Wenn Paare kinderlos bleiben

+
Endlich ist das langersehnte Baby da: Rund 15 Prozent aller Paare bleiben ungewollt kinderlos. Ihnen kann in Kinderwunschzentren oft geholfen werden.

Die Reproduktionsmedizin bietet viele Möglichkeiten, den Kinderwunsch doch noch zu verwirklichen

Die Verwirklichung des Traumes, eigene Kinder zu bekommen, ist nicht allen Paaren vergönnt. Rund 15 Prozent bleiben gegen ihren Wunsch kinderlos.

Während diese Tatsache früher als Schicksal hingenommen wurde, gibt es heute viele Möglichkeiten, kinderlosen Paaren zu ihrem Traumkind zu verhelfen. Reproduktionsmedizin heißt diese Fachrichtung etwas lieblos. Doch lieblos sind die Mediziner, die den Paaren weiterhelfen wollen, zumindest im Medizinischen Versorgungszentrum für Reproduktionsmedizin am Klinikum Kassel (Kinderwunschzentrum) nun wirklich nicht. „Wir freuen uns sehr, wenn von uns betreute Paare ihr Baby bei uns vorstellen“, versichert Dr. Marc Janos Willi, ärztlicher Leiter des Kinderwunsch-Zentrums in Kassel. Die zukünftige Mutter wird nämlich während der eingetretenen Schwangerschaft von ihrem behandelnden Gynäkologen betreut, so dass die Ärzte vom Kinderwunschzentrum die Früchte ihrer Arbeit nicht unbedingt zu Gesicht bekommen. Am MVZ für Reproduktionsmedizin werden jährlich rund 1100 Paare betreut: Es kommt zu zirka 500 künstlichen Befruchtungen, 400 Hormonbehandlungen und 150 Inseminationen.

Die Arbeit selber besteht einerseits aus der Suche nach Ursachen, warum Paare kinderlos bleiben. Das kann sowohl an organischen, hormonellen wie auch an Samen- beziehungsweise an Eizellbildungsstörungen liegen. In vielen Fällen kann den Paaren zur Erfüllung ihres Kinderwunsches geholfen werden. Manchmal aber klappt gar nichts. „Dann besprechen wir auch die Möglichkeit einer Adoption“, sagt Dr. Willi.

In der jüngsten HNA-Telefonsprechstunde beantwortete er Fragen zum Thema „Ungewollt kinderlos“.

Mein Sohn hatte als Kind eine Entwicklungsstörung. Unter anderem hatte er extrem kleine Hoden. Er ist damals in einer Universitätsklinik behandelt worden. Mittlerweile ist er verheiratet, das Paar hat aber Probleme, Kinder zu bekommen, weil er eine Samenzellbildungsstörung hat. Seine Frau war jetzt einmal nach einer künstlichen Befruchtung schwanger, hatte aber in der siebten Woche eine Fehlgeburt. Liegt das an ihm und sollten die beiden lieber ihren Wunsch nach einem eigenen Kind aufgeben?

Willi: Dass eine Fehlgeburt stattgefunden hat, liegt wahrscheinlich nicht an Ihrem Sohn, sondern ist meist ein biologischer Zufall. Die Samenzellbildungsstörung kommt sicherlich aus der Entwicklungsstörung in der Kindheit. Sie lässt sich nicht ändern, es sei denn, ein Hormonmangel lässt sich medikamentös ausgleichen, was aber selten vorkommt. Wichtig ist, dass keine genetische Störung im Erbgut vorliegt, denn die könnte an das Kind weitergegeben werden. Da Ihr Sohn aber in einer Universitätsklinik in Behandlung war, ist das bestimmt getestet worden und wäre Ihnen dann gesagt worden. Das Paar braucht den Wunsch nach eigenen Kindern nicht aufgeben. Ihre Schwiegertochter sollte mindestens zwei Monatszyklen abwarten bevor sie einen weiteren Versuch starten kann.

Was ist denn eigentlich der Unterschied zwischen künstlicher Befruchtung und Insemination und wie macht man das jeweilige?

Willi: Die künstliche Befruchtung findet außerhalb des Körpers der Frau statt. Bei ihr wird mit Hilfe von Medikamenten eine Eizellreifung hervorgerufen. Die reifen Eizellen werden dann in Kurznarkose mit einer feinen Nadel durch die Scheidenhaut aus den Eierstöcken herausgezogen. Der Mann gibt eine Samenprobe ab. Eizellen und Samen werden daraufhin im Labor zusammengebracht. Zwei bis fünf Tage später werden maximal drei Embryonen in die Gebärmutter eingeführt. Die Wahrscheinlichkeit, dass dann eine Schwangerschaft eintritt, liegt bei 30 bis 40 Prozent. In 25 Prozent kommt es zu Zwillingsgeburten.

Bei der Insemination wird zunächst bei der Frau ein Eisprung ausgelöst. Der Mann gibt eine Samenprobe ab und der Samen wird im Labor aufbereitet. Dann wird er direkt in die Gebärmutter der Frau eingeführt, so dass den Spermien ein guter Teil des Weges zur Eizelle abgenommen wird. Die Insemination macht man, wenn der Mann nicht genügend oder nicht genug bewegliche Spermien hat. Sie kommt auch in Frage, wenn die Frau organische Probleme im Gebärmutterhals hat oder wenn das dortige Immunsystem Spermien fälschlicherweise als fremd ansieht und abtötet.

Ich bin seit elf Jahren verheiratet, hatte vor neun Jahren eine Fehlgeburt und vor fünf Jahren eine Eileiterschwangerschaft. Mein anderer Eileiter ist durchgängig, aber anscheinend bekomme ich keinen Eisprung mehr. Medikamente haben die Eizellreifung auch nicht verbessern können.

Willi: In Ihrem Fall würde ich zur künstlichen Befruchtung raten, da man annehmen muss, dass die Eileiter nicht mehr vollständig funktionsfähig sind und schon Medikamente für die Eizellreifung nicht erfolgreich waren. Nur durch die künstliche Befruchtung können Sie diese schwangerschaftsverhindernden Faktoren umgehen.

Ich habe Probleme mit der Schilddrüse und muss L-Thyroxin nehmen. Meine Werte schwanken immer hin und her. Ich versuche schon seit Längerem schwanger zu werden, habe aber offensichtlich Zyklusunregelmäßigkeiten. Kann das an der Schilddrüse liegen?

Willi: Ja, Schilddrüsenfehlfunktionen sind häufig die Ursache für diese Probleme. Die Einstellung der Medikation muss sehr streng gehandhabt werden, weil sonst der Zyklus nicht richtig abläuft. Man kann die Werte aber sehr gut durch Blutentnahmen kontrollieren und dann mit Medikamenten einstellen.

Von Susanne Seidenfaden

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.