100 Jahre Jubiläum: „Frauen Cassels, Ihr müßt wählen!“

"Cassels neue Männer": So reagierte die Region auf das Frauenwahlrecht

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Lange Schlange vor einem Wahllokal: Rund 90 Prozent aller wahlberechtigten Frauen gaben bei der ersten allgemeinen Wahl am 19. Januar 1919 ihre Stimme ab.

Das Frauenwahlrecht feiert am heutigen 12. November sein 100-jähriges Jubiläum. Wir schauen zurück: Wie Kassel reagierte - und was gleichzeitig in Berlin geschah.

Nicht mehr nur wahlberechtigte Frauen durften endlich nach einem langen, zähen Kampf um das Frauenwahlrecht ihre Stimme abgeben. Erstmals durften Frauen auch selbst ins parlamentarische Rennen.

Wie in allen anderen Städten warben die Parteien auch in Kassel um die Stimmen der Wählerinnen. „Auf einmal gab es doppelt so viele Menschen, die wählen durften. Man wusste noch gar nicht, was das bedeutete“, sagt Dr. Gilla Dölle, Geschäftsführerin des Archivs der deutschen Frauenbewegung in Kassel.

Ehrenamtliche Stadträtin Kassels: Elisabeth Consbruch.

Frauenwahlrecht in Kassel

Das Interesse, Frauen zum Wählen zu animieren und kräftig um ihre Stimmen zu werben, war also groß. „Frauen Cassels, Ihr müßt wählen!“, lautete die Parole. Die Parteien schalteten Anzeigen in der örtlichen Presse und luden Frauen zu Versammlungen ein, auf denen sie ihre Kandidaten vorstellten und Frauen über ihr neues Recht informierten. Auch Frauenverbände leisteten Aufklärungsarbeit.

Erste ehrenamtliche Stadträtin Kassels: Elisabeth Consbruch.

Gleich dreimal durften die Kasseler und Kasselerinnen 1919 zur Urne schreiten. Im Januar, um Vertreter und Vertreterinnen in die Deutsche Nationalversammlung und in den Preußischen Landtag zu wählen – am 2. März dann in die Kasseler Stadtverordnetenversammlung. Sechs Frauen zogen ein ins Kasseler Parlament: Minna Bernst, Elisabeth Consbruch, Elisabeth Ganslandt, Julie von Kästner, Johanna Waescher und Amalie Wündisch. Das seien aber nicht einmal zehn Prozent bei 72 Abgeordneten gewesen, sagt Dölle. „Gansland, Waescher und von Kästner gehörten zu den bekannteren Frauen Kassels“, sagt Dölle. Sie verfügten über politische Erfahrung, weil sie sich schon zuvor in Kasseler Frauenvereinen oder kirchlichen Einrichtungen engagiert hatten.

Kümmerte sich um die Belange von weiblichen Angestellten: Johanna Waescher. 

Consbruch, Bernst und Wündisch hingegen hätten der jüngeren Generation angehört und seien in Kassel noch nicht so bekannt gewesen. Sie seien eher auf dem sozialen Feld aktiv gewesen, erklärt Dölle. „Bernst und Wündisch gehören zu den Gründerinnen der Arbeiterwohlfahrt in Kassel“, sagt Dölle.

Wahlrecht Frauen: "Cassels neue Männer"

Die Erwartungen der Kasseler an die erste Sitzung der Parlamentarierinnen war groß, das „Casseler Volksblatt“ titelte mit „Cassels neue Männer“. Was die Frauen aber in ihren ersten Reden sagten, sei bis heute nicht bekannt, sagt Dölle. „Das ist nicht überliefert, die Protokolle sind nicht mehr da. Kassel wurde zu stark zerstört.“ Auch über die Aktivitäten der Frauen im Parlament ist deswegen wenig bekannt. „Sicher ist, dass die Frauen sich in der Sozialpolitik und im bildungspolitischen Bereich engagierten. Das waren nun einmal ihre Kompetenzen“, sagt Dölle. „Vielleicht tauchen aber die Protokolle eines Tages wieder auf.“

Kümmerte sich um die Belange von weiblichen Angestellten: Johanna Waescher. 

Wahlrecht: Steckbriefe der ersten sechs Abgeordneten im Kasseler Parlament

Minna Bernst, geborene Gellert

  • Geboren: 1880, gestorben 1965
  • Beruf: Weißnäherin
  • Ehemann: Valentin Bernst, Fabrikarbeiter. Das Ehepaar übernahm einen Konsumladen in der Holländischen Straße. Es hatte sieben Kinder.
  • Politisches Wirken: Für die SPD zog Bernst für eine Legislaturperiode ins Stadtparlament.
  • Engagement: Jugendarbeit und soziale Organisationen. Bernst war eine der Gründerinnen der AWO in Kassel.

