Krankenkasse: Ein Wechsel kann richtig lohnen

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Ein Wechsel der Krankenkasse kann sich wieder richtig lohnen.

Zahnreinigung, Brillen oder Globuli seit Jahresbeginn locken viele gesetzliche Krankenkassen mit attraktiven Extras. Für Millionen Versicherte kann ein Wechsel richtig auszahlen.

Von der Zahlung der Haushaltshilfe nach dem Krankenhaus über Osteopathie, Abnehmkurse, Zahnreinigung, Brillen bis hin zu Globuli und alternativen Medikamenten: So manche Kasse erstattet mehr als je zuvor - und mehr als andere. Wer vergleicht und umsteigt, könne bestenfalls viele Hundert Euro im Jahr sparen, erläutert Sabine Baierl-Johna von der Stiftung Warentest .

Seit 2012 lohne es sich wieder, nach interessanten Zusatzleistungen Ausschau zu halten, ermuntert auch Gesundheitsexpertin Anke Kirchner von der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen zum Handeln. Dass die Kassen neuerdings mehr Spielraum bei Extras wie Homöopathie, Reha, Vorsorge oder künstliche Befruchtung haben, liegt am neuen Versorgungsstrukturgesetz der Bundesregierung.

Freiwillige Leistungen der Krankenkassen können sich lohnen

„Jetzt werden verstärkt apothekenpflichtige Rezepte erstattet oder Gesundheitskurse bezahlt“, berichtet Kirchner. Der Zusatzbeitrag von monatlich acht Euro, der bald überall abgeschafft sein wird, spiele bei der Kassenwahl keine Rolle mehr.

Zwar sind nach wie vor etwa 95 Prozent der Kassenausgaben festgeschrieben und damit identisch. Bei den restlichen fünf Prozent, also den freiwilligen Leistungen, gibt es aber jetzt schon große Unterschiede. Sprich: Für den Einheitsbeitrag von 15,5 Prozent bekommen Patienten bei der einen Kasse spürbar mehr fürs Geld als bei der anderen. Nur: Kaum ein Versicherter weiß davon, wie Baierl-Johna bedauert.

Globuli inklusive

Einer der Vorreiter bei den attraktiven Extras ist die Techniker-Krankenkasse (TK). Sie übernimmt seit diesem Jahr erstmals Kosten für osteopathische Behandlungen. Erstattet werden bis zu 60 Euro pro Sitzung. Das Geld müssten die Patienten normalerweise aus der eigenen Tasche zahlen. Auch Behandlungen bei ausgewählten Homöopathen oder die professionelle Zahnreinigung in bestimmten Praxen werden übernommen. „Nachfragen lohnt sich“, betont Kirchner.

Teure Ausgaben für apothekenpflichtige Arznei wie Globuli oder alternative chinesische Medizin müssen die Versicherten ebenfalls nicht mehr selbst zahlen. Voraussetzung: Der Arzt hat ein grünes oder ein Privatrezept ausgestellt.

