Der „weiße Wolf“ und die Waffen

Attentäter von Hanau bezog sich womöglich auf den NSU

Nach dem rassistischen Anschlag von Hanau sind weiter viele Fragen offen. Wie war sein Bezug zum NSU? Und hat er sich all die Munition für seine Waffen auf legalem Weg beschafft?

  • Nach dem Anschlag in Hanau* ist noch vieles unklar
  • Es stellen sich Fragen zu Tobias R.s Bezug zum NSU und seinen Waffen
  • Eine Opferinitiative beklagt mangelnde Information

Vor sieben Wochen ermordete Tobias R. in Hanau aus rassistischen Motiven neun Menschen mit Migrationsgeschichte. Anschließend tötete er seine Mutter und sich selbst. Viele Aspekte des Anschlags sind weiterhin ungeklärt, und neue Einzelheiten werfen weitere Fragen auf.

Auf der Website des 43-Jährigen war ein weißer Wolf mit blauen Augen zu sehen – in der rechtsextremen Szene steht der „lone wolf“ für das in den USA geprägte Prinzip des sogenannten führerlosen Widerstands. Auch der NSU bezog sich darauf. Und er spendete offenbar für das deutsche Neonazi-Magazin „Der Weiße Wolf“. Dieses bedankte sich 2002 in einem Vorwort bei der terroristischen Vereinigung.

Es ist nicht die einzige mögliche Bezugnahme von R. auf den NSU. Nach den Morden war in seinem Auto eine „Czeska“ gefunden worden – jene Marke, die der NSU zum Töten benutzte. Ob R. dies ebenfalls tat oder nur seine „SIG Sauer“ oder „Walther“ verwendete, ist unklar. Aber er lieh sich die „Czeska“ kurz vor der Tat, am 7. Februar, bei einem Hanauer Waffenhändler, für einen Monat. Ein legaler Vorgang, weil der Attentäter als Sportschütze die Berechtigung dazu hatte.

Attentäter von Hanau: War die Beschaffung der Munition legal?

Auf Aufnahmen, die die FR einsehen konnte, ist die am Tatort in Hanau-Kesselstadt gebrauchte Tatwaffe nicht eindeutig zu erkennen. Zu sehen ist jedoch, dass sie mit einem Langmagazin ausgestattet ist. Woher hatte er das Magazin und so viel Munition? War die Beschaffung legal? Er gab 52 Schüsse ab, hatte noch 18 Patronen dabei und in einem Rucksack in seiner Wohnung mehr als 350 Schuss.

Die „Initiative 19. Februar Hanau“, die Aufklärung fordert und Angehörige der Opfer unterstützt, kritisiert, dass die Behörden „keinerlei Informationen zum aktuellen Ermittlungsstand herausgeben“, weder zu ballistischen Untersuchungen noch zu R.s gelöschter Internetseite, seinen Auslandsaufenthalten und NSU-Verweisen. Die Initiative spricht von einer „faktischen Informationsblockade“ und verlangt Antworten.

Der „Spiegel“ berichtete kürzlich, dass R. ein Schießtraining in der Slowakei machte. Zudem besuchte er 2018 einen Ort im US-Staat Wyoming. Es wird geprüft, ob er dort „Tempelritter“ kontaktierte, auf die sich Rechtsextreme teilweise beziehen. Fragen wirft auch die Zeitspanne zwischen dem Eintreffen der Polizei am Wohnort der R.s und dem Stürmen des Hauses auf, etwa vier Stunden.

Anschlag in Hanau: Bedrohte Tobias R. Jugendliche mit Gewehr?

Nach FR-Informationen soll R. zuvor durch einen Fall von Sozialhilfebetrug und Ordnungswidrigkeiten aufgefallen sein, etwas „Staatsschutzrelevantes“ sei nicht dabei. Vor den Morden, in diesem Jahr, war er demnach „sehr, sehr häufig“ Schießen gewesen. Sein Schützenverein hatte von etwa 20 Einheiten gesprochen, aber im vergangenen Jahr.

Zu klären ist überdies, ob R. oder ein anderer 2018 in militärischer Tarnkleidung und mit einem Gewehr Jugendliche in R.s Straße mit dem Tod bedrohte*. Er habe gesagt: „Verpisst Euch, ihr scheiß Kanaken.“ Sie riefen die Polizei, die den Mann nicht mehr antraf. Eine Anzeige blieb ohne Ergebnis.

Ein Sprecher des zuständigen Generalbundesanwalts teilte auf eine FR-Anfrage mit, dass die Ermittlungen andauerten. Er bitte um Verständnis dafür, dass derzeit keine weiteren Angaben gemacht werden könnten.

Rund um den Anschlag in Hanau kursieren zahlreiche Falschmeldungen. Ein Faktencheck.

Auch Wochen nach dem Anschlag kommt Hanau nicht zur Ruhe. Am zweiten Ort des Attentats gab es einen Fall von Vandalismus.

Die Opfer des Anschlags von Hanau fühlen sich von dem Verhalten von Bundestagsmitarbeitern verhöhnt*.

Ein Vierteljahr nach dem rassistisch motivierten Anschlag bezeichnet Oberbürgermeister Claus Kaminsky (SPD) die Aufklärung und Konsequenzen von Hanau als bisher „unzureichend“.

Vili Viorel Păun ist eines der Opfer des Terroranschlags von Hanau. Bislang galt er als Zufallsopfer. Doch möglicherweise versuchte er den Täter zu stoppen.

*fr.de und op-online.de ist Teil des bundesweiten Ippen-Digital-Redaktionsnetzwerks

Rubriklistenbild: © Nicolas Armer/dpa

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