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Junge (13) mit Blinddarmdurchbruch wird vom Ärztlichen Bereitschaftsdienst abgewiesen - „Denen war mein kranker Sohn egal“

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Froh, dass ihr Sohn überlebt hat: Claudia Tassinari streichelt beim Lesen der Klinikunterlagen seinen Arm.
Froh, dass ihr Sohn überlebt hat: Claudia Tassinari streichelt beim Lesen der Klinikunterlagen den Arm von Leonardo. © Reinartz

Der Fall des 13-jährigen Leonardo Tassinari beschäftigt derzeit den Ärztlichen Bereitschaftsdienst und das Sana-Klinikum in Offenbach. Seine Mutter erhebt schwere Vorwürfe.

Offenbach – Es ist eine Geschichte, die einen betroffen zurücklässt. Eine Geschichte, in der einem 13-jährigen Jungen so lange nicht geholfen wird, bis sein Leben mit einem fortgeschrittenen Blinddarmdurchbruch auf der Kippe steht. So beschreibt es Claudia Tassinari aus Offenbach, während sich ihre Augen mit Tränen füllen, angesichts der traumatischen Geschehnisse, die am Samstag, 16. Juli, ihren Anfang nahmen.

Claudia Tassianri bringt an diesem Tag ihren Sohn Leonardo gegen 19.45 Uhr mit starken Bauchschmerzen zum Ärztlichen Bereitschaftsdienst am Sana-Klinikum. „Doch die haben gesagt, sie seien nicht zuständig, weil er erst 13 ist. Denen war mein kranker Sohn egal.“ Mittlerweile krümmt der sich vor Schmerzen, kann nicht mehr aufrecht stehen, kauert auf dem Bürgersteig vor dem Gebäude. Doch anstatt einen Arzt herauszuschicken, beharrt die Mitarbeiterin laut Tassinari auf dem Protokoll. „Ich habe die Frau angefleht“, berichtet sie. „Doch sie hat uns nur an den Kinderärztlichen Bereitschaftsdienst nebenan verwiesen, doch da hing ein Schild dran, dass ab 18 Uhr geschlossen ist.“ Auch das stimmt die Mitarbeiterin nicht um. Womöglich ahnte sie da schon, dass das ein Nachspiel haben wird. Denn als Tassinari die Frau um ihren Namen bittet, weil sie sich beschweren will, verweigert die Mitarbeiterin, diesen zu nennen – und sagt der Mutter, sie könne ja die 112 wählen.

Offenbach: 13-Jähriger mit Blinddarmdurchbruch - „Ich war so überfordert“

Leonardo kauert unterdessen auf dem Bürgersteig und will nur nach Hause. „Das war alles so erschreckend und schlimm für ihn, dass ich dem völlig kopflos nachgegeben habe“, sagt die Mutter. Bis heute macht sie sich Vorwürfe deswegen. „Aber ich war so überfordert.“ Als Leonardo im Laufe des Abends fast 40 Grad Fieber bekommt, ruft sie den Notdienst. Nach längerer Diskussion kommt tatsächlich ein Krankenwagen. Doch anstatt den Jungen mitzunehmen, verspricht ihr der Sanitäter, noch einmal den Ärztlichen Bereitschaftsdienst zu informieren. Der schickt gegen ein Uhr nachts eine Ärztin vorbei. Kurz vorher schläft der Junge ein. Sie rät, ihn schlafen zu lassen, erinnert sich Tassinari. Schließlich habe ja der Sanitäter schon den Bauch abgetastet. Wenig später wacht der Junge vor Schmerzen auf, die Ärztin ist schon weg. Wieder wählt Tassinari die 112. „Die haben wieder diskutiert, bis ich irgendwann in den Hörer geschrien habe, dass mein Sohn dringend Hilfe braucht. Die Sanitäter haben uns dann endlich ins Krankenhaus gefahren.“

In der Notaufnahme wird der Junge untersucht, der Ultraschall habe aber nichts gebracht, berichtet die Mutter. Einige Zeit später wird Leonardo dann auf dem Zimmer von einer Chirurgin untersucht. „Die Untersuchung dauerte keine drei Minuten und sie hat ihm sehr fest in den Bauch gedrückt. Mein Sohn weinte vor Schmerzen“, sagt Tassinari.

