Schlangen bei Booster-Marathon: Hessen erhöht Impf-Pensum

Impfstation in Frankfurt am Main
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„Heute Impfung“ steht auf einem Schild im Fenster einer neu eröffneten Impfstation in Frankfurt am Main.

Die Parole lautet: Impfen, impfen, impfen. Bald sollen es in Hessen pro Woche Hunderttausende Dosen gegen das Coronavirus sein. Landesweit werden dafür die Kapazitäten ausgeweitet - wenige Wochen, nachdem die Impfzentren im Land geschlossen wurden.

Frankfurt/Main - Viele Helfer im Gesundheitswesen erleben derzeit ein Dé­jà-vu. Sie richten wie zu Beginn der Impfkampagne mobile Behandlungskabinen ein und lotsen wartende Menschen zu ihrer Spritze gegen das Coronavirus. Überall in Hessen werden angesichts der sich weiter zuspitzenden Pandemielage Kapazitäten für Erst- und vor allem Auffrischungsimpfungen (Booster) hochgefahren, in Praxen, auf Weihnachtsmärkten - oder in ehemaligen Impfzentren, deren Schließung noch keine zwei Monate her ist. Das sorgt auch für Kritik.

Gesundheitsminister Kai Klose (Grüne) hatte vor kurzem die Parole für Hessens Impfallianz ausgegeben: „Wir werden bis spätestens 5. Dezember mindestens 400 000 Impfungen pro Woche möglich machen.“ Davon sollen die öffentlichen Gesundheitsdienste 150 000 Dosen stemmen, die Ärzteschaft 250 000.

Bei den Booster-Impfungen kommt Hessen bereits voran: Nach Angaben des Robert Koch-Instituts (RKI) haben diese mittlerweile mehr als 448 000 Menschen im Land erhalten. Mitte Oktober hatte die Zahl der Auffrischungsdosen noch bei etwa 92 000 gelegen.

Viele Mediziner sehen sich bereits an ihrer Belastungsgrenze: Gerade die hohe Nachfrage nach einer Booster-Impfung, aber auch die erneute Debatte um Corona-Impfstoffe bringen Praxen dorthin, wie Christian Sommerbrodt sagte, Mitglied des Vorstands des Hausärzteverbands in Hessen. Er blickte mit Sorge auf den Anfang des kommenden Jahres: „Die aktuelle Belastung ist bei Ärzten und Mitarbeitern so groß, dass sich das auf lange Sicht nicht durchhalten lässt.“

Die Impfziele bedeuten auch für die Kommunen einen Kraftakt. Der Vogelsbergkreis etwa soll wöchentlich rund 2600 Injektionen schaffen. Dafür fährt er sein bereits abgebautes Impfzentrum zumindest zum Teil wieder hoch. 6100 Impfungen pro Woche lautet die Losung für den Kreis Marburg-Biedenkopf. „Wir gehen im Moment davon aus - und haben das auch schon während des Betriebs des Impfzentrums eindrucksvoll unter Beweis gestellt -, dass wir die Vorgaben des Landes erreichen und übertreffen können“, sagte Sprecher Stephan Schienbein. Organisatorisch sei das kein Problem, Nadelöhr sei das Personal.

Die Schließung der Impfzentren Ende September „war ein verfrühter Schritt, dies zeigt die jetzige Situation deutlich“, sagte die Gießener Landrätin Anita Schneider (SPD). „Auch wenn dort zuletzt im Spätsommer nur noch wenige Menschen geimpft worden sind, erfordert die jetzige Lage wieder den Aufbau von Strukturen, die das rasche Impfen einer sehr großen Zahl von Menschen ermöglichen.“ Die Kreise müssten das in sehr kurzer Zeit leisten. „Wir stehen also vor einer ähnlichen Situation wie vor einem Jahr.“ Der Kreis hatte über den September hinaus Impfungen angeboten, mithilfe mobiler Teams oder eines Impfbusses. Diese Angebote werden nun ausgebaut.

Der Landrat des Main-Kinzig-Kreises, Thorsten Stolz (SPD), warf der Landesregierung und Funktionären der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) mit Blick auf die Schließung der Impfzentren eine „absolute Fehleinschätzung“ vor. Mahnungen, diese vorsichtshalber offen zu halten, seien nicht gehört worden, obwohl bereits damals absehbar gewesen sei, dass die niedergelassenen Ärzte im Herbst und Winter wegen steigender Patientenzahlen bei den Impfkapazitäten an ihre Grenzen stoßen dürften. „Jetzt werden wir überrannt.“ Die Kreise müssten nun einen logistischen und personellen Kraftakt bewältigen, um die Kapazitäten kurzfristig hochzufahren.

Die KV Hessen verteidigte ihre Einschätzung vom Sommer: Die Aussage, dass die niedergelassenen Ärzte die Impfungen schaffen, „hatte eine andere Geschäftsgrundlage“, sagte Sprecher Karl Matthias Roth. Niemand habe damit gerechnet, dass die Politik Booster-Impfungen für alle zur gleichen Zeit wolle. Anders als in der ersten Phase der Impfkampagne gebe es nun nicht einmal eine Priorisierung für die Drittimpfungen. Einen Wiederaufbau der Impfzentren in ihrer ursprünglichen Größe wünscht sich die KV dennoch nicht. Kleinere Zentren wie in Frankfurt wären allerdings hilfreich.

Das Sozialministerium verwies zur Frage nach dem richtigen Zeitpunkt für die Schließung der Zentren auf den Grund für deren Einrichtung sowie die weitere Entwicklung der Impfkampagne: Die Zentren seien eine Konsequenz der anfangs „extrem komplexen“ Impfstoff-Logistik gewesen. Später, mit einer veränderten Logistik, vielfältigen Impfangeboten von Gesundheitsbehörden und Ärzteschaft sowie einem nachlassenden Impf-Interesse, sei die Regelstruktur in der Lage gewesen, „die Nachfrage mehr als zu befriedigen“.

Das Land habe die Zentren daher „mit erheblichen Vorlauf“ geschlossen, teilte das Ministerium weiter mit. Dem öffentlichen Gesundheitsdienst sei dabei explizit die Möglichkeit eröffnet worden, an diesen in reduzierter Form als stationäre Impfstellen festzuhalten - „ein Weg, den viele Kreise und Städte auch gewählt haben“.

Auch wenn nun überall im Land Impfangebote aus dem Boden schießen - Interessenten brauchen aktuell meist viel Geduld. Stundenlanges Anstehen für eine Erst- oder Boosterimpfung wird landesweit und häufig berichtet. Auch am Rand des Offenbacher Weihnachtsmarktes standen am Mittwoch schon vor der Eröffnung einer mobilen Impfstation die Menschen Schlange. dpa

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