Die seltensten Krankheiten der Welt

Seltene Krankheiten werden von Ärzten oft erst zu spät erkannt. Die meisten Patienten haben eine regelrechte Odyssee hinter sich, bis irgendwann ein Arzt die Krankheit diagnostiziert. Als selten gilt eine Krankheit, die bei weniger als 5 von 10 000 Menschen auftritt. Über die Schwierigkeiten bei deren Diagnose haben sich am Freitag in Hannover mehr als 100 Ärzte, Selbsthilfegruppen, Forscher und Patienten ausgetauscht. Am 28. Februar ist der Europäische Tag der seltenen Krankheiten. Er wird von der der europäischen Organisation für seltene Krankheiten (EURORDIS) organisiert. © dpa
Syringomyelie: Ein schöner Rücken kann entzücken, ein Rücken mit einem Hohlraum in der Wirbelsäule aber ist eine seltene Krankheit - die Syringomyelie. Manchmal ist eine Entwicklungsstörung die Ursache, manchmal auch ein Tumor, eine Verletzung oder eine Entzündung. Der Holraum füllt sich mit Flüssigkeit, die nach und nach das Rückenmark verdrängt. © dpa
Dancing Eyes Syndrom: Die sehr seltene Krankheit wird meist bei Kindern zwischen 1 bis 3 Jahren diagnostiziert. Ihre Augen zucken hin und her, aber auch Arme und Beine bewegen sich ruckartig. Und über Wochen und Monate sind die Kinder oft sehr leicht irritierbar. Wenn die Kinder älter werden, werden die Symptome weniger. Es ist nicht genau klar, wie es dazu kommt. Einige Mediziner nehmen an, dass der Körper Tumorzellen bekämpfen will. Doch er greift gleichzeitig auch gesunde Gehirnzellen an - daher die Zuckungen. © dpa
Progeria adultorum: Der lateinische Begriff besagt, dass ein Mensch viel zu früh und viel zu schnell altert. Die Patienten sind oft erst dreißig, doch plötzlich ergrauen die Haare, die Haut wird faltig. Auch im Geiste werden sie schnell älter. Viele Erkrankte sterben, wenn sie kaum 50 Jahre alt sind. © dpa
Das Kabuki-Syndrom: Die Dame auf unserem Bild ist nur wie eine japanische Kabuki-Schauspielerin geschminkt. Kinder, die unter dem Kabuki-Syndrom leiden, haben aber sehr ähnliche Gesichtszüge. Dazu gehören zum Beispiel große Augen, lange und dicke Wimpern und die Augenbrauen sind sehr bogig. Die Nasenspitze ist bei ihnen zudem oft eingedrückt und die Ohren stehen hervor. Auch die Motorik der Kinder ist eingeschränkt. Geistig sind die Kinder oft mild bis mäßig behindert. © dpa
Das Kleeblattschädel-Syndrom ist eine sehr seltene Fehlbildung des Kopfes. Der Schädel hat, von vorne betrachtet, die Form eines Dreiblättrigen Kleeblatts. Nur 120 Fälle wurden bis 2005 beschrieben. Die meisten Patienten leben nicht lange. Die Fehlbildungen lassen sich jedoch chirurgisch beheben. © dpa
Myiasis: Manche Fliegen, wie die Tumbu- oder Dasselfliege legen ihre Eier gerne in offene Wunden. Deswegen heißt die Myiasis auch Fliegenmaden-Krankheit. Sie tritt vor allem in tropischen oder subtropischen Gegenden auf. Die Larven verteilen sich dann unter der Haut und wandern durch den Körper. Die wichtigste Vorbeugung: Hygiene und wunden gut abdecken. © dpa
Sklerodermie: Bei dieser "entzündlichen rheumatischen Erkrankung" erhärtet sich das Kollagen, ein wichtiger Bestandteil des Bindegewebes. In manchen Fällen nur in der Haut, in manchen Fällen dringt die Sklerodermie aber auch ins Gefäßsystem und die inneren Organe vor. Die Folge können gravierende Funktionsstörungen sein. Das Gesicht wird starr, und die Haut bekommt ein sehr ledriges Aussehen. Auf unserem Foto hat sich eine junge Frau aus Bayern, die an Sklerodermie leidet, ihr Gesicht von Kosmetik-Spezialisten zumindest äußerlich in den Zustand vor der Krankheit zurückversetzen lassen. © dpa
Das Mittelmeerfleckfieber wird durch die braune Hundezecke übetragen, die auch in der Schweiz vorkommt. Nach etwa einer Woche Inkubationszeit bricht das Fieber aus. An der Stelle des Bisses bildet sich in etwa zwei Dritteln der Fälle ein schwarz-rotes Geschwür, die Patienten bekommen Fieber, leiden unter Kopf- und Gliederschmerzen und teilweise auch unter Übelkeit und Erbrechen. Ein rötlicher Ausschlag kann sich bis auf das Gesicht, die Hände und die Füße ausbreiten. Wird der Patient nicht behandelt, zieht sich das Fieber meist innerhalb von zwei Wochen wieder zurück. © dpa
Alien Hand Syndrom: Per Definition ist dies keine seltene Krankheit, auch wenn sie bisher nur sehr selten von Ärzten beschrieben wurde. Einfach erklärt bedeutet diese Krankheit, dass die eine Hand nicht weiß, was die andere tut. Sie tritt zum Beispiel nach Schlaganfällen auf, aber die genauen Ursachen sind nicht bekannt. Eine Hand hat keinen Kontakt mehr zur anderen - und zur entsprechenden Hirnhälfte. Die Patienten denken, die fremde Hand ist nicht ihre eigene. Sie entwickelt ein Eigenleben und kann im schlimmsten Fall sogar versuchen, den Patienten zu erwürgen. Und beidhändig Klavierspielen wird mit dieser Krankheit fast unmöglich. © dpa
Nicht ganz selten, aber übel: Der Candirú-Fisch lebt in tropischen Flüssen wie dem Amazonas oder dem Orinoco - und schimmt auch gerne mal in schwimmende Menschen hinein. Das fast durchsichtige Tierchen passt durch den Harnleiter, aber auch durch den Anus und sucht sich den Weg in die Blase. Dort beißt es sich fest, und vor allem die kleinen Wiederhaken am Kopf sorgen für Schmerzen. Er verursacht Blutungen und kann nur durch eine Operation wieder herausbefördert werden. © dpa
Café-au-Lait-Flecken: Teils über den ganzen Körper sind hell- bis dunkelbraune Flecken verteilt. Von einer wirklichen Krankheit sprechen Mediziner nicht, da die Hautveränderung gutartig ist. © dpa

