Kirchditmold wäre 2012 beinahe ein Jahrtausend alt geworden – nun aber doch nicht

Ungenau Daten: 1000-Jahr-Feier wird es in Kirchditmold nie geben

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Alter Grundriss: So sah die Kirche aus, die um das Jahr 1000 in Kirchditmold erbaut wurde und auch in der „Vita Heimradi“ auftaucht. Heute steht an der Stelle die Friedrich-List-Schule.

Kirchditmold. Die Nachricht schlug in der jüngsten Ortsbeiratssitzung in Kirchditmold hohe Wellen. Stadtteilhistoriker Walter Klonk hatte verkündet, Kirchditmold feiere kommendes Jahr 1000-jähriges Bestehen. Doch die Freude war von kurzer Dauer.

Bei genauerer Recherche stellte Klonk fest, dass der Stadtteil nie Geburtstag haben wird. Grund dafür sind ungenaue Daten in alten Dokumenten.

Kirchditmold ist quasi alterslos. Es gibt zwar viele Hinweise auf das Alter, aber urkundlich exakt datierte Nachweise des Ortes tauchen erst relativ spät in der Geschichte auf – als die Siedlung bereits viele Jahrhunderte bestand.

Historiker hatte sich geirrt

Einen urkundlichen Nachweis glaubte Klonk zunächst im Jahr 1012 gefunden zu haben, als der Ort noch Dietmelle hieß. Doch dann wühlte er so engagiert in alten Unterlagen, dass er feststellen musste, sich geirrt zu haben.

Fündig geworden war Klonk in der Vita über Sankt Heimerad. Das Buch beschreibt das Leben des Wanderpredigers Heimerad, der nach seinem Tod heilig gesprochen wurde. Heimerads Eremitenleben führte ihn nicht nur nach Jerusalem, sondern auch nach Kirchditmold. Dort, so steht es in der Vita, fand er zwei Kirchen vor: Eine zerfallene und eine neuere.

Wann er in der Region ankam, ist unklar. Sicher ist, dass es nach 1012 und vor 1016 gewesen ist. Denn vor seinem Aufenthalt in Kirchditmold hatte ihn der Hersfelder Abt Arnold auspeitschen und verjagen lassen. Grund dafür war eine Lüge gewesen. Heimerad hatte behauptet, der Sohn des Kaiser zu sein. Weil Arnold erst 1012 zum Abt ernannt wurde, ist ein früheres Datum ausgeschlossen.

Auch ist in der Vita vermerkt, dass Heimerad nach seinem Aufenthalt in Kirchditmold das Kloster (Burg-)Hasungen 1016 als Alterssitz wählte. Zuvor war er als unliebsamer Wanderprediger nicht nur aus Kirchditmold, sondern auch aus Kirchberg (Niedenstein) und Paderborn vertrieben worden.

Aus Kirchditmold musste er fliehen, weil er den Zorn des Priesters auf sich gezogen hatte. Heimerad hatte in der zerfallenen Kirche Bußpredigten gehalten, die nicht nur das Bauernvolk anzogen. Auch die Frau des Priesters war angetan – seinerzeit durften Priester noch verheiratet sein. Der Geistliche fühlte sich herausgefordert und ließ Heimerad, so ist zu lesen, mit Hunden aus dem Dorf jagen.

Wurzeln im 8. Jahrhundert?

Weil in der Vita bereits von zwei Kirchen die Rede ist, geht Klonk davon aus, dass Kirchditmold lange vor der Jahrtausendwende begründet wurde. Der Historiker glaubt, dass erste Reformatoren bereits im 8. Jahrhundert eintrafen und eine Kirche erbauten. Die erste urkundliche Erwähnung taucht im Jahr 1143 auf. Damals überließen die Kirchditmolder einen Teil ihres Gebietes fürs neue Kloster Weißenstein. Auf dem Grund steht heute Schloss Wilhelmshöhe.

Ortsvorsteherin Elisabeth König vertraut auf das Urteil von Klonk. Sie geht davon aus, dass auf absehbare Zeit kein Jubiläum gefeiert wird.

Von Bastian Ludwig

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