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Votum per Strichliste: Wie Supermärkte mit der Energiekrise umgehen

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Die Energiekrise trifft auch den Einzelhandel hart. Drei Supermärkte im Gießener Land ändern nun ihre Öffnungszeiten, um Heizkosten zu sparen. In die Entscheidung haben sie ihre Kunden involviert.

Langgöns - Während sich Unternehmer im Einzelhandel auch im Kreis Gießen Gedanken darüber machen, wie sie in ihren Geschäften im bevorstehenden Winter Energie- und vor allem Heizkosten einsparen können, haben drei Rewe-Märkte in Lang-Göns, Hüttenberg und Rechtenbach kurzerhand einen naheliegenden und doch eher ungewöhnlichen Weg gewählt: Sie haben ihre Kunden gefragt. Per Strichliste.

Eine Woche lang waren im Eingangsbereich der Märkte große Flipchart-Tafeln aufgestellt. „Auch wir möchten unseren Beitrag leisten, um Energiekosten einzusparen“, war dort handschriftlich vermerkt. Darunter hatten die Kunden die Wahl: Zu welchen Uhrzeiten soll der jeweilige Markt öffnen und schließen? Bis zu 1000 Menschen haben sich an der Aktion beteiligt, berichtet Tino Kley, der stellvertretende Geschäftsführer der Travaci Handels GmbH & Co. KG, die unter anderem die drei Rewe-Märkte in Lang-Göns, Hüttenberg und Rechtenbach betreibt. In Lang-Göns hätten die Kunden am Ende insgesamt drei Tafeln im DIN-A0-Format mit ihren Strichen ausgefüllt.

Supermärkte bei Gießen in der Energiekrise: Kunden für spätere Öffnung und frühere Schließung

Lieferengpässe, Personalmangel und nun zusätzlich die Inflation: Die Energiekrise trifft den Einzelhandel in gravierendem Ausmaß. Mehrere Supermärkte und Discounter ändern ihre Öffnungszeiten, sorgen bei Kunden damit allerdings bisweilen auch für Verwirrung. Vor diesem Hintergrund hat die Geschäftsführung der drei Rewe-Märkte im Gießener Land entschieden, die Kunden bei der Wahl der Öffnungszeiten direkt einzubinden und auf deren Wünsche Rücksicht zu nehmen.

Zweifellos ist die Aktion auch ein öffentlichkeitswirksamer Marketing-Schachzug der Geschäftsführung. Eine bemerkenswerte Erkenntnis ist allerdings: Die Kunden tragen Schritte zum Energiesparen zum großen Teil mit. Mehrheitlich haben sie sich für eine spätere Öffnung und eine frühere Schließung der Märkte ausgesprochen.

Ab 31. Oktober, zur Umstellung auf die Winterzeit, wird die Filiale in Lang-Göns nun von 7 bis 21 Uhr geöffnet sein statt wie bisher von 6 bis 22 Uhr. Auch in Hüttenberg werden nun zwei Stunden eingespart, der Markt ist dort von 8 bis 20 Uhr statt wie bislang von 7 bis 21 Uhr geöffnet. Die Filiale in Rechtenbach schließt nun eine Stunde früher, um 21 statt um 22 Uhr.

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Bis zu 1000 Kunden haben innerhalb einer Woche ihre Stimme in den drei Märkten abgegeben, berichtet der stellvertretende Geschäftsführer Tino Kley. © pv

Die Geschäftsführung hat die Zeiten individuell, nach den Wünschen und Vorschlägen ihrer Kunden, neu ausgerichtet. „Wir haben uns gefragt: Was können wir leisten?“, erklärt Kley. „Bei der Kühlung von Lebensmitteln können wir ja nicht einfach sagen: Wir schalten die Geräte zeitweise ab.“

Bereits vor dem Krieg in der Ukraine und der Energiekrise habe man sich ohnehin Gedanken gemacht, ob die Öffnungszeiten noch passen. Immer wieder hätten die Filialleiter und die Geschäftsführung beobachtet, wie wenige Menschen zwischen 21 und 22 Uhr zum Einkaufen kommen. Angesichts der Inflation und der explodierenden Heizkosten seien die Überlegungen dann konkreter geworden. „Wir waren uns einig, dass wir schnell und flexibel handeln müssen“, sagt Kley. „Und nicht von oben herab.“

Kreis Gießen: Supermarkt-Personal soll mit Energiespar-Maßnahme nicht reduziert werden

Es gehe auch darum, „dass die Mitarbeiter mehr Zeit mit ihrer Familie verbringen können“ und sie beispielsweise nicht mehr bis 22 Uhr an der Kasse sitzen müssen, wenn eher weniger Kunden im Markt seien, ergänzt der stellvertretende Geschäftsführer. Ein Ziel sei, Mitarbeiter verstärkt in den Stoßzeiten einzusetzen, Personal werde man mit der Änderung der Öffnungszeiten nicht reduzieren, versichert Kley auf Nachfrage.

Die Aktion und die neuen Zeiten sind bei den Kunden unterdessen auf positives Echo gestoßen. „Wir alle würden auch Öffnungszeiten bis 19 Uhr akzeptieren“, schreibt eine Frau auf Facebook. Ein Kunde erklärt: „Wir haben uns in vielen alltäglichen Sachen umstellen müssen, dann schaffen wir es auch in unserem täglichen Einkaufen.“

Supermärkte bei Gießen: 10.000 Kilowattstunden im Monat eingespart

Noch kürzere Öffnungszeiten als nun beschlossen wären derweil schwierig gewesen, räumt Kley ein. In Rechtenbach beispielsweise werde man weiterhin um 7 Uhr öffnen, weil durch die Nähe zur Autobahnauffahrt unter den Kunden auch viele Handwerker seien, für die eine Öffnung des Markts um 8 Uhr zu spät wäre.

Die Geschäftsführung diskutiere mit den Mitarbeitern über weitere Möglichkeiten, Energie einzusparen, sagt Kley. Man denke über Zeitschaltuhren nach, das Abstellen der Backöfen zu bestimmten Zeiten, „wir lassen die Heizung warten“.

Durch die Reduzierung der Öffnungszeiten um fünf Stunden in den drei Märkten, ergänzt Kley spare man immerhin rund 10.000 Kilowattstunden allein an Strom im Monat. (Stefan Schaal)

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