Experten warnen vor Anstieg verdeckter Insolvenzen

Trotz Corona weniger Pleiten in Nordhessen: Doch der Schein trügt

Das Geld wird knapp: Viele Studenten haben in der Corona-Krise ihre Jobs verloren und wissen nicht, wie es weitergeht. (Symbolbild)
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Obwohl Unternehmen schwer von der Corona-Krise gebeutelt werden, sank die Zahl der Insolvenzen in der Region. (Symbolbild)

Trotz Corona: Die Zahl der Insolvenzen geht in Nordhessen zurück. Doch Experten waren vor Spätfolgen der Pandemie.

Kassel – Trotz des massiven Konjunktureinbruchs im Zuge der Corona-Pandemie ist die Zahl der Insolvenzen in Nordhessen im ersten Halbjahr 2020 gesunken. Im Vergleich zum Vorjahr verringerte sie sich um 10,9 Prozent von 183 auf 163 Fälle. Das teilte die Auskunftei Creditreform mit.

Zurückzuführen ist das vorwiegend auf die ausgesetzte Pflicht zur Insolvenzanmeldung, die seit Anfang März und zunächst bis Ende September gilt. So sollte laut Bundesjustizministerin Christine Lamprecht (SPD) zahlungsunfähigen Unternehmen Zeit verschafft werden, um staatliche Hilfen zu beantragen und Sanierungsbemühungen voranzutreiben.

Der Rückgang, der auf den ersten Blick in Zeiten der Coronakrise nach einer guten Nachricht klingt, beunruhigt Experten. Sebastian Schlegel, Geschäftsführer der Creditreform Kassel, etwa warnt vor einem Anstieg der Zahl verdeckt verschuldeter Firmen. „Wie die Entwicklung der Insolvenzen seit März 2020 zeigt, wird der vom Gesetzgeber intendierte Normzweck erreicht und wahrscheinlich sogar in missbräuchlicher Weise übertroffen. Denn die Antragszahlen sind klar rückläufig, obgleich sie an sich mehr oder minder stabil hätten bleiben müssen, nachdem nur Corona-bedingte Insolvenzursachen von der Antragspflicht befreien“, sagt er.

Schlegel vermutet, dass auch solche Unternehmen, die gar nicht Adressat der Aussetzung der Antragspflicht waren, in ihrem Windschatten zulasten ihrer Gläubiger und Lieferanten ihren Geschäftsbetrieb fortführen. Hier werde deutlich, welche Nebenwirkungen und Risiken die zeitweilige Suspendierung der Antragspflicht haben könne. Sie verschleiere vor allem den tatsächlichen Zustand der Unternehmen.

Das Ausbleiben von Insolvenzen gefährde langfristig die Wettbewerbsfähigkeit unseres Landes. „Das Corona-bedingte Gewitter am Konjunkturhimmel wird noch lange zu spüren sein“, sagt Schlegel vorher. Für kleine und mittelständische Unternehmen sei die Lage viel gefährlicher als nach der Weltfinanzkrise von 2008, da die ganze Breite der Wirtschaft betroffen sei.

Auch Carsten Koch, Fachanwalt für Insolvenzrecht in der Kasseler Kanzlei Westhelle und Partner bekräftigt, dass die Statistik die wirtschaftliche Not vieler Unternehmen nicht widerspiegele. Er fürchtet massive Folgeschäden für die Liquidität der jeweiligen Gläubiger. » 

Weniger Pleiten trotz Corona: Wirtschaftsanwalt erklärt den Hintergrund und warnt vor Spätfolgen

Die Zahl der Unternehmens-Insolvenzen ist im ersten Halbjahr 2020 zurückgegangen, da die Bundesregierung wegen der Coronakrise die Meldepflicht vorerst ausgesetzt hat. Darüber sprachen wir mit Carsten Koch, Fachanwalt für Insolvenzrecht in der Kasseler Kanzlei Westhelle und Partner.

Herr Koch, spiegelt der Rückgang der Zahl der Insolvenzanträge die tatsächliche ökonomische Entwicklung der Unternehmen wider oder trügt der Schein?

Der Schein trügt. Wir haben durch die Aussetzung der Insolvenz-Antragspflicht ja überhaupt keine Veränderung an der tatsächlichen wirtschaftlichen Entwicklung der Unternehmen. Nur der Umstand, dass sie derzeit keinen Antrag stellen müssen, heißt noch lange nicht, dass es ihnen wirtschaftlich gut geht – und vor allen Dingen, dass keine Insolvenztatbestände vorliegen.

