Raus aus dem Alltag

Alleinerziehende Mutter macht Weltreise mit dem Fahrrad – und ihrem dreijährigen Kind

Alleinerziehende Offenbacherin Jasmin Böhm und ihr Sohn Emil mit Fahrrad und Anhänger.
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Der Weg ist das Ziel, aber auch Marokko: Mehr als 1500 Kilometer haben Jasmin Böhm und ihr Kind Emil aus Offenbach seit Juli mit dem Fahrrad zurückgelegt.

Eine alleinerziehende Mutter aus Offenbach bricht aus dem Alltag aus. Mit dem Fahrrad will sie bis nach Marokko – und das alles mit ihrem 3-jährigen Kind.

Offenbach – Das Gefühl kennen viele Eltern kennen, erst recht, wenn sie alleinerziehend sind. Der Alltag gleicht einem Hamsterrad: Kind zur Kita bringen, arbeiten, abholen, arbeiten, hinbringen, arbeiten... So ging es auch Jasmin Böhm. Bis sie beschloss, auszubrechen. Vor gut zwei Monaten machte sich die 30-Jährige mit dem Fahrrad und ihrem kleinen Sohn auf, um nach Marokko zu radeln.

Doch der Reihe nach: Die Offenbacherin, die ihren zweijährigen Sohn Emil alleine erzieht, hat eine 70-Prozent-Stelle als Grundschullehrerin. Um ihren Lebensunterhalt bestreiten zu können, jobbt sie zusätzlich in einer Galerie und an der Universität. Dazu schreibt sie an ihrer Doktorarbeit. Jeden Morgen bringt sie ihren Sohn in die Kita, wo er einen Ganztagsplatz hat. Gemeinsame Zeit ist rar. „Ich hatte das Gefühl, er wird so schnell groß und ich kriege nichts mit. Dabei ist die Zeit so kostbar und einmalig.“ Immer mehr reift der Beschluss: Wir müssen raus.

Mit dem Fahrrad von Offenbach nach Marokko: Mutter bricht mit Kind aus dem Alltag aus

Bereits in den Sommerferien vergangenes Jahr sind die Beiden über den Bodensee ins Allgäu geradelt. „Diese drei Wochen taten uns und unserer Beziehung unglaublich gut“, sagt Böhm. Die Erfahrung gibt ihr Mut: Sie nimmt ihr Erspartes, kündigt ihre Jobs, meldet Emil vorübergehend von der Kita ab, findet einen Untermieter für ihre Wohnung. Und bricht auf – mit einem normalen Trekkingfahrrad mit Kinderanhänger – in Richtung Süden. Mehr als 1500 Kilometer haben die Beiden schon durch Deutschland, Frankreich und Spanien zurückgelegt, sind gerade in der Nähe von Barcelona.

Im Gepäck befinden sich ein Zelt, Schlafsäcke, Töpfe und ein Kocher, in den Taschen nur das Nötigste. „Es ist alles sehr gequetscht, aber noch mehr minimieren kann ich es nicht“, berichtet die Offenbacherin und lacht. Ohne Einkaufen und Kochen geht es nicht. Einmal in der Woche wäscht sie die Kleidung. Aber ansonsten: Ungebundenheit. „Das Fahrradfahren bedeutet das absolute Freiheitsgefühl“, schwärmt sie.

Mutter aus Offenbach über Fahrradreise mit ihrem Kind: „Unsere Gespräche sind das schönste“

Etwa 40 bis 60 Kilometer legen Mutter und Sohn am Tag zurück. Ihr Tagesziel, einen Campingplatz, legt Böhm immer mithilfe einer App am Vorabend fest, wenn Emil schläft. „Das Planen ist nervig, aber muss sein.“ Dabei gibt es vieles zu beachten. Wie ist der Straßenbelag? Wie sind die Steigungen? Oder ist die Straße zu stark befahren, um sie sicher mit Kind im Anhänger zu bewältigen? „Der Anhänger wiegt mit allem zusammen etwa 60 Kilogramm. Wenn der Boden zu sandig ist oder ich zu lange bergauf schieben muss, das geht nicht.“ So hat sie die Strecke auch schon abgewandelt, als es zu bergig wurde. „Ich muss mir nichts beweisen“, sagt sie. Denn darum geht es ihr nicht. Sondern um gute Zeit mit ihrem Kind.

Und die haben sie. Während der Fahrt wird geredet, gesungen, Fragen gestellt über das Gesehene. An schönen Orten und Spielplätzen machen sie Halt, jagen im Meer den Wellen hinterher oder bestaunen Tiere. Böhm freut sich riesig über die Entwicklung des mittlerweile Dreijährigen. „Anfangs hat er nicht so ganz verstanden, was wir machen und warum er sein Spielzeug nicht dabei haben kann. Dann war er auch mal eifersüchtig, wenn er andere Kinder mit Spielsachen gesehen hat.“ Nun habe er gelernt, nur mit ein paar Dingen auszukommen und in der Natur zu spielen. Wenn er auf andere Kinder träfe, sei er viel mehr als früher bereit, mit ihnen zu teilen. Die Kommunikation klappe über Sprachgrenzen hinweg. Überhaupt habe sich seine Sprache enorm entwickelt. „Er sieht und erlebt so viel Neues, darüber will er natürlich reden. Unsere Gespräche sind für mich das Schönste“, erzählt Böhm. „Und dass wir zu zweit zusammen sind, nur wir und die Natur. Das ist eine ganz anders erlebte, viel intensivere Zeit.“

Weltreise online verfolgen

Ihre Reise dokumentiert die alleinerziehende Mutter auf Instagram unter _jasmin_boehm_. Sie möchte auch anderen Eltern Mut machen und freut sich über Kontaktaufnahme.

Weltreise mit dem Fahrrad: Mutter und Kind aus Offenbach müssen Hürden überwinden

Bisher hätten sie viel Glück gehabt. Mit dem Wetter. Mit den vor allem in Frankreich gut ausgebauten Radwegen. Und mit den Menschen, denen sie begegnet sind. „Ich habe sehr viel Hilfsbereitschaft erlebt.“ Gleichwohl gab es auch Rücksetzer. Wie Campingplätze, die wegen Corona geschlossen waren. Ein Bänderriss, den sie sich am Strand zuzog, zwang sie zu einer dreiwöchigen Pause auf einem Campingplatz bei Marseille. „Doch auch dabei hatten wir Glück, denn wir sind im Paradies gestrandet.“

Eigentlich sollte Marokko das Ziel sein. Die 30-Jährige wollte ihrem Kind damit eine andere Kultur näherbringen und die Erfahrung, übers Meer zu reisen. Von Almeria aus wollten sie mit der Fähre rüber, doch seit einigen Wochen ist der Fährbetrieb eingestellt. „Bei Fernfahrradreisen geht es ohnehin mehr um den Weg als um das Ziel“, sagt sie versöhnlich. Am Ziel sei die Reise schließlich vorbei. Und daran will sie noch nicht denken, auch wenn sie weiß, dass sie vor dem Winter zurückmüssen. Das alte Hamsterrad aber kommt nicht mehr infrage – denn nachhaltig soll nicht nur die Reise selbst, sondern auch ihre Auswirkung sein. „Aber jetzt lassen wir uns einfach noch ein bisschen treiben.“ (Veronika Schade)

Auch hier in der Region spielt das Radfahren zurzeit eine große Rolle: Etwa 170 Menschen fahren in Offenbach Fahrrad für die Mobilitätswende*. *op-online.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

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