Auch andere Kassen bieten Homöopathie als Zusatzleistung an. Oder sie unterstützen Versicherte nach dem Krankenhausaufenthalt mit einer Haushaltshilfe. Vor allem für ältere Alleinstehende könne das eine große Erleichterung sein, sagte Claudia Achenbach von der Unabhängigen Patientenberatung in Dortmund. Bares Geld ist es allemal wert. Viele Patienten könnten es sich gar nicht leisten, für mehrere Wochen eine Hilfskraft zu engagieren.

Keine Wartefristen

„Wer Ausschau hält nach einer neuen Kasse mit geldwerten Extras, sollte sich vorher immer fragen, was ihm wichtig ist“, sagt Kirchner. Wer Kinder möchte, für den könnte eine Kostenübernahme bei einer künstlichen Befruchtung wichtiger sein als die Übernahme der professionellen Zahnreinigung. Wer im Familienverbund lebt, braucht womöglich keine Haushaltshilfe bei Krankheit, legt aber Wert darauf, dass seine Kasse die alternative Medizin, einen Diätkurs, die Rückenschule oder die Anleitung zur Raucherentwöhnung zahlt.

Vielreisende sollten sich informieren, welche Kasse die Kosten für die teuren Schutzimpfungen für Auslandsreisen übernimmt, sagt Baierl-Johna. Allein die Immunisierung gegen Hepatitis A und B koste rund 230 Euro. Grundsätzlich gelte aber: Es gibt keine Kasse, die alle Extras abdeckt.

Wer sich von seiner bisherigen Krankenkasse verabschieden will, muss mindestens 18 Monate ihr Mitglied gewesen sein. Dann kann er mit einer Kündigungsfrist von zwei Monaten zum Monatsende gehen. Beispiel: Wer Ende Februar kündigt, kann ab 1. Mai bei der neuen „Wunsch“-Kasse versichert werden - ganz gleich, ob noch Behandlungen laufen. Für die neuen Extras gibt es im Übrigen keine Wartefristen. Sie können gleich nach dem Wechsel in Anspruch genommen werden.

Umfangreiche Unterstützung bei der Kassensuche bietet der Produktfinder von Stiftung Warentest (für drei Euro Gebühr) unter www.test.de

Von Berrit Gräber, dapd

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