Immunsystem außer Kontrolle

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Müdigkeit und Abgeschlagenheit können auch Anzeichen für eine Erkrankung des Immunsystems sein.

Bei einer Untersuchung des Knochenmarks erhielt ich die Diagnose: Monoklonale Gammopathie. Ich fühlte mich schlapp und müde, hatte rote Flecken am ganzen Körper. Was bedeutet die Diagnose und was erwartet mich?“, fragt ein Leser aus Kassel.

Antworten hat Professor Martin Wolf, Direktor der Medizinischen Klinik für Onkologie, Hämatologie und Immunologie am Klinikum Kassel:

„Wenn sich ein Mensch eine Infektion einfängt, bildet das Immunsystem des Körpers - speziell sogenannte Plasmazellen - Abwehrstoffe, die den Erreger der Infektion unschädlich machen“, erklärt Wolf. Normalerweise werde dieser Abwehrmechanismus anschließend wieder abgestellt. „Bei einer Monoklonalen Gammopathie bleibt die Produktion dieser spezifischen Abwehrstoffe, das sind bestimmte Eiweiße, jedoch erhalten - die Abschaltung funktioniert also nicht“, sagt der Internist.

Beim Großteil der Betroffenen bleibt die Zahl der Antikörper auf einem gewissen Stand, das heißt, sie sind zwar weiter im Körper, vermehren sich aber nicht mehr. „Dies ist im Grunde harmlos, die Betroffenen haben keine Krankheitssymptome“, sagt Wolf.

Bei einem Prozent der Patienten werden jedoch immer weiter neue Plasmazellen gebildet, die wiederum weiter Abwehrstoffe produzieren, obwohl keine Infektion mehr im Körper ist. Wenn sich die Plasmazellen im Knochenmark immer weiter vermehren, führt das zu einer Auflösung des Kochens. Die Folge sind Knochenbrüche. „Es kann durchaus sein, dass Menschen dann infolge von Wirbeleinbrüchen bis zu 20 Zentimeter kleiner werden“, sagt Wolf. Zudem könne es zu einer Nierenschädigung kommen, weil die Niere den Abtransport der Abwehrstoffe irgendwann nicht mehr schafft. Die Antikörper lagern sich dann in der Niere ab und können diese regelrecht verstopfen. Da bei der Auflösung des Knochens auch vermehrt Kalzium freigesetzt wird, kann überdies auch eine Kalziumvergiftung drohen. „Ohne eine Behandlung haben die Patienten nur eine begrenzte Lebenserwartung“, sagt der Mediziner.

In diesem Stadium handelt es sich um eine Krebserkrankung, die nur mit einer Chemotherapie behandelt werden kann. Von einer Monoklonalen Gammopathie, also eines zusätzlichen Eiweißes im Blut, das bei der Bekämpfung einer Infektion nicht mehr zurückgebildet wurde, aber keine Krankheitssymptome verursacht, ist etwa ein Prozent der Bevölkerung betroffen. „Das ist relativ häufig“, sagt Wolf. Zudem gebe es eine hohe Dunkelziffer.

Diagnostizieren kann man eine Monoklonale Gammopathie durch eine Eiweiß-Elektrophorese. „Dabei werden die Eiweiße im Blut in einem Labor aufgetrennt“, erklärt er. Bei einer normalen Blutuntersuchung sei die Elektrophorese nicht automatisch inbegriffen, werde jedoch auf Wunsch des Patienten gemacht. Wird dabei eine Monoklonale Gammopathie festgestellt, sollte in den ersten zwei Jahren halbjährlich eine erneute Untersuchung stattfinden. Tritt in dieser Zeit keine Veränderung der Eiweißwerte ein, reicht laut Wolf eine jährliche Kontrolle aus. (mkx)

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