46P/Wirtanen

Komet 46P/Wirtanen bläst Alkohol ins Weltall

Der Komet 46P/Wirtanen kam der Erde im Dezember 2018 nahe. Im Bild leuchtet er grün, seine Koma ist deutlich zu sehen und auch ein leichter Kometenschweif (nach oben links). (Archivbild)
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Der Komet 46P/Wirtanen kam der Erde im Dezember 2018 nahe. Im Bild leuchtet er grün, seine Koma ist deutlich zu sehen und auch ein leichter Kometenschweif (nach oben links). (Archivbild)

Der Komet 46P/Wirtanen überrascht die Forschung: Er bläst Alkohol ins All und verhält sich merkwürdig. Dahinter könnte ein mysteriöser Heizmechanismus stecken.

Hawaii/Frankfurt – Der Komet 46P/Wirtanen ist eigentlich ein alter Bekannter: Er wurde bereits im Jahr 1948 entdeckt. Da er sich maximal so weit von der Sonne entfernt wie der Planet Jupiter, wurde Komet Wirtanen häufig beobachtet und man weiß so einiges über ihn. Doch trotzdem kann der kurzperiodische Komet, der nur 5,4 Jahre für einen Umlauf um die Sonne benötigt, die Forschung noch überraschen, wie eine neue Studie zeigt.

Im Dezember 2018 flog Komet Wirtanen nah an der Erde vorbei. Er näherte sich bis auf 11,68 Millionen Kilometer – eine Tatsache, die von Forschenden genutzt wurde, um den Kometen genau zu beobachten. Eine Studie, die auf den Beobachtungsdaten vom Dezember 2018 basiert, zeigt nun, dass Wirtanen sich äußerst seltsam verhält. Gleich zwei Dinge fallen dabei ins Auge:

  • Komet Wirtanen hat eine ungewöhnlich große Menge an Alkohol freigesetzt.
  • Komet Wirtanen scheint eine mysteriöse Wärmequelle zu besitzen.

Komet 46P/Wirtanen bläst Alkohol ins Weltall

Dass Kometen Alkohol ins All hinausblasen, ist nichts Neues, ähnliches war beispielsweise 2015 beim Kometen Lovejoy (C/2014 Q2) entdeckt worden*. Doch Komet Wirtanen hat das Team um Hauptautor Boncho Bonev trotzdem überrascht: „46P/Wirtanen hat eine der höchsten Alkohol-zu-Aldehyd-Verhältnisse, die bis heute in einem Kometen gemessen wurden“, erklärt Co-Autor Neil Dello Russo.

„Das gibt uns Informationen darüber, wie Kohlenstoff, Sauerstoff und Wasserstoffmoleküle im frühen Sonnensystem verteilt waren, als Wirtanen entstanden ist“, führt er weiter aus. Bei dem Alkohol, den Komet Wirtanen ins Sonnensystem hinausbläst, handelt es sich jedoch nicht um Ethanol wie bei Komet Lovejoy, sondern um Methanol.

Komet46P/Wirtanen
Kometen-FamilieJupiter-Familie
Umlauf um die Sonne5,4 Jahre (kurzperiodischer Komet)
Rotation6-7,5 Stunden
Perihel (sonnennächster Punkt)1,055 AE (etwa 158 Mio. km)
Aphel (sonnenfernster Punkt)5,126 AE (etwa 768 Mio. km)

Kometen sind für die Forschung besonders interessant, weil sie in ihrem Eis Material aus dem frühen Sonnensystem in beinahe unverändertem Zustand „aufbewahrt“ haben. Nähern sie sich der Sonne, beginnt das Eis zu sublimieren – es verdampft, ohne vorher flüssig zu werden – um den Kometenkern entsteht eine Gas- und Staubwolke, die sogenannte Koma. Kommt der Komet der Sonne noch näher, schiebt die Strahlung der Sonne einen Teil der Koma vom Kometen weg – der charakteristische Kometenschweif entsteht.

Komet 46P/Wirtanen: Gibt es einen mysteriösen Heizmechanismus?

