Interview

Anwalt im Lübcke-Prozess: "Ich freue mich darauf, wenn sich die Angeklagten in die Pfanne hauen"

Im Prozess gegen den mutmaßlichen Mörder von Walter Lübcke tritt der Flüchtling Ahmad E. als Nebenkläger auf. Sein Anwalt hat eine ganz besondere Erwartung an die Verhandlung.

  • Im Juni 2019 wird der CDU-Politiker und Regierungspräsident von Kassel Walter Lübcke auf seiner Terrasse erschossen
  • Am Dienstag (16.06.2020) beginnt der Prozess gegen die mutmaßlichen Täter Stephan Ernst und Markus H.
  • Stephan Ernst wird auch vorgeworfen Ahmad E. niedergestochen zu haben
  • Im Interview spricht Ahmad E.'s Anwalt über seine Erwartungen an die Verhandlung

Kassel - Wenn am Dienstag im Frankfurter Oberlandesgericht der Prozess gegen Stephan Ernst und Markus H. beginnt, geht es nicht nur um den Mord am Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke. Ernst wird auch vorgeworfen, im Januar 2016 den irakischen Flüchtling Ahmad E. in Lohfelden (Kreis Kassel) niedergestochen zu haben.

Kassel: Mord an Walter Lübcke - Interview mit Anwalt Alexander Hoffmann 

Der damals 22-Jährige Ahmad E. überlebte schwer verletzt und leidet bis heute schwer unter den Folgen der Tat. Wie die Familie von Walter Lübcke tritt er im Prozess als Nebenkläger auf. 

Ein Interview mit seinem Anwalt, dem Kieler Juristen Alexander Hoffmann, der schon im Münchner NSU-Prozess Opfer vertreten hat.

Die wichtigste Frage zuerst: Wie geht es Ihrem Klienten Ahmad E. viereinhalb Jahre nach dem Angriff auf ihn?

Er gibt bewusst keine Interviews. Darum will auch ich nicht für ihn sprechen, bis er seine Aussage vor Gericht gemacht hat. Aber die vergangenen Jahre waren für ihn ein extremes Auf und Ab. Das Messer hat ihn damals direkt neben der Wirbelsäule getroffen. Dadurch wurden mehrere Nerven verletzt. 

Daran leidet er heute noch. Er ist nicht arbeitsfähig. Zudem ist es auch emotional schwierig für ihn. Einerseits ist der Prozess eine Chance zu beweisen, dass die Tat tatsächlich von einem Nazi begangen wurde, wie er schon damals vermutet hatte, während es auch Verdächtigungen gab, es könne jemand aus der Flüchtlingsunterkunft gewesen sein. Andererseits hat es natürlich auch etwas Einschüchterndes, dass er die Ängste nicht zu Unrecht hatte.

Kassel: Mord an Walter Lübcke - Nebenkläger wird zum Prozess-Auftakt nach Frankfurt kommen

Wird er wie die Familie Lübcke auch zum Prozess kommen?

Er wird zumindest am Anfang da sein und ausprobieren, wie lange er das aushält. Es muss sich zeigen, wie das mit dem Dolmetschen klappt. Sein Deutsch ist nicht so gut.

Sie vertreten seit Jahren Opfer rechter Gewalt und haben im Münchner NSU-Prozess auch zwei Opfer des Nagelbombenanschlags von Köln in der Nebenklage vertreten. Wie kam der Kontakt zu Ahmad E. zustande? 

In der Vergangenheit wurde er von einer anderen Rechtsanwältin vertreten. Er hat sich gedacht, dass er nun jemand mit Erfahrung in solchen Angelegenheiten braucht. Da ist er auf meinen Namen gestoßen.

Im Juni 2019 wurde der CDU-Politiker Walter Lübcke auf seiner Terrasse in Wolfhagen-Istha (Kreis Kassel) mit einem Kopfschuss getötet.

Mit welchen Erwartungen gehen Sie in den Prozess?

Ganz konkret setzen wir alles daran, dass es zu einer Verurteilung von Stephan Ernst in der Angelegenheit meines Mandanten kommt. Ganz allgemein hoffe ich, dass die deutsche Gesellschaft durch den Prozess endlich auch außerhalb von antifaschistischen Kreisen versteht, dass wir ein Problem mit Neonazis haben, die den bewaffneten Kampf gegen den Staat als probates Mittel begreifen. 

Das sind nicht nur ein paar Verwirrte. In der Anklageschrift des NSU-Prozesses war noch von isolierten Personen mit wenigen Unterstützern die Rede. Dieses Bild ist längst nicht mehr aufrechtzuerhalten. Vielleicht verstehe ich jetzt endlich, warum die Politik das nicht ernst genug nimmt.

Kassel: Mord an Walter Lübcke - Zu wenig politische Konsequenzen nach der Tat?

Wurde die Politik durch den Mord an Walter Lübcke nicht aufgerüttelt?

