Infektionsgeschehen

Der rasante Rückgang der Corona-Inzidenz könnte bald ein Ende haben

Die Corona-Inzidenz in Deutschland sinkt weiter. Doch der Abwärtstrend könnte laut Expertenmeinung bald ausgebremst werden.

Berlin - Die Corona-Inzidenz in Deutschland ist weiter auf Talfahrt. Am Dienstag (1.06.2021) liegt die 7-Tage-Inzidenz laut Robert Koch-Institut bei 15,5. Mit dem Fall der durchschnittlichen Neuinfektionen kommen weitere Öffnungsschritte und Lockerungen auf die Bevölkerung zu. Doch die Zahlen werden nicht ewig weiter fallen, sondern bald ausgebremst werden, so die Meinung eines Experten.

Grund für die fallende Inzidenz ist zunächst die Corona-Notbremse* und die damit einhergehenden Kontaktbeschränkungen. Dazu kommt das Impfen, weshalb sich weniger Menschen infizieren sowie höhere Temperaturen, die eine Verbreitung des Virus erschweren*. Außerdem ist man im Sommer häufiger an der frischen Luft, und in der wird das Coronavirus* schlechter übertragen. Hinzu kommt auch: Mathematik.

Corona-Tests dienen der Feststellung der Inzidenz. In der letzten Zeit sinkt diese rasant, doch das könnte bald ein Ende haben, befürchten Experten (Symbolbild).

R-Wert hilfreich um fallende und steigende Corona-Inzidenzen zu verstehen

Denn Mathematik kann die fallende Inzidenz gut erklären. Hier spricht man von der sogenannten Reproduktionszahl. Diese Zahl gibt an, wie viele Menschen eine infizierte Person im Durchschnitt ansteckt. Liegt dieser R-Wert unter 1, nimmt die Entwicklung im Modell exponentiell ab. Je niedriger der Faktor - also je weiter weg von 1 -, desto schneller der Rückgang, wie André Scherag vom Institut für Medizinische Statistik, Informatik und Datenwissenschaften des Universitätsklinikums Jena erklärt.

Mit exponentiellem Wachstum hatten wir schon mehrfach zu tun in den vergangenen anderthalb Jahren: nämlich immer dann, wenn die Zahlen rasant in die Höhe schnellten. Sobald der R-Wert über 1 liegt, ist das Wachstum nach dem einfachen Modell exponentiell. Hier gilt umgekehrt: Je höher der Wert ist, desto rascher breitet sich das Virus aus.

Ist der R-Wert knapp über 1, würde das ein langsameres exponentielles Wachstum bedeuten. Statistik-Professor Helmut Küchenhoff von der Ludwig-Maximilians-Universität München vergleicht die Pandemie mit der Zins-Entwicklung: „Ist der Zinssatz nicht so hoch, dauert es lange, bis sich das Geld vermehrt. Ist er höher, wird man schneller reich.“ Dabei komme es auch darauf an, wie viel Geld oder Kapital überhaupt vorhanden ist. „So ist es auch bei Infektionen: Wenn viele schon krank sind, können die auch mehr anstecken“, erklärt Küchenhoff. „Exponentielles Wachstum ist nicht gleich starkes Wachstum“, betont er.

Modellrechnung der Corona-Inzidenz ist simpel, doch die Realität ist komplexer

Im Moment befinden wir uns im Gegentrend: Die Corona-Inzidenz sinkt vielerorts. Doch schaut man sich Musterkurven für den Verlauf eines exponentiellen Abflauens an, erkennt man, dass sich die Linien mit dem Verlauf der Zeit strecken. Der Rückgang der Corona-Zahlen werde sich notgedrungen verlangsamen, selbst wenn es noch eine Weile bei exponentiell fallenden Zahlen bleibe, erklärt Jan Fuhrmann vom Forschungszentrum Jülich. „Ähnlich wie ein exponentieller Anstieg anfangs sehr langsam erscheint und sich dann immer weiter beschleunigt, beginnt ein exponentieller Abfall rasant und wird immer langsamer.“ Zum Beispiel fallen die Zahlen bei konstantem R unter 1 schnell von einer 200er-Inzidenz auf 100, aber verhältnismäßig langsamer von 40 auf 20.

