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Mitten in Deutschland: HIV-positiver Student wird von Uni ausgeschlossen - und verliert vor Gericht

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Von: Momir Takac

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Ein Student sitzt im Hörsaal einer Universität.
Ein Student sitzt im Hörsaal einer Universität. (Symbolbild) © picture alliance/dpa | Sina Schuldt

Ein Student wird von einer Uni ausgeschlossen, weil er HIV-positiv ist. Dagegen klagt er. Doch in letzter Instanz verliert er überraschend.

Marburg - HIV-positive Menschen führen in Deutschland heutzutage ein nahezu normales Leben. Das liegt an gut wirksamen Medikamenten, welche die Lebenserwartung auf ein Normalmaß anheben und die Viruslast von Patienten extrem mindern. Auch wenn noch immer viele HIV-Positive Angst vor Ausgrenzung haben, werden sie nicht mehr so sehr stigmatisiert wie früher.

Das dachte auch ein Student der Universität Marburg, bis ihm eine arbeitsmedizinische Eignungsuntersuchung beim betriebsärztlichen Dienst der Uni zum Verhängnis wurde. Am Ende der Geschichte stand ein Urteil des Hessischen Verwaltungsgerichtshofs, der in letzter Instanz entschieden hatte, dass der Student sein Studium der Zahnmedizin nicht fortsetzen durfte, berichtet merkur.de.

HIV-positiver Student wird von Universität ausgeschlossen und klagt

Die Hessenschau berichtete über den schockierenden Fall. Der Student, um den es geht, ist heute 34 Jahre alt, und weiß seit 2012, dass er HIV-positiv ist. Nach der Schule machte er seinen Kindergarten-Traum wahr und begann ein Studium der Zahnmedizin. An der Philipps-Universität in Marburg meisterte er zwei theoretische Studienabschnitte, 2020 stand ein praktischer Teil im Uniklinikum Gießen-Marburg an. Doch diesen absolvierte der Student nicht mehr.

Unmittelbar vor dem Block war eine Eignungsuntersuchung durch eine Betriebsärztin fällig. Fragen zu Infektionskrankheiten ließ der Student zunächst unbeantwortet. Sein gutes Recht, wie die Deutsche Aidshilfe schreibt. Der Organisation zufolge gibt es in Deutschland keine Mitteilungspflicht einer HIV-Erkrankung. Doch weil die Ärztin hartnäckig blieb, willigte er schließlich einem Test ein.

Universität Marburg setzt sich über Gerichtsurteil hinweg

Das Ergebnis fiel natürlich positiv aus. Der Student blieb gelassen, bis ihm die Ärztin entgegnete, dass sein Studium auf der Kippe stehe. Zunächst hielt er dies „für einen schlechten Scherz“, schreibt Hessenschau. Doch die Universität machte Ernst und schloss den Studierenden für ein Jahr aus. Zu groß sei die Gefahr für seine Kommilitonen und damit auch für spätere Patienten, hieß es.

Doch es kam noch dicker. Als das Jahr fast vorüber war und die praktischen Kurse anstanden, erhielt der Aidskranke keine Eignungsbescheinigung. Die Begründung: Er habe sich der Kontrolle verweigert und keine Testergebnisse mehr vorgelegt. Der Student sollte ein Jahr lang monatlich einen Test über seine Ansteckung nachweisen und diesen noch dazu aus eigener Tasche bezahlen. Das tat er neun Monate lang, 145 Euro zahlte er stets selbst.

Gericht lehnt Gutachten von renommiertem deutschen HIV-Forscher ab

Schließlich klagte der HIV-infizierte Student gegen seinen Ausschluss und wurde vom Kölner Rechtsanwalt Jacob Hösl vertreten. „Die Auflagen hatten einen bestrafenden Charakter, weil die praktischen Kurse zu dem Zeitpunkt noch gar nicht angefangen hatten. Es geht aber darum, Gefahren abzuwenden und nicht Disziplin durchzusetzen“, argumentierte er.

Hösl ließ ein Gutachten bei einem der führenden HIV-Wissenschaftler Deutschlands erstellen. Mit Erfolg. Das Verwaltungsgericht in Gießen folgte im November 2021 dem Gutachten von Jürgen Rockstroh und konstatierte, dass es aus infektiologischer Sicht keinen Grund für den Ausschluss gibt.

Doch die Freude währte nur kurz. Die Universität hielt das Teilnahmeverbot aufrecht und bot Lösungsvorschläge an, die den Studenten nicht zufriedenstellten. Schließlich erstellte die Uni ein „Gefahrenkataster“ und sprach ein Betretungsverbot aus. Dagegen wehrte er sich erneut.

Verwaltungsgerichtshof gibt Universität plötzlich recht - Urteil macht Anwalt fassungslos

Doch der Hessische Verwaltungsgerichtshof gab der Universität im Januar 2022 unerwartet recht und beendete faktisch das Studium in Marburg. Für Anwalt Hösl eine „abenteuerliche Entscheidung“. Vor allem die Begründung macht ihn fassungslos. Das Gericht habe Rockstrohs Gutachten abgelehnt, weil dieser ein Humanmediziner sei, „der die Praxis in den fraglichen zahnmedizinischen Lehrveranstaltungen nicht aus eigenem Erleben kennen dürfte“.

Auch der betroffene Student äußerte sich wütend. „Dass HIV-Positive aus Teilen einer staatlichen Universität entfernt werden können, weil sie als Gefahrenobjekt gesehen werden, ist für mich einfach unfassbar. Und das geht sogar bei Gerichten durch“. Heute ist die Wissenschaft sogar so weit, dass erste Menschen mit HIV geheilt werden konnten. (mt)

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