Das Burn-out-Syndrom ist weit verbreitet: Welche Möglichkeiten der Hilfe gibt es?

Wenn der Akku leer ist

Früher nannte man es Managerkrankheit. Später sprach man von Erschöpfungsdepression, wenn Menschen körperlich und seelisch völlig überlastet sind, keine Entspannung mehr finden, an ihrem eigenen Anspruch scheitern, nicht mehr leistungsfähig, aber auch nicht mehr in der Lage sind, das Leben zu genießen. Für diesen Zustand des Ausgebranntseins fand man schließlich die englische Bezeichnung „Burn-out-Syndrom“.

Nicht nur Manager sind betroffen

Anfällig für diese psychische Störung sind vor allem Menschen, die bei einer hohen Arbeitsbelastung ihren Job mit viel Idealismus betreiben und einen hohen Anspruch an sich selbst haben. Misserfolge oder Enttäuschungen empfinden sie oft als eigenes Versagen oder Ungerechtigkeit. Das Burn-out-Syndrom ist sehr verbreitet in helfenden Berufen, wo auch bei größtem Engagement und liebevoller Fürsorge Krankheit, Leiden und Sterben zum Alltag gehören. Pflegende Angehörige beispielsweise von Demenzkranken sind ebenfalls stark gefährdet, weil die Krankheit trotz aufopfernder Unterstützung fortschreitet. Große Verantwortung und Perfektionismus sind weitere Faktoren, die etwa unter Managern, leitenden Angestellten, Politikern und Künstlern das „Ausbrennen“ von Körper und Seele hervorrufen.

Schleichender Prozess

Ein Burn-out-Syndrom fällt nicht vom Himmel, sondern ist ein schleichender Prozess, der sich über Jahre erstrecken kann. Die Symptome sind vielfältig. „Man sollte aufmerksam werden, wenn man die Probleme im Job mit nach Hause nimmt, nicht mehr abschalten kann, Rastlosigkeit, Schlafstörungen und eine depressive Stimmung entwickelt, seinen Partner und seine Hobbys vernachlässigt. Aber auch ein zynischer oder aggressiver Umgang mit Kollegen oder anvertrauten Personen ist ein Alarmsignal – genauso wie der Zustand der inneren Emigration nach dem Motto: ‚Ist doch egal, was ich mache, interessiert doch sowieso keinen.’ Die Entwicklung einer körperlichen, emotionalen und geistigen Erschöpfung hat viele Gesichter“, erklärt Dr. Rolf Speier, Ärztlicher Direktor der Vitos Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie Haina und der Tagesklinik Korbach.

Früh Hilfe suchen

Tritt wiederholt das Gefühl auf, das oft umschrieben wird mit „Ich kann nicht mehr. Ich bin fix und fertig“, sollten Betroffene professionelle Hilfe aufsuchen. Bei den ersten Symptomen eines Burn-out-Syndroms kann eine lösungsorientierte Beratung des Betroffenen helfen. „Mit einem solchen Coaching können wir erreichen, dass der Betroffene eine neue Sicht auf seinen Alltag bekommt und beispielsweise lernt, mit Zeit und Zeitdruck anders umzugehen. Ziel ist, dass Betroffene Erlebtes neu bewerten, den Anspruch an sich selbst herunter schrauben und letztlich ihr Verhalten Schritt für Schritt ändern. Bei einem verfestigten Burn-out-Syndrom ist eine Psychotherapie – ambulant oder in einer Tagesklinik –sinnvoll. Entspannungs-, Atem- und Meditationsübungen unterstützen die Behandlung. Hat sich bereits eine depressive Störung ausgebildet, sollte man auch über eine medikamentös stützende Therapie nachdenken“, so Dr. Rolf Speier.

Man kann vorbeugen

Wenn ein Akku leer wird, muss man ihn aufladen. „Deshalb ist es wichtig, sich nach jeder körperlichen und psychischen Anstrengung zu entspannen. Auch im Alltag lassen sich kleine Inseln der Erholung finden: Lesen oder Musik hören, Sport treiben oder ein schönes Essen mit Freunden genießen. Es ist zwar nicht immer leicht, aber wir sollten versuchen, dass Anspannung und Entspannung im Gleichgewicht sind. Überdies ist es wichtig, den oft vorhandenen hohen Anspruch an sich selbst zu reduzieren. Kein Mensch ist perfekt, jeder macht Fehler und auch Enttäuschungen gehören zum Leben“, erläutert der Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie.

Von Dr. Gisela Heimbach

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