War es ein Fehler, die Meldepflicht auszusetzen?

Es war sinnvoll, um erst einmal in einem überschaubaren zeitlichen Rahmen einen Überblick zu haben und zu schauen, wie wir mit dieser einzigartigen Situation umgehen können. Aber wir müssen möglichst bald wieder zur Normalität zurückfinden. Dann muss es auch wieder Insolvenzanträge geben, da die Insolvenzordnung wieder ihre Ordnungsfunktion erfüllen und Gläubiger vor zahlungsunfähigen Vertragspartnern schützen muss.

Was passiert dann?

Wir werden einen deutlichen Anstieg an Insolvenzverfahren erleben. Im Moment haben wir fast gar keine Antragseingänge bei den Gerichten. Die Antragspflicht ist ja vom Gesetzgeber nur ausgesetzt worden für solche Unternehmen, die durch Corona in Schwierigkeiten geraten sind. Bei normaler wirtschaftlicher Entwicklung ohne Pandemie hätte es ja auch Insolvenzverfahren gegeben. Aber auch diese Betriebe stellen im Moment keine Anträge.

Sie fürchten also den Anstieg der Zahl verdeckt verschuldeter Firmen, die die Aussetzung der Antragspflicht offenbar missbrauchen?

Die Corona-Maßnahmen der Regierung ermöglicht es diesen Unternehmen, sich durch Kredite etwa von der KfW immer weiter zu verschulden. Jede Firma hat einen gewissen Schwellenwert, an dem die Überschuldung einfach nicht mehr getragen werden kann. Jedes Darlehen führt ja dazu, dass der Betrieb Zins- und Tilgungsleistungen erbringen muss. Die können nur aus dem, was er erwirtschaftet hat, erbracht werden. Irgendwann ist ein Punkt erreicht, an dem das nicht mehr funktioniert. Setze ich in diesem Moment die Meldepflicht aus, geht das direkt zulasten der Gläubiger.

Sie teilen demnach die Sorge von Christoph Niering, dem Vorsitzenden des Verbands der Insolvenzverwalter, der eine „nicht mehr kalkulierbare Kettenreaktion“ fürchtet, in deren Folge die finanziellen Lasten auf Vermieter, Lieferanten und Banken verschoben werden?

Ja, und zwar in Bereichen, die gar nicht so unmittelbar von der Coronakrise erfasst sind. Die Handwerker zum Beispiel haben ihre Kredite relativ unproblematisch weiter abbezahlt. Haben die aber irgendwann Rechnungen, die irgendjemand nicht mehr bezahlt, fällt bei ihnen Geld aus, und sie kommen in Schwierigkeiten.

Die Gläubiger sind also am Ende die Gelackmeierten.

Über sie wird im Moment leider relativ wenig gesprochen. Wenn beispielsweise ein Restaurant-Besitzer Umsatzeinbußen hat und seine Miete für die kommenden Monate gestundet wird, dann laufen Verbindlichkeiten auf. Die werden alle fällig, wenn die Ausnahme-Regelungen Ende September auslaufen. Die wenigsten Unternehmen haben in den letzten Wochen so viel verdient, dass sie das, was sie in den vergangenen vier oder fünf Monaten nicht bezahlen konnten, dann plötzlich bar auf dem Konto haben. Auch bei den Betrieben, die wieder angelaufen sind, sieht es noch nicht so gut aus wie vor Corona. Umgekehrt muss aber beispielsweise der Vermieter des Restaurants seine Immobilie ja vielleicht auch finanzieren.

Das setzt dann die befürchtete Kettenreaktion in Gang?

Ja, wenn der Vermieter keine Miete bekommt, kann er seine Bank nicht bedienen oder den Handwerker wegen einer fälligen Reparatur nicht bezahlen. Dann setzt sich auch da eine Spirale in Gang, die ich zwar nicht so unmittelbar wahrnehme wie etwa einen direkten Anstieg der Arbeitslosenzahlen durch Entlassungen. Aber mittel- und langfristig wird das für die Gläubiger große Schwierigkeiten mit sich bringen. Dabei müssen wir eins sehen: Die Insolvenzordnung hat nach dem Willen des Gesetzgebers zunächst die gleichmäßige Befriedigung der Insolvenz-Gläubiger zum Ziel und strebt dann erst mittelbar den Erhalt der Unternehmen und Arbeitsplätze an, weil so in den meisten Fällen eine höhere Befriedigungsquote erreicht werden kann.Von Nicole Schippers

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