Doch bei Wirtanen gibt es offenbar noch einen zweiten Prozess, der den Kometen aufheizt. „Wir haben herausgefunden, dass die Temperatur für Wassergas in der Koma mit Abstand zum Kometen nicht stark abnimmt“, berichtet Co-Autorin Erika Gibb in einer Mitteilung des Keck-Observatoriums, mit dem die Beobachtung gemacht wurde. „Das impliziert einen Heizmechanismus“, erläutert Gibb weiter.

Dafür könnte es den Fachleuten zufolge mehrere Erklärungen geben, unter anderem eine chemische Reaktion. Es sei aber auch möglich, dass feste Eisbrocken vom Kometen Wirtanen abfallen, wie man das bereits bei einigen Kometen gesehen habe. „Diese Eisbrocken taumeln vom Kometenkern weg und sublimieren. Sie geben ihre Energie weiter draußen in der Koma frei“, erklärt Gibb den Mechanismus.

Komet Wirtanen gilt als „hyperaktiv“: Er gibt viel Wasser frei

Dieses Verhalten hat man bereits bei anderen Kometen beobachtet, die genau wie 46P/Wirtanen als „hyperaktiv“ gelten. Diese Kometen geben mehr Wasser als erwartet frei. Das Wasser wird in Form von Gas ausgespuckt, kann jedoch später zu einer Flüssigkeit kondensieren – beispielsweise, wenn es die Oberfläche eines Planeten erreicht. Es steht zu vermuten, dass Kometen einst auf diesem Weg das Wasser auf die Erde gebracht haben könnten.

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Mithilfe des Keck-Observatoriums auf Hawaii konnten die Forschenden um Bonev die Zusammensetzung des Kometen genau analysieren. „Die Moleküle, auf die wir uns konzentriert haben, wurden bei diesem speziellen Kometen bisher noch nicht untersucht“, betont Studienleiter Bonev. Die Studie wurde im Planetary Science Journal veröffentlicht. Die Daten sollen nun zeigen, „ob eine Raumfahrt-Mission zu Wirtanen weitere wichtige Erkenntnisse über den Kometen und das frühe Sonnensystem bringen kann“, erklärt Bonev weiter.

Komet 46P/Wirtanen hätte beinahe Besuch von der Erde bekommen

Vor einigen Jahren hätte der Komet Wirtanen beinahe Besuch von der Erde bekommen: Geplant war, dass die Esa-Raumsonde „Rosetta“* den Kometen ansteuert. Doch der Start der Mission verzögerte sich und der Komet konnte nicht mehr erreicht werden. Das neue Ziel der Mission wurde der Komet 67P/Churyumov-Gerasimenko („Tschuri“), auf dem die Sonde „Philae“ landete*.

Komet Wirtanen wird unterdessen weiter von der Erde aus beobachtet. „Kometenstudien wie diese sind spannend, weil sie als Startrampe für die Eine-Million-Dollar-Frage dienen: Sind wir alleine?“, betont Greg Doppmann vom Keck-Observatorium. Anhand der Zusammensetzung der Kometen können die Wissenschaftler:innen sehen, welche Zutaten es im frühen Universum – vor der Entstehung von Leben – gab.

Der Komet 46P/Wirtanen kam der Erde im Dezember 2018 nahe. Im Bild leuchtet er grün, seine Koma ist deutlich zu sehen und auch ein leichter Kometenschweif (nach oben links). (Archivbild)

„Wir können dann in anderen Planetensystemen nach diesen Molekülen suchen. Das öffnet eine Tür zur sehr realen Wahrscheinlichkeit, mikrobielles Leben jenseits der Erde zu finden – nicht zu Lebzeiten unserer Kinder, sondern zu unseren eigenen Lebzeiten“, erklärt Doppmann die Bedeutung der Forschung.

Auch ein weiterer Komet wird derzeit aufmerksam beobachtet: Bernardinelli-Bernstein (C/2014 UN271). Der neu entdeckte Komet fliegt vom äußeren Rand des Sonnensystems in Richtung Sonne – und ist größer als jeder bisher beobachtete Komet. (Tanja Banner) *fr.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

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