Dann passierte laut ihr folgendes: Die Ärztin habe ihre Sorgen um Leonardo abgetan und herabwürdigende Witze über ihre italienische Herkunft gemacht. Sie hat gesagt: „Ah Mama, ist nix schlimmes, nichts für die Chirurgie.“ Eine medikamentöse Therapie erhält der Junge nicht. Als es Leonardo nachts immer schlechter geht, eilt die Mutter weinend zur Nachtschwester. Ich habe ihr gesagt: „Mein Sohn stirbt, er hat sicher einen Blinddarmdurchbruch und keiner macht was.“

Die Schwester veranlasst eine erneute Untersuchung durch einen Arzt, der dann doch Antibiotika verabreicht. Am Montagvormittag, eineinhalb Tage nach dem erfolglosen Besuch beim Ärztlichen Notdienst, wird dann ein weiterer Chirurg hinzugezogen.

Harte Tage für Jungen aus Offenbach nach Blinddarmdurchbruch - Hat Bereitschaftsdienst richtig gehandelt?

Der untersucht den Jungen erneut mit dem Ultraschall, ordnet sofort eine Bauchspiegelung an. Wenig später liegt Leonardo in Narkose auf dem OP-Tisch. Bei der Spiegelung erkennen die Ärzte das ganze Ausmaß des Durchbruchs. „Der Operateur sagte zu mir, dass der Blinddarm schon länger durch gewesen sein muss und Teile des Bauchraums schon vereitert und entzündet gewesen seien.“

Die nächsten Tage werden für Leonardo hart. Mittlerweile geht es dem Jungen zwar besser, doch die Geschehnisse belasten die Familie bis heute. „Wir haben uns so hilflos gefühlt, weil wirklich alle, an die wir uns gewandt haben, nicht so reagiert haben, wie man sich das im Ernstfall erhofft“, sagt Tassinari. Sie ist überzeugt: „Hätte der Ärztliche Bereitschaftsdienst ihn angeschaut, wäre es gar nicht erst so weit gekommen.“

Bei der Kassenärztlichen Vereinigung, die den Ärztlichen Bereitschaftsdienst verantwortet, hat man es bisher nicht geschafft, die Ereignisse zu rekonstruieren. Sprecher Alexander Kowalski: „Daran arbeiten wir mit Hochdruck, aber auch mit der gebotenen Sorgfalt.“ Zwar bestätigt er die Geschehnisse, sagt aber, dass der Bereitschaftsdienst richtig gehandelt habe. „Dass ihr dort keine Hilfe angeboten wurde, ist jedoch falsch. So lehnte sie das Angebot ab, den Rettungsdienst zu rufen.“

Sana-Klinikum Offenbach: Warum dauerte es so lange, bis 13-Jähriger operiert wurde?

Über den Hausbesuch der Ärztin könne man keine Angaben machen, weil die Patientenakte Sache der jeweiligen Ärztin sei. Warum es dann im Sana-Klinikum noch so lange gedauert hat, bis der Junge endlich operiert wurde, versucht Klinik-Geschäftsführer Sascha John zu erklären: „Die endgültige Diagnose einer Blinddarmentzündung verzögert sich im Kindesalter oft, weil ihre typischen klinischen Symptome bei Kindern sehr unterschiedlich sein können.“ Die Symptome hätten Kinderklinik, Kinderchirurgie und Viszeralchirurgie zunächst zu dem begründeten Verdacht auf eine bakterielle Magen-Darm-Entzündung geführt. „Überdies wurde eine antibiotische Therapie eingeleitet. Zur Sicherung der Diagnose hat der Kinderchirurg zusätzlich eine Bauchspiegelung angeordnet und diese umgehend durchgeführt, weil der Verdacht auf einen perforierten Blinddarm nicht auszuschließen war.“ Da sich der Verdacht bestätigt habe, sei der Blinddarm gleich entfernt worden.

Ein Versäumnis seiner Klinik will John nicht erkennen. „Die klinikinternen Abläufe von der Erstuntersuchung über eine differenzierte Diagnose bis zum operativen Eingriff waren zwar zeitaufwendig, aber im Sinne eines systematischen, Irrtümer vermeidenden Vorgehens vor dem Hintergrund der aufgetretenen Symptome und in Abhängigkeit vom Alter des Patienten erforderlich. Es wurden keine Fehler festgestellt.“ Zu keinem Zeitpunkt habe Lebensgefahr bestanden. Der Patient sei ständig überwacht worden. Das angeblich herabwürdigende Verhalten der Chirurgin, will der Klinikchef nicht kommentieren, da bei dem Gespräch angeblich kein Dritter dabei gewesen sei. John: „In jedem Fall bedauert die Krankenhausleitung, dass bei der von der Situation sehr belasteten Mutter ein derartiger Eindruck entstehen konnte.“ (Christian Reinartz)

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