente geben. Solche Überreste sollten über die Apotheke entsorgt werden. Außerdem verbietet es sich, auf eigene Faust solche Medikamente einzusetzen. Das Mittel, das einmal so gut geholfen hat, kann bei der nächsten Infektion mit einem anderen Erreger wirkungslos sein.

6. Antibiotika werden zu früh verordnet.

Experten sehen den Gesamtverbrauch an Antibiotika weltweit kritisch. Deutschland steht jedoch im internationalen Vergleich relativ gut da. Vor allem in Ländern mit freiem Zugang zu Medikamenten sind viele preisgünstige Antibiotika nicht mehr wirksam. Fragen Sie im Zweifelsfall Ihren Arzt ob das Antibiotikum wirklich zwingend erforderlich ist. Wenn ja, sollten Sie die Arzneimittel sowohl hinsichtlich Dosierung und Dauer nach Weisung des Arztes einnehmen.

Die erwähnte Zahl von 160 verschiedenen Antibiotika signalisiert bereits, dass es für eine Vielzahl von Erregern auch unterschiedliche Antibiotika gibt. Manche davon gelangen zum Beispiel unverändert in den Darm und bekämpfen dort bakterielle Darminfektionen. Andere wurden gezielt auf Infektionen verschiedener Organe, etwa Atemwege, Harntrakt, Lunge oder Weichteile entwickelt. Obendrein erfordert die Art der Infektion und der Erreger unterschiedliche Behandlungszeiträume zwischen einem und 14 Tagen. Nur der Arzt kann also entscheiden, welches Antibiotikum Sie für welchen Zeitraum einnehmen müssen, um wieder gesund und munter zu werden. Und darum geht es doch schließlich, wenn man krank ist.

Das erste Antibiotikum, das der Mediziner Alexander Fleming 1928 zufällig bei einem Laborversuch entdeckte, stammte von dem Schimmelpilz, der ihm auch den Namen verlieh: Penicillium notatum. Fleming hatte entdeckt, dass Stoffwechselprodukte des Schimmelpilzes in der Lage waren, bakterielle Krankheitserreger abzutöten. Noch heute gibt es das Penicillin – und viele abgewandelte Formen, die im Kampf gegen die sich unglaublich schnell verändernden Mikroorganismen entwickelt werden. Inzwischen stehen viele andere Antibiotikaklassen mit sage und schreibe über 160 verschiedenen Antibiotika zur Behandlung der unterschiedlichsten Infektionskrankheiten zur Verfügung. (obx-medizindirekt)

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