Fest am Samstag

150 Jahre Gehörlosengemeinde Kassel: Still und doch lebendig

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Sie müssen den Rhythmus im Inneren spüren: Der Gebärdenchor bestehend aus Inge Tschirner (vorne von links), Gertrude Peer, Renate Dimmerling, Werner Most (hinten von links), Diakonin Stefanie Brenzel, Chorleiterin Jutta Hempel, Ewa Küster und Luise Wenzek probt für die Jubiläumsfeier der Gemeinde.

In dieser Gemeinde wird nicht gesprochen. Trotzdem wird gepredigt, gebetet und sogar gesungen – und zwar mit den Händen, mit Mimik und Gestik. Genauer gesagt, mit Gebärden. An diesem Samstag feiert die Gehörlosengemeinde Kassel ihr 150-jähriges Bestehen.

„Still ist es hier nie“, sagt Lutz Käsemann. Seit 19 Jahren ist er Pfarrer in der Gehörlosenseelsorge der evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck. Ins Jahr 1869 reicht die Geschichte der Kasseler Gemeinde zurück, die rund 120 Mitglieder aus ganz Nordhessen zählt. In der Garnisonkirche hielt Pfarrer Bernhard Schafft erstmals einen Gottesdienst für taube Menschen in Gebärdensprache. Es war das Geburtsjahr der Gehörlosengemeinde Kassel. Zwanzig Jahre später organisierten sich Gehörlose in einem eigenen Verein, um ihre Sprache und Kultur zu pflegen, dem „Kasseler Allgemeinen Taubstummenunterstützungsverein“.

Der Ausdruck taubstumm wird heute übrigens als diskriminierend empfunden. Betroffene bevorzugen die Begriffe taub oder gehörlos. In den Anfangsjahren war das freilich anders. Vor allem auf dem Land hatten Gehörlose mit dem Stigma des Behinderten zu kämpfen. „Damals galt vor allem, nicht aufzufallen“, sagt Käsemann.

Lutz Käsemann: Seit 2000 Pfarrer in der Gehörlosenseelsorge

Pfarrer Bernhard Schafft – und Anfang des 20 Jahrhunderts dessen Neffe Herrmann Schafft – waren hingegen bemüht, Gehörlose zu unterstützen. Der Pfarrer war gleichzeitig Sozialarbeiter; häufig fungierte er als Dolmetscher. „Sie haben die Nähe zu den Menschen gesucht, um in ihrer Sprache zu sprechen und ihre Kultur zu erfahren“, sagt Käsemann. Dieser Kerngedanke habe bis heute Bestand.

Er selbst sei einst zufällig in die Gebärdesprache „reingestolpert“. Ein Frankfurter Pfarrerkollege habe ihn unter seine Fittiche genommen. Da saß er inmitten gehörloser Gemeindemitglieder, ohne etwas zu verstehen. Seine erste Gebärde? Kaffee! Voller Enthusiasmus sei er im Jahr 2000 in Kassel gestartet – und mit dem guten Gefühl: „Man kann mich verstehen.“

Wenn Lutz Käsemann in der Evangelischen Marienkirche in Bettenhausen predigt, dann läuten keine Glocken. Auch die Orgel schweigt. Gesungen wird mit den Händen. Hier und da sind Laute zu vernehmen. Trotz der Stille sind diese Gottesdienste lebendig. Es herrsche eine „Freiheit und Unbekümmertheit, sich einzubringen“. Stelle er in seiner Predigt etwa eine rein rhetorische Frage, dann erhalte er Antworten aus den Kirchenbänken. Oder die Gemeindemitglieder ergänzten seine Texte mit eigenen Erfahrungen. „Manchmal entsteht eine ganz andere Predigt“, sagt Käsemann.

Blick zurück: Diese historische A ufnahme zeigt die Kasseler Gehörlosengemeinde im Jahr 1924 bei einem Kirchenfest.

Sie schätzen es besonders, dass sie bei den Gottesdiensten alles verstehen, berichten die Gemeindemitglieder. „Wir haben so auch die Möglichkeit, Kontakt zu Gott zu haben“, sagt Gertraude Peer in Gebärdensprache, die Pfarrer Käsemann übersetzt, Renate Dimmerlein ergänzt: „Wir hören mit den Augen, sprechen mit den Händen und spüren mit den Füßen.“ So habe der in eigener Sprache gegründete Chor bei seinen Darbietungen auch die volle Aufmerksamkeit der Gemeinde.

Ansonsten gibt es viele Parallelen zu anderen Kirchengemeinden: Zu den sonntäglichen Gottesdiensten kommt meist „ein harter Kern“ von rund 30 Mitgliedern; der Altersdurchschnitt liegt bei über 70 Jahren, der Nachwuchs fehlt.

Dennoch ist Käsemann nicht bange: Für viele ist der Gottesdienst im Verbund mit dem anschließenden Treffen ein Anziehungspunkt geworden. Bei Kaffee und Kuchen wird sich regelmäßig ausgetauscht. Und: Es kommen Protestanten, Katholiken, auch Orthodoxe. Auch das sei typisch für die Gehörlosenseelsorge, sagt Pfarrer Käsemann: „Die Barrieren sind deutlich flacher.“

Festgottesdienst und Feier

Die Gehörlosengemeinde Kassel feiert am Samstag, 31. August, ihr 150-jähriges Bestehen unter dem Motto „Wir 150“. Beginn ist um 11 Uhr in Evangelischen Marienkirche Bettenhausen. Gestaltet wird der Gottesdienst vom Gebärdenchor und dem Gemeindevorstand der Evangelischen Gehörlosengemeinde Kassel. Die Predigt hält Prälat Bernd Böttner. Im Anschluss gibt es eine Feier mit Kinderprogramm im und um das Gehörlosenzentrum / Stadtteilzentrum Bettenhausen an der Agathofstraße 48. Ab 14 Uhr fasst Bernd Siebert die Geschichte der Gehörlosen in Kassel zusammen: „150 Jahren in 30 Minuten“ ist sein Vortrag überschrieben. Ihre regulären Gottesdienste feiert die Gemeinde am ersten Sonntag im Monat ab 14.15 Uhr. Infos: gehoerlosenseelsorge-ekkw.de

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