Windschiefe Bäume

Sturm-Schäden bei Bäumen sorgen für Streit unter Nachbarn - Experte gibt Tipps

Unser Archivfoto zeigt einen Baum, der auf ein Wohnhaus in Süddeutschland gefallen ist.
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Unser Archivfoto zeigt einen Baum, der auf ein Wohnhaus in Süddeutschland gefallen ist.

Sturm-Schäden bei Bäumen sorgen für Streit unter Nachbarn: Der Rechtsanwalt Jürgen Eichel aus Kassel erklärt, wie man Probleme vermeiden kann.

  • Bäume sind häufig ein Streitthema unter Nachbarn.
  • Der Grundstückseigentümer muss dafür sorgen, dass von seinen Bäumen keine Gefahr ausgeht.
  • Zudem sollte jeder Eigentümer eines Grundstückes über eine ausreichende Versicherungspolice verfügen. 

Große Bäume, die beim Sturm umgefallen sind oder umzufallen drohen, stellen ein erhebliches Gefährdungs- und Streitpotenzial dar. Immer öfter kommt es auch in unserer Region zu Streitfällen, weil der windschiefe Baum des Nachbarn auf das eigene Haus oder Grundstück zu stürzen droht, berichtet der Kasseler Rechtsanwalt Jürgen Eichel. 

Im Interview erklärt der Experte für Nachbarschafts- und Immobilienrecht, was Hausbesitzer tun können, um solche Streits zu vermeiden. Und welche Möglichkeiten sie haben, wenn sie es auf einen Rechtsstreit ankommen lassen. 

Streit unter Nachbarn wegen Bäumen: Experte gibt Tipps

Der windschiefe Baum des Nachbarn droht auf das eigene Haus oder Grundstück zu stürzen: Da kann es mit dem gutnachbarschaftlichen Verhältnis schnell vorbei sein. Wir fragten den Kasseler Rechtsanwalt Jürgen Eichel, warum Streit zwischen Nachbarn wie diese immer öfter vorkommen. Der 62-Jährige ist Experte für Nachbarschaftsrecht. 

Warum streiten Nachbarn so häufig über Bäume?

Meiner Ansicht nach hat das mit den zunehmenden Stürmen infolge des Klimawandels zu tun. Dadurch kommt es vermehrt zu Auseinandersetzungen um die Standfestigkeit von großen Bäumen, die auf bebaute Nachbargrundstücke kippen könnten. Zudem haben die trockenen Sommer in den letzten beiden Jahren viele Bäume stark angegriffen, sodass sich hier zusätzliche Probleme mit Windwurf und Windbruch ergeben.

Können Sie ein Beispiel für einen solchen Nachbarschaftsstreit nennen?

Bei einem Fall im Kreis Kassel ist das Nachbargrundstück eines älteren Ehepaares dicht bewaldet. Fünf etwa 25 Meter hohe Tannen stehen im Abstand von zwei bis 3,80 Metern an der Grundstücksgrenze. Der Überwuchs ragt mit vier Metern bereits bis an das Wohnhaus heran. 

Bei Sturm Friederike stürzten im Januar 2018 bereits einige Tannen um und verursachten erhebliche Schäden am Wohnhaus der Nachbarn. Seitdem fühlt sich das Ehepaar massiv bedroht und lebt in ständiger Angst, dass die Tannen auf ihr Haus stürzen könnten. Die Ehefrau musste sich deswegen bereits in psychologische Behandlung begeben. 

Und die Sorge ist den Nachbarn völlig egal?

Die Nachbarn weigern sich beharrlich, die Bäume zu beseitigen oder einen Rückschnitt vorzunehmen. Ein Schlichtungsverfahren ist bereits gescheitert. 

Was kann das ältere Ehepaar jetzt tun?

Es kann vor Gericht gehen und es auf einen Rechtsstreit ankommen lassen. Wenn sich eine Gefährdung des Eigentums nachweisen lässt, kann ein Anspruch zur Beseitigung der Bäume grundsätzlich gegeben sein. 

In der Regel lassen sich die Erfolgsaussichten zur Durchsetzung dieses Anspruchs im Voraus jedoch schwer beurteilen, zumal in Kommunen mit einer Baumschutzsatzung – wie in der Stadt Kassel – auch noch eine behördliche Genehmigung erforderlich sein kann. Es kommt immer auf die konkrete Gefährdungslage an. 

Wie lässt sich die Gefährdung einschätzen?

