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Kuriose Chats geben Einblick in riesige Kokain-Deals: „Fahre doch kein Obst durch die Gegend“

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Von: Thorsten Becker

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Große Mengen Kokain sollen von Hanau aus in Deutschland verteilt worden sein. Die Kommunikation wird nun als Beweis vorgebracht.

Hanau – Im Prozess um Drogenhandel im großen Stil geben ausführliche Chats und Preisabsprachen zwischen den angeklagten Dealern vor dem Landgericht Hanau einen tiefen Einblick in die Abläufe der illegalen und bundesweiten Geschäfte.

Carlo Conze, Beisitzender Richter der 7. Großen Strafkammer am Hanauer Landgericht, hat an diesem Tag einen langen Atem. Denn er ist es, der aus dem riesigen Aktenstapel des Hanauer „Anom-Chat“-Verfahrens alles vorliest, was einige der fünf Männer, die auf der Anklagebank sitzen, geschrieben und gesagt haben sollen. Es sind schier endlose Reihen von Text- und Sprachnachrichten.

Wer diese Chats hört oder liest, denkt zunächst an ganz normales Geplauder. „Wann bist du da?“, fragt G. und O. antwortet: „Das Navi sagt: In 15 Minuten.“ Neben Terminabsprachen geht es auch um ganz banale Dinge des menschlichen Zusammenlebens: „Ich esse erst was, meine Frau hat gekocht“, oder „Ich muss erst noch die Kleine in den Kindergarten bringen.“

Drogen-Prozess in Hanau: „Ich fahre doch kein Obst oder Gemüse durch die Gegend!“

Doch die meisten Passagen, die Richter Conze vorliest, haben es in sich. „Morgen müssen drei Blöcke nach Köln“, lautet eine Anweisung. Termine werden vereinbart. Kurz vor dem Zielort kommen exakte Anweisungen für den Fahrer, wo die Ware abzuliefern sei. Doch am Treffpunkt ist niemand. „Hubertus kommt etwas später“, heißt es. Doch der Lieferant scheint nervös und ungeduldig zu sein und textet zurück: „Ich fahre doch kein Obst oder Gemüse durch die Gegend!“

Riesige Mengen Kokain sollen von Hanau aus in Deutschland verteilt worden sein. Die Kommunikation wird nun als Beweis vorgebracht.
Aus Hanau sollen große Mengen Kokain verkauft worden sein. © Arne Dedert/dpa

Nein, das ist es nicht, denn ab und zu liest Richter Conze auch Zahlen vor wie „31.500 Euro“ – der Preis für die Lieferungen von großen Mengen Kokain. Von Hanau aus nach Viernheim, Mannheim, Frankfurt, Köln oder Düsseldorf. Selbst die Codeworte wie „Corona“ oder „Blacky“ tauschen die Dealer über die Chats mit. Denn sie fühlen sich sicher: Sie können frei kommunizieren, niemand kann die Krypto-Handys der Marke „Anom“ knacken.

„Anom“, so ist bekannt, ist abhörsicher. Und so sind die mutmaßlichen Dealer in eine gigantische, weltweite Falle gegangen. Denn bei der vom amerikanischen FBI und dem australischen Bundeskriminalamt organisierten internationalen Polizeiaktion „Operation Trojan Shield“ hatten Fahnder sämtliche Daten der angeblich verschlüsselten „Anom-Chats“ aus Krypto-Handys genutzt, um Verdächtige aufzuspüren. Das FBI hatte „Anom“ selbst hergestellt und in die Unterwelt geschleust (wir berichteten). Daher müssen sich seit Wochen die fünf Männer im Alter von 25 bis 47 Jahren vor dem Landgericht Hanau verantworten.

Landgericht Hanau: Drogen im Wert von vier Millionen Euro

Florian Gensheimer von der Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt wirft ihnen vor, mit insgesamt 111 Kilogramm Kokain sowie 199 Kilogramm Amphetaminen gehandelt zu haben. Auf dem Schwarzmarkt haben die Drogen einen geschätzten Großhandelspreis von rund vier Millionen Euro, der Straßenverkaufspreis dürfte um ein Vielfaches höher liegen.

Die Männer waren im Rahmen der weltweiten Razzia „Trojan Shield“ im Juni 2021 festgenommen worden. Fahnder hatten in Hanau und anderen Orten im Main-Kinzig-Kreis unter anderem rund 16 Kilogramm Kokain, 1,4 Kilo Amphetamin sowie Bargeld und Luxusgüter sichergestellt. Die Gesamtmenge der Drogen soll sich aus Chats und abgehörten Drogengeschäften ergeben haben. Als mutmaßliche Drahtzieher sind ein 31-Jähriger aus Hanau sowie ein 47-jähriger Mann aus Frankfurt angeklagt. Sie sollen eine professionelle Infrastruktur sowie ein Netzwerk aus Bunkerhaltern, Kurierfahrern und Auslandskontakten aufgebaut und betrieben haben. Bei den drei anderen Männern solle es sich um Mittäter, meist Kuriere, handeln.

Hanau: Noch 17 Verhandlungstermine stehen an

Es ist bereits der dritte Prozess im „Anom“-Chat-Komplex, der vor dem Hanauer Landgericht verhandelt wird. Und es könnte der kniffligste sein, denn bislang gibt es zwischen den Juristen noch große Differenzen, wie der Drogenhandel im großen Stil geahndet werden könnte. Daher könnte der Prozess vor der 7. Kammer unter dem Vorsitzenden Richter Dr. Niels Höra noch recht lange dauern. Inzwischen sind 17 weitere Verhandlungstermine bis Ende März anberaumt worden.

Hinzu kommt ein Paukenschlag, für den die Staatsanwaltschaft Hanau vor mehr als einer Woche gesorgt hat. Sie leitete Ermittlungsverfahren gegen mehrere Rechtsanwälte aus Frankfurt ein, bei denen richterlich angeordnete Durchsuchungen von insgesamt sieben Objekten, darunter Rechtsanwaltskanzleien und Wohnungen in Frankfurt und im Vogelsbergkreis, vollstreckt wurden.

Hanau: Anwälte im Drogen-Prozess sind mutmaßliche Verdächtige

„Im Rahmen der Durchsuchungsmaßnahmen wurden zahlreiche elektronische Speichermedien sichergestellt, die nunmehr ausgewertet werden“, teilte die Staatsanwaltschaft Hanau auf Anfrage mit. Einer der Beschuldigten wurde in Untersuchungshaft geschickt. Der Verdacht: illegaler Drogenhandel. Das Pikante: Zwei der bisher in dem Hanauer Prozess als Verteidiger aktive Rechtsanwälte gehören offenbar zu dem Kreis der Verdächtigen.

So hat es vor wenigen Tagen einen „Wechsel“ auf der Anklagebank gegeben, weil zwei Verteidiger ihre Mandate niedergelegt haben. Dafür sind zwei neue Rechtsanwälte in den Prozess eingestiegen. Der Prozess wird fortgesetzt. (Thorsten Becker)

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