Gegen hessenweiten Trend: In Stadt und Landkreis Kassel gibt es mehr Bewerber als Ausbildungsplätze – Dennoch 600 Stellen offen

1000 Jugendliche noch ohne Lehrstelle

Sie ist fündig geworden: Lisa Krück aus Baunatal macht in den Werkstätten der Uni Kassel eine Ausbildung als Industriemechanikerin. Archivfoto: Fischer/nh

Kassel. Fast 1000 Jugendliche aus Stadt und Landkreis Kassel sind noch ohne Lehrstelle. Damit ist die Situation auf dem lokalen Ausbildungsmarkt eine andere als im übrigen Hessen, wo es mehr Ausbildungsplätze als Bewerber gibt.

Zwar sind auch in Stadt und Landkreis noch 600 Stellen unbesetzt, dafür fehlten aber zum Teil Bewerbungen oder es handelt sich aus Sicht der Betriebe nicht um geeignete Kandidaten.

André Schönewolf, Jugendbildungsreferent des DGB Nordhessen, fordert die Firmen auf, weitere Ausbildungsplätze zu schaffen. „Wir sind enttäuscht von den Unternehmen und Kammern, die nach wie vor behaupten, dass jeder Jugendliche einen Ausbildungsplatz findet. Dies ist falsch“, sagt Schönewolf.

Defizite seien Vorurteil

Bevor darüber nachgedacht werde, Fachkräfte aus dem Ausland nach Deutschland zu holen, solle doch lieber den Jungendlichen vor Ort eine Chance gegeben werden. Es sei ein Vorurteil, wenn behauptet werde, das zur Verfügung stehende Potenzial junger Menschen reiche nicht für eine Ausbildung.

Aus Sicht von Silke Sennhenn, Sprecherin der Arbeitsagentur Kassel, wird sich die Ausbildungssituation noch etwas entspannen. Das Ausbildungsjahr beginne zwischen den Monaten August und Oktober. Einige Bewerber würden sicherlich noch kurzfristig eine Zusage erhalten.

Dass immer noch 600 Stellen in Stadt und Landkreis unbesetzt seien, habe verschiedene Ursachen. Zum einen hätten einige Bewerber zu eingeschränkte Berufswünsche. Viele hätten nur die klassischen Berufsbilder im Kopf. Zudem sei mehr örtliche Flexibilität gefragt. Diese Einschätzung teilen auch die Industrie- und Handelskammer (IHK) sowie die Handwerkskammer Kassel. „Die Betriebe sind sich der Auswirkungen des demografischen Wandels bewusst - und dass sich die benötigten Fachkräfte am besten durch Ausbildung sichern lassen“, sagt IHK-Sprecher Andreas Nordlohne.

Für Schönewolf vom DGB liegen die Gründe für die noch unbesetzten Lehrstellen auch in deren Attraktivität. Insbesondere im Hotel- und Gaststättenbereich würden Auszubildende zum Teil ausgebeutet. „Bei einer Umfrage haben wir festgestellt, dass 50 Prozent der Auszubildenden in der Branche Überstunden machen müssen, die nicht ausgeglichen werden“, sagt der DGB-Jugendreferent. Berufsschüler der Elisabeth-Knipping-Schule hätten ihm berichtet, dass sie teilweise 70-Stunden-Wochen hätten.

Anna Homm, Geschäftsführerin des Hotel- und Gaststättenverbandes Nord- und Osthessen, spricht von „wenigen schwarzen Schafen“, die es überall gebe. Wer in ihrer Branche eine Ausbildung mache, dem stünden Arbeitsplätze auf der ganzen Welt offen. Um das Image für eine Lehre im Gastgewerbe zu verbessern, sei eine Werbekampagne in Planung.

Von Bastian Ludwig

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