Sinkende Bereitschaft

Warum tun sich die Deutschen so schwer mit der Organspende?

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Nur wenige Deutsche zeigen Bereitschaft, ihre Organe zu spenden.

Die Deutschen sind mit dem Spenden ihrer Organe sehr zurückhaltend. Die Transplantationsskandale in der jüngeren Vergangenheit haben wohl einen Teil dazu beigetragen. Was steckt noch dahinter?

"Organspenden können Leben retten. Jeder kann durch einen Unfall oder eine schwere Krankheit schon morgen in die Lage kommen, auf ein Spenderorgan angewiesen zu sein." So wirbt Gesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) bei den Bürgern, einen Organspendeausweis auszufüllen.

Denn viele tun sich schwer mit der Vorstellung, dass Ärzte schon in der Phase des Übergangs vom Leben in den Tod ihre Organe für andere schwer kranke Menschen haben wollen. 

Der Tod von dem deutschen Kanuslalom-Trainer Stefan Henze hatte im ganzen deutschen Olympiateam Trauer und Entsetzen ausgelöst. Doch als Organspender hat der 35-Jährige vier Menschenleben gerettet.

Was ist Voraussetzung für eine Organspende?

Nach dem Transplantationsgesetz muss bei einem Menschen zwingend der Hirntod eingetreten sein, um Organe entnehmen zu können. Laut Bundesärztekammer ist Hirntod definiert "als Zustand der irreversibel erloschenen Gesamtfunktion des Groß- und Kleinhirns und des Hirnstamms".

Eine Altersgrenze gibt es für den Spender nicht. Entscheidend ist der Zustand der Organe. Der Spender darf aber keine akute Krebserkrankung haben und nicht HIV-positiv sein.

Wie sicher ist die Feststellung des Hirntodes?

Nach den 2012 aufgedeckten Transplantationsskandalen wurden die Regeln weiter verschärft. Nun müssen zwei erfahrene Ärzte unabhängig von einander und nach einem genau vorgegebenen Verfahren (Hirntoddiagnostik) den Hirntod feststellen. Einer der beiden Ärzte muss Facharzt für Neurologie oder Neurochirurgie sein, sich also mit Nerven, Gehirn und Rückenmark auskennen. Beide dürfen selbst kein Interesse an der Transplantation haben. So sollen Fehldiagnosen in diesem so sensiblen Bereich des Übergangs vom Leben in den Tod möglichst vermieden und wirtschaftliche Interessen ausgeschlossen werden.

Welche Bedingungen muss der Organempfänger erfüllen?

Der Patient muss auf der Warteliste eines Transplantationszentrums stehen. Bei ihm kommt es vor allem auf Erfolgsaussicht und Dringlichkeit der Verpflanzung an.

Wer vermittelt welche Organe?

Für die Vermittlung von Organen ist seit 1969 die Stiftung Eurotransplant mit Sitz im niederländischen Leiden zuständig. Sie kooperiert heute mit mehr als 70 Transplantationszentren in Belgien, Deutschland, den Niederlanden, Luxemburg, Österreich, Slowenien, Kroatien und Ungarn. Die Deutsche Stiftung Organtransplantation (DSO) mit Sitz in Frankfurt ist die Koordinierungsstelle in Deutschland. Künftig soll ein Transplantationsregisters in Deutschland noch mehr Transparenz schaffen.

Am häufigsten entnommen werden Nieren, gefolgt von Leber, Lunge, Herz, Bauchspeicheldrüse und Dünndarm. Lesen Sie hier: Die unglaublichsten Transplantationen der Welt.

Was geschah bei den Transplantationsskandalen?

In aller Regel manipulierten Ärzte - in Göttingen, München, Regensburg, Leipzig, Berlin, Bremen oder Köln - die Krankenakten ihrer Patienten, um diese in der Liste der Wartenden weiter nach vorne zu bringen. In keinem Fall konnte eine persönliche Bereicherung der verwickelten Ärzte festgestellt werden. Auch gab es keine Anhaltspunkte, dass privatversicherte Patienten bevorzugt wurden. Seither werden die Transplantationszentren in Deutschland jedenfalls schärfer kontrolliert.

Wie haben sich die Spenderzahlen entwickelt?

Den mehr als 10.000 schwerkranken Menschen in Deutschland, die auf ein Spenderorgan hoffen, standen 2015 laut DSO 877 Organspenden gegenüber, etwas mehr als 2014 mit 864 Spenden. Vor dem Skandal lag die Zahl höher, aber immer noch weit entfernt von der Zahl benötigter Organe: 2010 waren es 1296 Organspenden, 2011 lagen sie bei 1200, 2012 bei 1046. 

Warum kann man nicht alle Versicherten zu potenziellen Organspendern machen?

Dies wäre dann die sogenannte Widerspruchslösung, bei der der Versicherte als Organspender gilt, wenn er dem nicht ausdrücklich widerspricht. Die Ärzteschaft hätte gerne eine solche Regelung, wie sie in etlichen europäischen Staaten schon gilt. Doch in Deutschland gilt sie als kaum durchsetzbar. Gesundheitsminister Gröhe unterstrich denn auch, dass die Organspende "immer eine eigene, freiwillige, informierte und vor allem eine bewusst getroffene Entscheidung" sein sollte. Der Bundestag habe einmütig für die sogenannte Entscheidungslösung gestimmt.

Wer entscheidet, wenn ich keinen Organspendeausweis habe?

Wenn es keine entsprechende schriftliche oder mündliche Erklärung gibt, werden die nächsten Angehörigen befragt. Die sollen dann "nach dem mutmaßlichen Willen des Verstorbenen" entscheiden.

