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Vom „Schandfleck“ zum Schmuckstück: Ehepaar saniert denkmalgeschütztes Haus in Hessen

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paq_1878haus_061222_4c_1 © Imme Rieger

Innerhalb von 13 Monaten sanieren Janina und Christopher Kane das denkmalgeschützte „Boppehaus“ im hessischen Langgöns.

Langgöns - »Am Anfang war es ein Schandfleck, jetzt ist es ein Schmuckstück«, freuen sich Janina und Christopher Kane. Das Ehepaar hat das historische und denkmalgeschützte »Boppehaus« in der Moorgasse 4 im Lang-Gönser Ortskern innerhalb von 13 Monaten von Grund auf saniert. Vorher war das Gebäude 40 Jahre sich selbst überlassen gewesen.

»Es war uns ein Herzensprojekt«, sagen die beiden. Anfang November sind sie mit ihrer kleinen Tochter eingezogen, das war sogar zwei Monate früher als ursprünglich geplant.

Vor der Kernsanierung glich das Gebäude, das vermutlich aus dem 18. Jahrhundert stammt, vielleicht aber sogar deutlich älter ist, einer Ruine. Der Großvater von Christopher Kane hatte das Haus 1990 gekauft, es stand zuvor schon einige Jahre leer. Dem Enkel als gebürtigem Lang-Gönser war es schon immer ein Anliegen gewesen, im Ort wohnen zu können. »Das Haus hat einen eigenen Charme, es ist individuell und liegt auf einem Familiengrundstück«, sagt er.

Lange hat das Paar überlegt, ob es das Wagnis der Sanierung eingehen soll. »Meine Schwiegermutter sagte früher immer: ›Hier kann man nicht reingehen.‹« Es hieß immer, dass die Sanierung mindestens eine halbe Million kosten würde, »deswegen hatten wir nie einen Gedanken daran verschwendet«.

Sanierung des „Boppehaus“ in Hessen kostet rund 400 000 Euro

Ein Statiker und Architekt sollten dazu Gewissheit verschaffen. Und diese war positiv: Die halbe Million würde man wohl nicht knacken. Tatsächlich stehen am Ende rund 400 000 Euro unterm Strich, rund 100 000 Euro davon konnten mit Fördergeldern finanziert werden.

Die Familie lebt nun auf zwei Etagen auf 145 Quadratmetern. Der gedämmte, aber nicht ausgebaute Dachboden bietet weitere 70 Quadratmeter Potenzial. Ein Anbau soll im kommenden Jahr die Funktion eines Freisitzes bekommen, auch ein Ofen kann dort an den Kamin angeschlossen werden.

Architekt Berchtold Büxel aus Lich begleitete das Paaar bei dem Projekt. »Ohne diesen Architekten hätte es viel länger gedauert, er hat sehr gut gearbeitet.« Als überaus positiv erlebt haben die Kanes auch die Vergabe der Gewerke an örtliche und regionale Firmen: »Das hat sehr gut funktioniert, auch die Firmen untereinander haben sich perfekt abgestimmt. Das ist der Vorteil, denn diese regionalen Unternehmen kennen sich meistens schon von anderen Baustellen«, sagte Christopher Kane.

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paq_1876_061222_4c_1 © Imme Rieger

Denkmalgeschütztes Haus in Hessen: Monatelang Balken gehobelt

Das Schwierigste der ganzen Sanierung sei die Aufarbeitung der alten Balken gewesen. »Sie mussten gesäubert, geschliffen und gehobelt werden, das war alles sehr aufwendig. Am Ende wurden sie dann noch lasiert«, sagt der Bauherr. »Ich habe drei Monate lang nur Balken geschliffen, bevor der Innenausbau beginnen konnte.«

Auch die Treppe war ein Mammutprojekt: Unzählige Schichten Lack hafteten darauf, sie wurde als letztes vor dem Einzug von einer Fachfirma aufgearbeitet. »Freitags musste der frische Lack noch trocknen, samstags sind wir eingezogen.«

Zur viel befahrenen Straße hin wurden spezielle Schallschutzfenster eingebaut, dort befindet sich im Parterre jetzt ein Arbeitszimmer, im Obergeschoss ist das Wohnzimmer. Im seitlich zur Straße gelegenen Schlafzimmer des Paares sind normale Fenster eingebaut, »wir können hier gut schlafen und hören von der Straße nicht viel«.