Julie von Kästner

  • Geboren: 1852, gest. 1937
  • Beruf: Mit 40 Jahren kam sie mit ihrer Schwester nach Kassel und übernahm zunächst die Leitung der Wulstenschen Privatschule.
  • Politisches Wirken: Sie vertritt die DDP eine Legislaturperiode im Kasseler Rathaus.
  • Engagement: Von Kästner war eine Verfechterin der Frauenbildung und des Frauenstudiums.

Elisabeth Consbruch

  • Geboren: 1863, gest. 1938
  • Politisches Wirken: Consbruch ist die einzige Frau, die als Abgeordnete (DNVP) drei Legislaturperioden mitgestaltete. Ab 1927 hatte sie das Amt einer ehrenamtlichen Stadträtin inne.
  • Engagement: Caritative Einrichtungen, Deutsch-Evangelischer Frauenverbund, der das Kinderkrankenhaus Park Schönfeld gründete.

Elisabeth Ganslandt, geborene Haße

  • Geboren:1856, Todesdatum nicht bekannt
  • Ehemann: Wilhelm Ganslandt, kaufmännischer Konsul, das Ehepaar hatte mindestens zwei Töchter.
  • Politisches Wirken: Für die DDP wirkte sie eine Legislaturperiode im Kasseler Rathaus.
  • Engagement: Caritative Einrichtungen, im Vaterländischen Frauenverein versorgte Ganslandt Kriegsverwundete.

Johanna Waescher, geborene Range

  • Geboren: 1858, gest. 1935
  • Beruf: Ehe- und Hausfrau
  • Ehemann: Hermann Waescher, Kaufmann. Gemeinsam haben sie vier Kinder, wovon nur eine Tochter überlebte.
  • Politisches Wirken: Eine Legislaturperiode gestaltet sie die Kasseler Kommunalpolitik als Abgeordnete (DDP) mit.
  • Engagement: Waescher setzte sich besonders für die soziale Absicherung weiblicher Angestellter ein. Sie war außerdem Ehrenvorsitzende vieler Frauenvereine und im Vorstand des Verbandes der Kasseler Frauenvereine.

Amalie Wündisch, geborene Junker

  • Geboren: 1875, gest. 1956
  • Beruf: Wäscherin
  • Ehemann: Eduard Wündisch, beide haben gemeinsam fünf Kinder
  • Politisches Wirken: Zwei Legislaturperioden hatte Wündisch einen Sitz in der Stadtverordnetenversammlung.
  • Engagement: Wündisch war vor allem im sozialen Bereich tätig. Sie war einer der Gründerinnen der AWO in Kassel.

Frauenwahlrecht Deutschland: Hedwig Dohm war ihrer Zeit weit voraus

Ihrer Zeit weit voraus: Hedwig Dohm. 

Hedwig Dohm war eine Vordenkerin ihrer Zeit. Bereits 1873 forderte die Schriftstellerin das Stimmrecht für Frauen und völlige Gleichberechtigung. Kompromisslos. Und als eine der ersten Frauen in Deutschland. Vielen ist sie bis heute nicht bekannt.

Dabei machte die Frauenrechtlerin vor allem mit ihrer beißenden Ironie und scharfsinnigem Witz von sich reden. „Will die deutsche Frau, das immermüde Dornröschen, ewig schlafen?“, monierte sie etwa mit Blick auf Großbritannien und den Vereinigten Staaten, in denen im Gegensatz zu Deutschland schon Stimmrechtsvereine für Frauen bestanden.

„Man kommt sich auf dem Gebiete der Frauenfrage immer wie ein Wiederkäuer vor“, schrieb sie und wurde trotzdem nicht müde, immer wieder in ihren vielen Essays, Artikeln und Novellen neben dem Wahlrecht für Frauen eine gleiche Bildung für Frauen und Männer zu fordern sowie die freie Wahl eines Berufs, der die Selbstständigkeit einer Frau sichern sollte. Dohm war überzeugt davon, dass nur der Beruf eine Frau von dem „Ehegefängnis“ bewahren konnte. Ihre schlechte Schulbildung, unter der Dohm ihr Leben lang litt, bestärkte sie nur in ihrem Kampf, machte sie zu einer genialen Schriftstellerin und Theoretikerin.

