Wechseljahresbeschwerden sind beim Mann selten - Häufig stecken andere Ursachen hinter den Symptomen

Weniger Lust am aktiven Leben

Björn Volkmer

Ich fühle mich zunehmend müder und lustloser. Außerdem werde ich dicker, und meine Muskelkraft lässt nach. Meine Frau meint, das seien typische Wechseljahresbeschwerden. Stimmt das? Gibt es das überhaupt, Wechseljahre beim Mann?

Die Fragen von Karl S. (63) aus Wolfhagen beantwortet Prof. Dr. Björn Volkmer, Direktor der Klinik für Urologie am Klinikum Kassel. Volkmer ist Urologe und hat eine Zusatzqualifikation als Androloge (Männerarzt).

„Eigentlich kann man in Bezug auf Männer nicht von Wechseljahren sprechen. Bei der Frau kommt es typischerweise zu einer relativ abrupten Umstellung des Hormonhaushaltes, die neben der Unfruchtbarkeit auch physische und psychische Veränderungen und Beschwerden mit sich bringt. Echte ,Wechseljahresbeschwerden‘ bei Männern würden ausschließlich im Fall des plötzlichen Verlusts der Hodenfunktion, beispielsweise durch Medikamente oder einen Unfall, auftreten. Im Normalfall sind Änderungen des Hormonhaushaltes beim alternden Mann eher schleichend“, erklärt der Urologe.

Bei Männern ab ungefähr 50 Jahren könne die Bildung männlicher Hormone (vor allem des Testosterons) langsam abnehmen. Bei einem Testosteronmangel wären dann ebenfalls eine Änderung der Muskelmasse, abnehmende Libido (weniger Lust auf Sex) und möglicherweise Impotenz sowie ein allgemeiner Aktivitätsverlust denkbar, sagt Volkmer. Ein anderer wichtiger Aspekt des Testosteronmangels ist die Abnahme der Knochenmasse, die längerfristig zu einer Osteoporose mit erhöhtem Risiko von Knochenbrüchen führen könne.

Dennoch ist bei Patienten mit den geschilderten Beschwerden ein Testosteronmangel eher selten die alleinige Ursache. Meist spielen Schilddrüsenfunktionsstörungen, Lebererkrankungen, Fettstoffwechselstörungen oder ein fortgeschrittener Diabetes mellitus eine wesentlich größere Rolle bei der Entstehung der Symptome. Neben der Bestimmung der männlichen Hormone im Blut sollte daher immer eine Abklärung auch der anderen Erkrankungen erfolgen.

„Besteht tatsächlich ein manifester Testosteronmangel, so sollte dieser möglichst behandelt werden, denn durch die Gabe dieses Hormons könne eine Verbesserung des Allgemeinzustandes erreicht und Folgeerkrankungen vorgebeugt werden“, sagt Björn Volkmer. Der Mann fühle sich fitter, seine Leistungsfähigkeit werde erhöht und auch die Lust an der Liebe steige wieder. Der Hormonersatz könne durch ein auf die Haut aufzutragendes Gel, durch Hormonpflaster oder durch Injektionen erfolgen. Bei nachgewiesenem Testosteronmangel ist eine solche Behandlung eine Leistung der Krankenkassen.

Eine Testosteron-Gabe dürfe nicht erfolgen, wenn der Patient an Prostatakrebs erkrankt ist, betont der Urologe. „Während der Behandlung sind regelmäßige Kontrollen durch einen Urologen unverzichtbar“, sagt Volkmer.

Als problematisch sieht Volkmer die Tatsache, dass der Testosteronersatz im Alter heute oftmals in den Bereich der Lifestyle-Medizin gerückt sei. Mit zunehmender Lebenserwartung würde durch Medien und Pharmaindustrie der Wunsch nach Vitalität in allen Lebensbereichen bis ins hohe Alter geweckt. Männer ohne wirklichen Testosteronmangel profitierten durch eine solche Hormonbehandlung aber nicht. Foto:  privat

Von Dagmar Buth-Parvaresh

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