Jugendliche stark gefährdet – Nachfrage nach Beratung wächst

1300 Onlinesüchtige in Kassel – Zahl steigt

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Bei weitem nicht alle Jugendlichen werden Onlinesüchtig, wenn sie regelmäßig Computerspiele spielen. Erst wenn persönliche Defizite durch die Flucht in virtuellen Welten ausgeglichen werden, ist Vorsicht geboten.

Kassel. Onlinesucht nimmt in Kassel zu. „Rund 1300 Menschen sind im Stadtgebiet medienabhängig“, schätzt Dr. Gabriele Fröhlich-Gildhoff, Chefärztin der Psychosomatischen Abteilung der Habichtswald-Klinik Kassel. Und der Trend weise weiter nach oben.

Ein Indiz dafür, dass die Zahl der Süchtigen weiter steigt, ist auch die steigende Nachfrage nach Therapie- und Beratungsangeboten. „Seit Aufbau unserer Medien-Beratungsstelle ,Real Life’ im Jahr 2008 ist die Zahl der Klienten auf rund 120 pro Jahr angestiegen“, sagt Suchtberater Rolf Isermann vom Diakonischen Werk Kassel. Das Beratungsangebot werde laufend angepasst und erweitert.

Auch die Habichtswald-Klinik plant aktuell weitere Therapieplätze, „die Nachfrage steigt“, sagt Fröhlich-Gildhoff. Erst vor einem halben Jahr sei das Therapiekonzept zur Behandlung von Onlinesucht komplett überarbeitet und erweitert worden. „Und wir sind mit der Entwicklung noch nicht am Ende“.

Männliche Jugendliche stark gefährdet

Gefährdet sind vor allem Teenager im Alter zwischen zehn und 19 Jahren – Jungen deutlich stärker als Mädchen. Während Jungen sich häufiger mit Computerspielen, Kampf- und Rollenspielen sowie mit sexualisierenden Bilden befassen, nutzen Mädchen häufiger soziale Netzwerke.

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Laut einer Studie des Kriminologischen Forschungszentrums Niedersachsen gelten 3,5 Prozent aller Jugendlichen als gefährdet, 1,5 Prozent als abhängig. „Grenzwertig wird es, wenn junge Leute mehr als vier Stunden täglich im Internet verbringen, um damit Defizite auszugleichen“, sagt Fröhlich-Gildhoff. Oft werde diese Zeitspanne überschritten.

Forschung noch in den Kinderschuhen

„Zehn Prozent der Neuntklässler verbringen 4,8 Stunden täglich vorm Computer.“ Dennoch sei nicht jeder Internetnutzer gleich suchtgefährdet. „Die meisten stecken exzessiven Medienkonsum gut weg, wenn sie im realen Leben gut verankert sind“, sagt Fröhlich-Gildhoff. Die Forschung in Sachen Online-Sucht stecke noch in den Kinderschuhen.

Von Boris Naumann

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