Watte nimmt den Schmerz

Gesichtsschmerzen durch Trigeminusneuralgie - In bestimmten Fällen bietet sich eine Operation an

Ich leide seit mehr als fünf Jahren an Schmerzen des Gesichtsnervs (Trigeminus-Neuralgie). Vor allem beim Kauen und Sprechen habe ich Probleme und Schmerzen. Ich nehme das Medikament Carbamazepin, das auch ganz gut hilft. Allerdings hat es auch Nebenwirkungen, zum Beispiel Hautausschläge. Käme in meinem Fall nicht auch eine Operation infrage, und ist diese gefährlich? Auf diese Frage eines 73-jährigen Lesers geht Prof. Dr. Wolfgang Deinsberger, Direktor der Neurochirurgie am Klinikum Kassel, ein.

Wie äußert sich eine Trigeminus-Neuralgie?

Neuralgien sind eine besondere Form von Nervenschmerzen. Die häufigste Neuralgie ist die Trigeminus-Neuralgie, die sich mit blitzartigen, sehr heftigen, pulsförmigen Schmerzattacken in einem oder mehreren Ästen des fünften Hirnnervs (Trigeminusnerv) bemerkbar macht. Man schätzt, dass in Deutschland jährlich 30 000 bis 50 000 Menschen neu davon betroffen sind, hauptsächlich ältere Menschen und häufiger Frauen. Symptome sind einschießende, unerträglich starke, brennende Schmerzen im Mund-, Augen- und/oder Wangenbereich einer Gesichtshälfte. Häufig werden diese ausgelöst durch Kauen, Sprechen, Rasieren oder Zähneputzen. Der Schmerz tritt periodisch auf. So gibt es Phasen über Wochen und Monate, in denen keine Schmerzattacken auftreten. Am meisten betroffen ist der zweite Nervenast, der über dem Oberkiefer verläuft. Die anderen Nervenäste reichen zum Auge und zum Unterkiefer (siehe Grafik).

Was sollte man tun, wenn diese Beschwerden auftreten?

Auch bei einem typischen Beschwerdebild für eine klassische Trigeminusneuralgie sollte die Ursache abgeklärt werden. Dazu empfiehlt sich eine Magnetresonanztomografie (MRT), um eine Multiple Sklerose, Gefäßmissbildungen oder einen Tumor auszuschließen.

Was ist die Ursache für eine klassische Trigeminusneuralgie?

Die Erkrankung entsteht meist durch einen zu engen Kontakt zwischen dem Trigeminusnerv und einem Blutgefäß an der Austrittszone des Gehirnstamms, erläutert Prof. Deinsberger. Dabei wird die Schutzhülle um die Nervenzellen beeinträchtigt. „Jeder Kontakt mit den Nervenenden löst die Neuralgie aus“, erläutert Deinsberger.

Was wird der Arzt tun?

Wenn nach der bildgebenden Untersuchung eine Grunderkrankung ausgeschlossen wurde und es sich um eine typische Trigeminusneuralgie handelt, steht als erstes die medikamentöse Behandlung an. Betroffene Patienten werden beispielsweise mit dem Antileptikum Carbamazepin oder auch mit Gabapentin behandelt.

Und wenn die Medikamente nicht ausreichend wirken oder wenn Nebenwirkungen auftreten?

In solchen Fällen kann man den Patienten auch eine Operation anbieten, sagt der Neurochirurg. Dabei werden zunächst der Nervenaustrittspunkt aus dem Hirnstamm und die Blutgefäße deutlich dargestellt, um folgenreiche Verletzungen während der Operation zu vermeiden. Als nächsten Schritt wird der Chirurg Teflonwatte zwischen Nerv und Blutgefäß platzieren, um die Kompression des Nervs zu unterbinden. Deinsberger: „Die Ergebnisse dieses Operation sind gut bis sehr gut: 95 bis 98 Prozent der Patienten sind Zeit ihres Lebens beschwerdefrei.“ Dieser Eingriff, dessen Entwicklung vor 70 Jahren begann, gelte heute als Standardtherapie. Wirklich ernste Komplikationen seien extrem selten. Zwar bewege man sich hier in der Tat in einer sehr heiklen Region. „Erfahrene Neurochirurgen kennen sich hier aber gut aus, weil sie häufig Tumore in dieser Region operieren“, sagt der Mediziner.

Hintergrund

Neben der klassischen oder typischen Trigeminusneuralgie, die durch einen zu engen Kontakt des Gesichtsnervs mit einem Blutgefäß verursacht wird, gibt es auch andere Krankheitsbilder.

Bei einer symptomatischen Trigeminusneuralgie steckt eine Grunderkrankung hinter der Nervenreizung. Häufig kommt dies bei Multipler Sklerose vor. Auch ein Tumor kann dahinterstecken. Oftmals sind die Beschwerden dann nicht ganz typisch. Gerade bei einer Multiplen Sklerose sind häufig jüngere Menschen betroffen, und die Schmerzen können beidseitig auftreten.

Auslöser für eine sogenannte Trigeminusneuropathie können Operationen an den Zähnen oder den Nebenhöhlen, Verletzungen oder entzündliche Erkrankungen des Zahnhalteapparates oder der Nebenhöhlen sein. Dabei treten jedoch keine blitzartigen Schmerzattacken auf, vielmehr handelt es sich um einen Dauerschmerz. Auch die Behandlungsmöglichkeiten unterscheiden sich von der Trigeminusneuralgie. (hei)

Von Martina Heise-Thonicke

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