Warnung vor unzumutbaren Zuständen

13 Stunden täglich? Streit um Arbeitszeiten in der Gastronomie

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Kassel. Die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) befürchtet, dass es für Kellner, Köche und Serviererinnen bald Alltag werden könnte, bis zu 13 Stunden täglich in einer Sechs-Tage-Woche zu arbeiten.

Hintergrund sind Bestrebungen des Hotel- und Gaststättenverbandes Dehoga, die gesetzlich zulässige tägliche Höchstarbeitszeit durch ein wöchentliches Maximum zu ersetzen. Laut NGG-Regionalgeschäftsführer Andreas Kampmann wären 6800 Gastro-Beschäftigte in der Stadt und 3500 weitere im Landkreis Kassel betroffen. Dort sorgt die documenta 14 derzeit für viel Arbeit im Gastgewerbe.

Das geltende Arbeitzeitgesetz von 1994 lässt Schichten bis maximal zehn Stunden pro Tag zu. Das verlange Arbeitnehmern bereits jetzt eine hohe Flexibilität ab und gebe Betrieben „die Freiheit, ihre Beschäftigten weitgehend so einzusetzen, wie sie es brauchen“, sagt Gewerkschafter Kampmann. Jede Aufweichung dieser Regeln sei unnötig.

Schon heute würden in ganz Nordhessen rund 52 000 Menschen an Sonntagen arbeiten, 36 000 sogar nachts, argumentiert die Gewerkschaft. Speziell im Gastgewerbe gehörten „lange Arbeitszeiten an jedem Tag der Woche schon immer zum Beruf“. Die Arbeitgeber der Branche täten besser daran, die Ausbildungs- und Arbeitsbedingungen zu verbessern, um personell besser gerüstet zu sein, sagt die NGG.

Der Dehoga hingegen hält „die starre tägliche Höchstarbeitszeit im geltenden Arbeitszeitgesetz für nicht mehr zeitgemäß“. Zur Begründung verwies Dehoga-Regionalgeschäftsführerin Anna Homm darauf, dass sich sehr viele Teilzeitbeschäftigte in der Gastronomie etwas hinzuverdienen. Wer noch einen anderen Job habe, komme schnell an die erlaubte Tagesstundengrenze.

Dann aber lohne sich der Zuverdienst oft nicht mehr, wenn man mit sehr kurzen Schichten und entsprechend häufigeren Anfahrten kalkulieren müsse. Oft sei es ausdrücklicher Wunsch von Mitarbeitern, etwa alleinerziehenden Müttern, lieber weniger Tage zu arbeiten und dann aber zum Beispiel von Mittag bis Mitternacht, also zwölf Stunden.

Eine tägliche Arbeitszeit von bis zu 13 Stunden solle „keineswegs Alltag werden, aber möglich sein“, sagt Homm über den Vorstoß ihres Verbandes. Um eine Ausweitung der Gesamtarbeitszeit gehe es dabei nicht, betont sie, sondern darum, mehr Flexibilität zu ermöglichen – etwa wenn ein Familienfest länger als geplant bis in die frühen Morgenstunden dauert, wenn das Biergartenwetter besser ist als vorhergesagt oder wenn sich ein Reisebus mit hungrigen Gästen verspätet.

Selbst bei bester Planung müsse im Gastgewerbe oft sehr kurzfristig reagiert werden, sagt die Dehoga-Geschäftsführerin: „Die Arbeit an Abenden und Wochenenden liegt in der Natur unserer Branche.“ Für typische Situationen mit akutem Personalbedarf „brauchen wir Lösungen, die das derzeit geltende Arbeitszeitgesetz nicht bietet“.

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