Wer vor dem Haus steht, erkennt die schiefen Balken: Es musste viel ausgeglichen werden, besonders bei den Böden, »auch alle Wände sind schief«.

Ein Kleinod ist die alte Haustür. Das uralte Stück wurde von einem Schreiner aus Muschenheim fachgerecht aufgearbeitet. Dabei mussten auch unzählige Nägel entfernt werden. »Warum die alle in der Tür steckten, wissen wir auch nicht.«

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paq_1876-2_061222_4c_1 © Imme Rieger

Hessen: Im Keller sammelte sich immer wieder Wasser an

Der Keller wurde bei den Umbaumaßnahmen komplett zugeschüttet, denn dort sammelte sich immer wieder Wasser. Der darüber liegende Raum, das Schlafzimmer, konnte dadurch einen halben Meter heruntergesetzt werden, damit es ebenerdig zum Eingangsbereich wird. Im Esszimmerbereich wurden neue Dielen verlegt, im Wohnzimmer konnten die alten erhalten werden.

Die ursprüngliche Wohnzimmertür im Obergeschoss und die Badezimmertür wurden zugemauert, ein neues Gäste-WC entstand im Obergeschoss.

Im kommenden Jahr soll noch ein Vorgarten neu angelegt und das i-Tüpfelchen der Sanierung werden. Dazu wird die Einfahrt auf den Hof des Anwesens auf die linke Seite verlegt: »Das möchten wir schon aus Rücksicht auf unsere kleine Tochter machen.« Hier und da müsste auch im Haus noch etwas gemacht werden, »die letzten fünf bis zehn Prozent fehlen noch«, bekennt der Hausherr. Aber im Großen und Ganzen ist alles rundum und sehr eindrucksvoll gelungen.

Bei der Einwerbung von Fördergeldern habe der Architekt sehr geholfen, sagt das Paar. »Er wusste, welche Förderungen beantragt werden können und hat diese dann auch für uns übernommen.« So haben die Kanes allein 60 000 Euro vom Landkreis Gießen zugesagt bekommen. Dieses Geld stammt aus einem Topf zur »Revitalisierung der Ortskerne im Landkreis Gießen«. Sie möchten andere Besitzer von sanierungsbedürftigen Häusern darauf aufmerksam machen, denn »dieses Förderprogramm wird aktuell gar nicht ausgeschöpft«. 30 000 Euro gab es darüber hinaus von der KfW, 4000 Euro für den Einsatz eines Energieeffizienzberaters, 4000 Euro Zuschuss vom Denkmalschutz für die Sanierung der Tür und nochmal 1000 Euro für Lehmbauarbeiten.

„Boppehaus“ in Langgöns: „Hoffen, dass wir ein Vorzeigeprojekt werden“

»Wir hoffen, dass wir ein Vorzeigeprojekt werden und stehen gerne für Informationen zur Verfügung«, sagt das Ehepaar. »Wir wissen, dass Bauherren im Moment schwere Zeiten haben und sind sehr, sehr froh, dass wir den Schritt 2021 getan haben, denn 2022 wären die Kosten um 40 Prozent höher gewesen, auch die Zinsen sind jetzt höher«, sagen die beiden. Künftigen Bauherren rufen sie zu: »Habt Geduld. Es kommen auch wieder bessere Zeiten.« Bereut haben sie das Projekt der Sanierung einer Ruine bis heute nicht: »Fertighaus kann jeder.« (iri)

Alte Häuser haben Charme, sie verlangen ihren Eigentümern aber auch einiges ab. Zwei Gießener erzählen, wie sie die Fassade ihres Hauses denkmalschutzgerecht sanieren.

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