Nein, es gab viel zu wenig politische Konsequenzen. Das Verbot von Combat 18 beispielsweise wurde so lange im Voraus angekündigt, dass es ohne Effekt war, weil die Mitglieder Waffen längst beiseiteschaffen konnten. Man hätte die Szene richtig auseinandernehmen müssen. 

Die Strukturen von Neonazi-Organisationen, mit denen wir es heute zu tun haben, gab es schon Ende der 70er-Jahre. Sie bekamen nur alle paar Jahre einen anderen Namen. Stephan Ernst und Markus H. wurden von diesen Strukturen geprägt. Die lassen einen nicht einfach los, nur weil man eine Familie gründet und keine Zeit mehr hat, alle vier Wochen auf eine Neonazi-Demo zu reisen.

Kurz nach dem Angriff auf Ahmad E. im Januar 2016 haben die Ermittler mit Stephan Ernst gesprochen. Ist die Polizei entsprechenden Hinweisen nicht hartnäckig genug nachgegangen?

Sie haben ihn zumindest nicht als potenziell rassistischen Gewalttäter gesehen. Die Beamten wussten, dass er in der Nähe des Tatorts wohnte und sein Rad so aussah wie das des Täters

Er war im Blick der Ermittlungen – und trotzdem hat es nicht Alarm gemacht. Irgendetwas kann da nicht funktioniert haben. Stephan Ernst hatte immerhin schon einen türkischen Imam mit einem Messer niedergestochen.

Kassel: Mord an Walter Lübcke - Das erwartet ein Anwalt von Stephan E. und Markus H.

Für wie glaubwürdig halten Sie das zweite Geständnis von Stephan Ernst im Fall Lübcke, in dem er seinen Freund Markus H. beschuldigt hat?

Zum jetzigen Zeitpunkt möchte ich dazu nichts sagen. Aber ich freue mich schon darauf, wenn sich die beiden Angeklagten gegenseitig in die Pfanne hauen werden. Davon gehe ich zumindest aus.

Hat es Sie überrascht, dass sich Stephan Ernst nicht nur von dem rechten Anwalt Frank Hannig verteidigen lässt, sondern auch von Mustafa Kaplan, der wie Sie im NSU-Prozess Opfer vertreten hat?

Einerseits schon. Kaplan müsste wissen, welche langfristigen Auswirkungen solche Taten für Opfer von rechter Gewalt haben. Ich hätte ihm so einen Seitenwechsel nicht zugetraut. Andererseits darf er Stephan Ernst natürlich verteidigen. Und nachdem er schon für den türkischen Staatspräsidenten Recep Erdogan tätig war, wundert mich eigentlich gar nichts mehr.

Mordfall Walter Lübcke in Kassel: Am Dienstag (16.06.2020) beginnt der Prozess gegen die mutmaßlichen Täter Stephan Ernst und Markus H.

Lange war lediglich bekannt, dass Markus H. von dem rechten Szene-Anwalt Björn Clemens vertreten wird. Nun hat er auch eine Verteidigerin.

Nicole Schneiders hat im NSU-Prozess Ralf Wohlleben verteidigt und war selbst jahrelang in der Neonaziszene aktiv.

Kassel: Mord an Walter Lübcke - Prozess findet unter Corona-Bedingungen statt

Der Lübcke-Prozess in Frankfurt findet unter Corona-Bedingungen statt. Nur ein Drittel der sonst üblichen Besucher können die Verhandlungen verfolgen. Inwiefern ist es ein Problem, wenn ein solch wichtiger Prozess von der Öffentlichkeit nur eingeschränkt wahrgenommen werden kann?

Durch die Einschränkungen ist es noch wichtiger, dass eine gute Begleitung durch die Presse ermöglicht wird. Die Corona-Maßnahmen sind für alle schwierig. In München saß ich bei einer Verhandlung zuletzt mit 70 Menschen im Gerichtssaal. Das empfinde ich als sehr unvernünftig und unangenehm. 

Dort müssen wir selbst beim Plädoyer einen Mundschutz tragen. Man muss ständig nachfragen. Ich hoffe, dass das in Frankfurt anders sein wird.

Wie oft erhalten Sie eigentlich Drohungen aus der rechten Szene?

Nicht so häufig, wie man denken mag. Ich glaube, am härtesten werden Frauen bedroht und angegriffen. Es scheint mir etwas zu bringen, dass ich als Mann nicht so verletzlich erscheine. Ich habe schon alle Formen von Bedrohungen erhalten. Trotzdem müssen geflüchtete Menschen auf der Straße mehr Angst haben vor Übergriffen als ein Rechtsanwalt, der durch seine Stellung relativ gut geschützt ist.

Erhält auch Ahmad E. Bedrohungen?

Dazu möchte ich nichts sagen. Sie werden im Prozess erfahren, warum das so ist.

Von Matthias Lohr

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Rubriklistenbild: © picture alliance/dpa

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