1853 heiratete Dohm Ernst Dohm, Chefredakteur des Satire-Magazins Kladderadatsch, und kam so in Kontakt mit der intellektuellen Elite der Berliner Gesellschaft. Das Ehepaar hatte vier Töchter und einen Sohn, der jedoch im Alter von elf Jahren starb.

Vier feministische Essaybände machten Hedwig Dohm in den 1870er Jahren mit einem Schlag berühmt. Ihre provokanten Schriften stießen aber nicht nur unter den „Herrenrechtler“ auf heftige Kritik. Sogar der bürgerlichen Frauenbewegung war Dohm zu radikal. Erst als eine neue, radikalere Frauengeneration heranwächst, fand Dohm Gleichgesinnte, denen sie sich anschloss – etwa dem Verein Frauenwohl, den die Aktivistin Minna Cauer 1889 gründete. 1894 forderten sie öffentlich das Wahlrecht für Frauen.

Zwar machte sich die SPD 1891 schon stark für das Frauenwahlrecht, und August Bebel sorgte mit seinem Buch „Die Frau und der Sozialismus“ 1879 für Aufsehen. Eine Stimmrechtsbewegung formierte sich jedoch erst nach der Jahrhundertwende. Erst 1902 gründeten Anita Augspurg und Lida Gustava Heymann in Hamburg den ersten Stimmrechtsverein. Schon bald machten Frauen in anderen Städten mit Flugblättern und Vorträgen auf ihr Anliegen aufmerksam. Bereits ein Jahr später zählte der Dachverband 8000 Mitglieder.

Den Bemühungen setzte der Erste Weltkrieg zunächst ein Ende. Der Großteil der organisierten Frauen stimmte 1914 in das Jubelgeschrei ein – sehr zum Entsetzen von Hedwig Dohm, die dem Hurra-Patriotismus kritisch gegenüber stand.

Erst mit der Weimarer Republik setzte sich das lange ersehnte Frauenwahlrecht durch. Und ihr Ziel erreichten Dohm und so viele weitere Frauenrechtlerinnen dann endlich am 12. November. Nun waren sowohl Frauen als auch Männer wahlberechtigt. Wenige Wochen später, am 30. November 1918 verankerte der Rat der Volksbeauftragten das aktive und passive Wahlrecht für alle Bürger in der Verordnung über die Wahl zur verfassunggebenden deutschen Nationalversammlung.

Dohm, zu diesem Zeitpunkt bereits 87 Jahre alt, freute sich sicherlich über diesen Erfolg. Auch die erste Wahl, am 19. Januar 1919, bei der über 90 Prozent aller wahlberechtigten Frauen ihre Stimme abgaben, erlebte Dohm mit. Am 1. Juni 1919 starb sie. Auf ihrem Grab steht einer ihrer viel zitierten Sätze: „Menschenrechte haben kein Geschlecht“.

Frauenwahlrecht - USA und andere Länder

Schon lange vor den Frauen in Deutschland durften Neuseeländerinnen wählen, am 19. September 1893 wurde es eingeführt. Einige Beispiele: • 1906: Finnland

• 1920: USA

• 1930: Türkei

• 1932: Brasilien

• 1944: Frankreich

• 1950: Indien

• 1971: Schweiz

Marie Juchacz sprach als erste Frau in Weimarer Nationalversammlung - Schon gewusst?

• Bis 1957 galt der sogenannte Gehorsamsparagraf. Dieser Paragraf 1354 im Bürgerlichen Gesetzbuch, 1900 in Kraft getreten, räumte Ehemännern das Recht ein, über das gemeinschaftliche eheliche Leben zu bestimmen.

• Bis 1977 schrieb das Bürgerliche Gesetzbuch vor, dass Frauen nicht ohne die Zustimmung ihres Mannes arbeiten durfte. Bis 1958 konnte der Mann den Arbeitsvertrag seiner Frau ohne deren Einwilligung fristlos kündigen.

• Bei den ersten allgemeinen Wahl wurden 41 Frauen in die Nationalversammlung gewählt – das waren 9,6 Prozent der 423 Abgeordneten.

• Als erste Frau sprach die Sozialdemokratin Marie Juchacz am 19. Februar 1919 in der Weimarer Nationalversammlung. Sie sagte: „Was diese Regierung getan hat, das war eine Selbstverständlichkeit: Sie hat den Frauen gegeben, was ihnen bis dahin zu Unrecht vorenthalten worden ist.“

• 2017 sank der Anteil der Frauen im Bundestag mit 30,9 Prozent auf das Niveau von 1998.

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