1. Startseite
  2. Hessen

Nach Verbot in Kassel: Messe mit Nazi-Relikten in Gießen angemeldet

Erstellt:

Kommentare

In anderen Städten hatte sie bereits für Ärger gesorgt, nun sollte eine Militaria-Messe auch nach Gießen kommen. Die Stadt schob dem einen Riegel vor.

Gießen - In Kassel und in Halle dürften die Verantwortlichen aufatmen, in Gießen hat die Meldung für einiges Kopfzerbrechen gesorgt: Eine umstrittene Militaria-Messe, auf der in der Vergangenheit auch Nazi-Devotionalien zu sehen waren, soll in Gießen stattfinden. Die Stadt bestätigt die Anmeldung, will die Messe nach aktuellem Stand aber nicht zulassen.

Schirmmützen mit dem Totenkopf der Waffen-SS liegen auf einem Tisch, an der Wand hängt ein Schild mit dem Schriftzug der NSDAP, Originalausgaben von »Mein Kampf« und viele weitere Nazi-Devotionalien werden ausgestellt und angeboten. Diese Szenen stammen aus einem Video der Hessischen/Niedersächsischen Allgemeinen, das die Zeitung auf der Militaria-Messe in Kassel aufgenommen und bereits 2011 auf Youtube veröffentlicht hat. Jahrelang war die umstrittene Messe in der nordhessischen Stadt beheimatet, bis zu 20 000 Besucher kamen regelmäßig. 2021 zog die Stadt Kassel jedoch einen Schlussstrich und verbot die Messe. Nach einem nicht minder umstrittenen Versuch, in Halle ansässig zu werden, ist am Freitag (21. Oktober) bei der Stadt Gießen eine Anmeldung für die Militaria-Messe eingegangen. Das bestätigt Magistratssprecherin Claudia Boje. Bereits am Montag teilte sie jedoch mit, dass die Veranstaltung, »so nach aktuellen Stand«, nicht durchgeführt werde.

Veranstalter der Messe ist Wolf Krey. Auf dessen Homepage wird die Ausstellung in den Gießener Hessenhallen von Donnerstag, 17. November, bis Samstag, 19. November, bereits beworben. Etliche Aussteller aus ganz Europa werden aufgelistet, selbst Anbieter aus Pakistan haben ihr Kommen angekündigt. Krey hat auf eine Anfrage dieser Zeitung nicht reagiert.

Militaria-Messe mit Nazi-Devotionalien: Messe Gießen bleibt Antwort schuldig

Gemäß § 86a Strafgesetzbuch ist das Verwenden von Kennzeichen verfassungswidriger und terroristischer Organisationen verboten. Dazu gehören auch nationalsozialistische Zeichen wie etwa das Hakenkreuz oder der SS-Totenkopf. Dieses Verbot wird oftmals sehr pragmatisch umgangen, zum Beispiel durch das Abkleben solcher Zeichen auf Dolchen, Helmen und Co. So ist es auch bei den in dem Video gezeigten Devotionalien geschehen. Bei den Anmeldebestimmungen für die in Gießen geplante Messe informiert Krey die Anbieter ebenfalls, wie auf diese Weise das Verbot umgangen werden kann.

Auf der Messe - wie hier gezeigt in Kassel - sind in der Vergangenheit Nazi-Symbole überklebt worden.
Auf der Messe - wie hier gezeigt in Kassel - sind in der Vergangenheit Nazi-Symbole überklebt worden. © Red

In Halle dürften die Verantwortlichen erleichtert sein, dass Krey seine Messe nun 250 Kilometer entfernt unterbringen will. Nachdem die Stadt Kassel die Messe untersagt hatte, wollte Krey seine Schau in der ostdeutschen Großstadt veranstalten. Doch dagegen regte sich Protest, vor allem, da der Termin auf den Jahrestag des Anschlags fiel, bei dem ein Rechtsextremist in die Synagoge im Paulusviertel eindringen wollte und schlussendlich zwei Menschen tötete.

Auch der Bürgermeister von Halle, Egbert Geier, wollte die Messe daher verhindern. Er habe, so der Stadt-Pressesprecher Drago Bock, »die Veranstalter und die Messe dringend gebeten, die Veranstaltung nicht durchzuführen - nicht zuletzt vor dem Hintergrund der antisemitischen Anschläge vom 9. Oktober 2019 - sowie sich rechtliche Schritte über das Waffen- und Gewerberecht in Abstimmung mit der Polizei vorbehalten.« Ob Krey die Veranstaltung selbst zurückgezogen hat, konnte Bock nicht mit Gewissheit sagen.

Gießener Politik zu Messe: „Faschisten in unserer Stadt nicht willkommen“

In Gießen hat Krey mit einem alten Bekannten zu tun. Denn der Geschäftsführer der hiesigen Messe, Roland Zwerenz, ist auch Chef der Messe Halle. Warum er die umstrittene Veranstaltung nun nach Gießen holen will, wie er zu der Kritik steht und wie er das Zeigen verfassungsfeindlicher Kennzeichen unterbinden will, bleibt unklar. Auch Zwerenz hat auf eine Anfrage dieser Zeitung nicht geantwortet.

Dafür meldet sich die Gießener Politik zu Wort. Mit Erschrecken hätten die Koalitionsfraktionen von der geplanten Ausrichtung erfahren, heißt es in einer Stellungnahme. »Eine Verkaufsmesse zum Erwerb von scharfen Waffen und NS-Devotionalien darf es in unserer friedlichen, bunten und weltoffenen Stadt Gießen nicht geben«, betonten die Fraktionsvorsitzenden Vera Strobel (Bündnis 90/Die Grünen), Christopher Nübel (SPD) und Melanie Tepe (Gießener Linke). Gießen stehe für ein friedliches und gewaltfreies Zusammenleben sowie für einen engagierten Kampf gegen Rechtsextremismus. »Faschisten sind in unserer Stadt nicht willkommen. Gewalt, Hass und Hetze haben ebenso keinen Platz wie verfassungsrechtlich verbotene Symbole und Volksverhetzung.«

Gießener OB Becher: „Dafür gibt es keinerlei Akzeptanz“

Nach aktuellen Stand wird es dazu auch nicht kommen. »Die Ordnungsbehörde hat das Unternehmen mit Sitz in Kiel heute, Montag, darüber informiert, dass das Ausstellen von Waffen auf Ausstellungen nach Waffengesetz verboten ist. Eine Ausnahme müsste die Waffenbehörde beim Landkreis Gießen genehmigen«, teilte Boje am Montagabend (24. Oktober) mit. Eine solche Genehmigung liege aber nicht vor. Der Veranstalter habe nun einige Tage Zeit, sich dazu zu äußern.

Auch Oberbürgermeister Frank-Tilo Becher findet klare Worte. Er lege Wert darauf, dass Gießen nicht erneut - wie bei der Nutzung der Messe für das Eritrea-Festival - zu einem Zufluchtsort für umstrittene Veranstaltungen werde. »Nicht nur in Halle und Kassel sind solche Waffenschauen unerwünscht. Auch Gießen kann gut darauf verzichten, einen schädigenden Ruf als Verkaufsstelle für Waffen oder sogar verfassungsfeindliche Werbeartikel zu bekommen. Dafür gibt es keinerlei Akzeptanz.« (Christoph Hoffmann)

Auch interessant

Kommentare