Das hängt zunächst von der Art der Bäume ab. Flachwurzelnde Gehölze, zum Beispiel Fichten, sind viel gefährdeter als ein tiefwurzelnder Baum. Abgesehen davon ist natürlich auch die regelmäßige Windstärke am Standort bei Sturm entscheidend. Ebenso wichtig ist bei der Einschätzung, auf welchem Gelände der Baum steht, also welche durchwurzelbare Bodentiefe und generelle Bodenbeschaffenheit vorhanden sind. 

Wer steht von Rechts wegen für die Standfestigkeit der Bäume in der Pflicht?

Der Eigentümer der Fläche, auf der die Bäume stehen. Nach der Rechtsprechung hat derjenige, der die sogenannte Verfügungsgewalt über ein Grundstück ausübt, dafür zu sorgen, dass von den dort stehenden Bäumen keine Gefahr für andere ausgeht. 

Der Baumbestand muss demnach so angelegt sein, dass er nach forstwirtschaftlichen Erkenntnissen möglichst gegen Windbruch und Windwurf gesichert ist – vor allem auch gegen das Umstürzen wegen fehlender Standhaftigkeit. 

Wer hat die Gefahr durch die Bäume zu beurteilen?

Die Feststellungen kann das Gericht natürlich nicht selbst treffen. Hierzu wird ein Sachverständiger bestellt, der für die Beweisaufnahme ein Gutachten erstellt. Generell geht es also darum, anhand der konkreten Lage und Umstände die Standsicherheit und Gefährdung durch die Bäume zu beurteilen. Die Rechtsprechung hat den Spielraum, im Hinblick auf die zunehmende Sturmbelastung die Kriterien anzupassen. 

Was können Nachbarn vorab tun, um solche Streitigkeiten zu vermeiden?

Sie sollten bereits bei Anpflanzung hochwachsender Bäume darauf achten, dass die nach den Nachbarrechtsgesetzen der Länder vorgeschriebenen Grenzabstände eingehalten werden. Verstöße können nämlich nur innerhalb einer relativ kurzen Ausschlussfrist geltend gemacht werden, die in Hessen drei Jahre und in Niedersachsen fünf Jahre ab Anpflanzung beträgt. 

Der Eigentümer des bepflanzten Grundstücks sollte in jedem Fall für einen ausreichenden Versicherungsschutz für einen Sturmschaden durch umkippende Bäume sorgen. Ein solcher Schadensfall sollte durch die Haftpflichtversicherungspolice gedeckt sein. 

Und was raten Sie Hauseigentümern, die sich bereits im Streit befinden?

Was Überhänge und Überwuchs der Bäume betrifft, steht dem beeinträchtigten Nachbarn laut Gesetz grundsätzlich ein sogenanntes Selbsthilferecht zu. Das heißt: Er kann nach einer Fristsetzung selbst einen Rückschnitt der überwachsenden Äste und Zweige vornehmen. Dabei ist allerdings darauf zu achten, dass dieser Rückschnitt fachgerecht und definitiv nur bis an die Grundstücksgrenze erfolgt.

Letztlich gilt auch in diesen nachbarschaftlichen Streitfällen der Grundsatz: Versuchen Sie trotz unterschiedlicher Interessen und Motivationslagen rechtzeitig miteinander ins Gespräch zu kommen und eine einvernehmliche Lösung zu finden, um langwierige und kostenträchtige gerichtliche Auseinandersetzungen zu vermeiden!

Streit unter Nachbarn wegen Bäumen: Experte Jürgen Eichel gibt Tipps

Jürgen Eichel (62) wurde in Kassel geboren und machte Abitur an der Herderschule. Er studierte Rechtswissenschaften in Göttingen und Speyer. Nach Tätigkeiten bei Amts-, Land- und Verwaltungsgericht ist er seit 1989 als Rechtsanwalt in Kassel zugelassen. Seine Schwerpunkte: Nachbarschafts- und Immobilienrecht. Eichel ist Vater erwachsener Zwillingen und bezeichnet sich als „bodenständigen Kasseläner aus Leidenschaft“

Von Andreas Hermann

Probleme mit einem Baum hatte auch ein Rentner aus Kassel: Weil die Äste seines Kirschbaums über eine Straße ragten, bekam er ein Verfahren an den Hals, berichtet hna.de*.

*hna.de ist Teil des bundesweiten Ippen-Digital-Redaktionsnetzwerks

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