Viele Kinder sitzen mehr als vier Stunden täglich am Computer - Gefahr der Abhängigkeit nimmt zu

Wenn Medien zur Droge werden

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Spiele, bei denen verschiedene Stufen erreicht werden können, bergen ein hohes Abhängigkeits-Potenzial.

Mein Sohn verbringt täglich nach der Schule mehrere Stunden am Computer und verlässt kaum noch das Haus. Außerdem wird er schnell aggressiv, wenn ich das Thema anspreche. Auch Freunde haben sich schon von ihm abgewandt. Was kann ich tun?“, fragt eine Leserin aus Kassel.

Antworten hat Dr. Gabriele Fröhlich-Gildhoff, Chefärztin der psychosomatischen Abteilung der Habichtswald-Klinik Kassel: „Störungen im Umgang mit neuen Medien nehmen deutlich zu“, sagt sie. Etwa zehn Prozent der Neuntklässler verbringen viereinhalb Stunden jeden Tag am Computer. Neben dem Surfen im Internet seien vor allem Computerspiele bei den Jugendlichen beliebt. „3,6 Prozent der Jugendlichen sind gefährdet, abhängig zu werden, 1,6 Prozent sind es“, sagt die Fachärztin. Bei einer Abhängigkeit zeigen sich laut Fröhlich-Gildhoff die gleichen Symptome wie bei Suchtkranken. Die Betroffenen ändern beispielsweise ihr Verhalten trotz negativer Konsequenzen nicht, könne ihr Handeln nicht mehr kontrollieren, und ihr Handlungsspielraum engt sich zunehmend ein. „Abhängige zeigen richtige Entzugserscheinungen“, sagt die Psychotherapeutin. Dazu zählen eine erhöhte Reizbarkeit, Unruhe, Aggressivität und depressives Verhalten.

Parallele zum Glücksspiel

Fröhlich-Gildhoff sieht vor allem in Spielen, mit denen eine Belohnung verbunden ist, etwa das Erreichen eines neuen Status’, ein hohes Abhängigkeits-Potenzial. „Das Belohnungssystem ist eine Parallele zum Glücksspiel“, sagt sie. Besonders gefährdet sind der Fachärztin zufolge Kinder und Jugendliche mit einem geringen Selbstwertgefühl, mit unsicheren Bindungen zu den Eltern, etwa durch Scheidung oder Trennung, und Kinder, die früh sich selbst überlassen werden. Wichtig sei generell, dass Eltern von Beginn an die Beziehung zu ihren Kindern festigen, beispielsweise, indem sie viel mit ihnen unternehmen und spielen. Sie fordert: kein Fernsehen und kein Computer im Kindergartenalter. Für die Schule hält sie die Einführung einer Medienpädagogik für sinnvoll. „Im Umgang mit Medien, sei es Fernsehen oder Computer, sollten Eltern klare Regeln aufstellen und zeitliche Befristungen vorgeben“, sagt Fröhlich-Gildhoff.

Durch Studien sei belegt, dass Kinder und Jugendliche mit einem übermäßigen Medienkonsum deutliche Lese- und Rechtschreibschwächen hätten. Je höher der Medienkonsum sei, desto mehr nehme die Fähigkeit ab, sich in andere Menschen hineinzuversetzen und mitzufühlen. Auch die Gewaltbereitschaft könne zunehmen.

Besteht eine Abhängigkeit, sollte diese laut Fröhlich-Gildhoff auf jeden Fall behandelt werden. Dies geschehe in der Regel in einer Gruppentherapie mit dem Ziel, den Umgang mit anderen Menschen zu lernen und den Bezug zur realen Welt herzustellen. (mkx)

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