Wie bekomme ich einen Spenderausweis?

Unter anderem unter www.organspende-info.de oder über das Infotelefon Organspende unter der gebührenfreien Telefonnummer 0800/9040400.

Diese Promis sind Organspender

SPD-Bundestagsfraktionschef Frank-Walter Steinmeier
Einer der bekanntesten Organspender ist SPD-Bundestagsfraktionschef Frank-Walter Steinmeier. Der Politiker spendete im August 2010 seiner Frau eine Niere. © dpa
Auch der österreichische Ex-Kanzler Franz Vranitzky gab seiner Frau eine seiner Nieren.
Auch der österreichische Ex-Kanzler Franz Vranitzky gab seiner Frau eine seiner Nieren. © dpa
12.000 Menschen warten in Deutschland auf ein Spenderorgan - die meisten von ihnen vergebens.
12.000 Menschen warten in Deutschland auf ein Spenderorgan - die meisten von ihnen vergebens. © dpa
Herbert Grönemeyer
Herbert Grönemeyer spendete seinem krebskranken Bruder Wilhelm 1998 Knochenmark. Die Therapie schlug zunächst an, dennoch verstarb Wilhelm kurz darauf. © dpa
Ein weiterer Knochenmark-Spender ist Jürgen Vogel. Der Schauspieler spendete seiner an Leukämie erkrankten Schwester in den 1990ern das wichtige Blutbildende Organ.
Ein weiterer Knochenmark-Spender ist Jürgen Vogel. Der Schauspieler spendete seiner an Leukämie erkrankten Schwester in den 1990ern das wichtige Blutbildende Organ. © dpa
Beim ehemaligen Stürmer des SVWerder BremenIvan Klasnic werden bei einer Blinddarmoperation 2003 schlechte Nierenwerte festgestellt. Es stellt sich heraus, dass der Kroate an Niereninsuffizienz leidet und eine Spenderniere benötigt.
Beim ehemaligen Stürmer des SV Werder Bremen Ivan Klasnic werden bei einer Blinddarmoperation 2003 schlechte Nierenwerte festgestellt. Es stellt sich heraus, dass der Kroate an Niereninsuffizienz leidet und eine Spenderniere benötigt. © dpa
Organtransplantation
Die Niere seiner Mutter wird von Klasnics Körper abgestoßen. Die seines Vaters wird 2007 erfolgreich transplantiert. Heute ist Klasnic einer der wenigen Profisportler, der trotz Spenderniere noch aktiv ist. © dpa
US-Schauspielerin Sarah Hyland
US-Schauspielerin Sarah Hyland hat seit 2011 eine neue Niere von ihrem Vater. Hyland litt ihr Leben lang an einer Nierenfehlbildung. © dpa
Die britische SchauspielerinNatasha Richardson erlag 2009 den Verletzungen eines Skiunfalls. Ihre Familie entschied sich, die Organe der Verstorbenen zu spenden.
Die britische Schauspielerin Natasha Richardson erlag 2009 den Verletzungen eines Skiunfalls. Ihre Familie entschied sich, die Organe der Verstorbenen zu spenden. © dpa
Bereits zwei neue Nieren erhielt Niki Lauda. Der ehemalige Formel 1-Pilot erhielt das Organ 1997 von seinem Bruder. Da dieses an Leistungsfähigkeit verlor, wurde es 2005 durch eine Niere seiner Frau ausgetauscht.
Bereits zwei neue Nieren erhielt Niki Lauda. Der ehemalige Formel 1-Pilot erhielt das Organ 1997 von seinem Bruder. Da dieses an Leistungsfähigkeit verlor, wurde es 2005 durch eine Niere seiner Frau ausgetauscht. © dpa
Prinz Daniel von Schweden
Prinz Daniel von Schweden bekam 2009 - noch bevor er ein Prinz wurde - eine Niere seines Vaters gespendet. © dpa
Ralf Möller
Ralf Möller hat zwar noch kein Organ gespendet, ist aber sehr engagiert beim Thema Organspende. © dpa
Organspendeausweis
Der Schauspieler wirbt für den Organspendeausweis. © dpa
Maria Höfl-Riesch
Maria Höfl-Riesch macht sich ebenfalls für die Organspende stark. © dpa
Schauspieler Jürgen Vogel
Auch Schauspieler Jürgen Vogel ist ein prominenter Unterstützer vom Verein Junge Helden e. V. Auf Partys werben Promis dafür, dass Organspende eine Entscheidung sein soll, die aus dem Leben heraus getroffen werden sollte. © dpa
Wolfgang Niersbach
Ebenfalls im Kampf für die Organspende aktiv: DFB-Präsident Wolfgang Niersbach. © picture alliance / dpa
Popstar Justin Bieber hat seine Anhänger auf Twitter zur Organspenderegistrierung aufgerufen und damit in Kanada für einen Anmeldeschub gesorgt.
Popstar Justin Bieber hat seine Anhänger auf Twitter zur Organspenderegistrierung aufgerufen und damit in Kanada für einen Anmeldeschub gesorgt. © dpa
Minh-Khai Phan-Thi und Jochen Schropp präsentieren ihren Organspenderausweis.
Die Moderatoren Minh-Khai Phan-Thi (l) und Jochen Schropp präsentieren ihren Organspenderausweis. © dpa
Schauspielerin Jennifer Ulrich
Schauspielerin Jennifer Ulrich © dpa
Schauspieler Roman Knizka
Schauspieler Roman Knizka auf der Party. © dpa

dpa

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