Aussagen über exponentielles Wachstum seien vor allem im Modell leicht zu machen, erklärt Scherag. Allerdings sei die Realität komplexer. Denn Lockerungen, Impfungen und überstandene Infektionen und unterschiedlich stark ansteckende Corona-Varianten sind schwer berechenbare Effekte, bei dem das einfache Modell nicht mehr greife. „Zwar kann man dann einen R-Wert auf Basis der existierenden Daten berechnen“, sagt Scherag. „Eine einfache Interpretation ist in der Regel nicht mehr möglich.“

Corona-Inzidenz: Exponentielles Wachstum für den Mensch schwer vorstellbar

Auch der Statistik-Professor Küchenhoff betont, Modellrechnungen seien mit großen Unsicherheiten verbunden, die beim Erstellen mehr oder weniger gut berücksichtigt werden könnten. Er spricht von „stochastisch exponentiellem Wachstum“, das in Teilen vom Zufall abhängt. Dazu kämen Einflüsse von außen, wie etwa die Delta-Variante. Würden beispielsweise jeden Tag zehn damit infizierte Menschen mit dem Flugzeug nach Deutschland reisen, wäre der Anstieg linear.

Verwirrend? „Das Problem ist, dass wir Menschen uns exponentielle Entwicklungen nur schwer vorstellen können“, sagt Scherag. „Menschen neigen dazu, in linearen Zusammenhängen zu denken.“ Erschwerend komme hinzu, dass lineares und exponentielles Wachstum in der Anfangszeit oft kaum unterscheidbar seien. „Und wenn Sie merken, dass Sie im exponentiellen Wachstum stecken, ist es meist schon zu spät, um gegenzusteuern.“

Für den Sommer rechnet Fuhrmann mit einem mäßigen Infektionsgeschehen wie im Vorjahr. Zwar seien die vorherrschenden Virusvarianten ansteckender, doch sei auch ein größerer Anteil von Personen durch die Impfung geschützt.

Abwärtstrend der Corona-Inzidenz wird gebremst

Dass sich der Abwärtstrend noch beschleunigt, glaubt er nicht. „Zumal mit sinkender Inzidenz immer Öffnungsschritte einhergehen, die wiederum zusätzliche Kontakte und damit mögliche Übertragungswege zur Folge haben“, erläutert er. „Da mit einer vollständigen Ausrottung des Virus in absehbarer Zeit nicht zu rechnen ist, wird aber auch der exponentielle Trend selbst im günstigsten Fall früher oder später abbrechen, und die Inzidenz wird um ein niedriges Niveau schwanken.“

Im Fall von Großbritannien könne man erkennen, dass eine Kombination aus weitreichenden Lockerungen und erneuten Mutationen trotz hoher Durchimpfung und saisonal bedingtem Abflauen des Infektionsgeschehens zu erneut steigenden Fallzahlen führen kann. Schon ein Faktor kann entscheidend sein: Seit einigen Wochen liegt der R-Wert in Deutschland bei grob 0,8. Ersetzte man vor diesem Hintergrund die aktuell dominierende Virusvariante B.1.1.7* durch eine im Schnitt 30 Prozent leichter übertragbare, so stiege R laut Fuhrmann auf knapp über 1. Das würde den Abwärtstrend bald in einen schleichenden, sich beschleunigenden Anstieg der Inzidenz verwandeln. „Und dabei wäre angenommen, dass alle anderen Rahmenbedingungen völlig unverändert blieben.“ (David Suárez Caspar mit dpa) *fr.de ist ein Angebot von IPPEN-MEDIA.

Rubriklistenbild: © Alexander Pohl/Imago

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