19-jährige Kasselerin im australischen Katastrophengebiet: "Ein einziger Albtraum"

Janina Everding

Brisbane. Am Rande der vom Hochwasser zerstörten australischen Stadt Brisbane lebt derzeit eine junge Kasselerin. Die 19-jährige Janina Everding wohnt dort für drei Monate bei einer Gastfamilie, bevor sie auf ihrer Australientour weiterzieht. Wie es derzeit in dem Katastrophengebiet aussieht, schildert sie in unserem Interview.

Frau Everding, wie ist die aktuelle Lage in Brisbane?

Janina Everding: Hier herrscht ein absoluter Ausnahmezustand. Ich wohne in einer Gastfamilie in Salisbury. Es ist einer der wenigen Orte rund um Brisbane, welcher noch nicht überflutet ist, trotzdem funktioniert hier teilweise weder das Handynetz noch das Internet, und auch ganze Stromausfälle sind keine Seltenheit. Wir haben schon Abende mit Kerzenlicht verbracht und den Grill in die Küche gestellt, damit wir irgendwie kochen können.

Everding: Wie weit wohnen Sie vom überschwemmten Gebiet entfernt?

Ich höre ständig Rettungshubschrauber über mich hinweg fliegen. Auch wenn unser Haus verschont geblieben ist, handelt es sich nur um ungefähr fünf Gehminuten die man braucht, um im Wasser zu stehen und sich das ganze Unheil anschauen zu können.

Hier fahren die Menschen mit Booten zu ihren Häusern und Firmen und versuchen zu retten, was noch zu retten ist, allerdings begeben sie sich bei diesen Rettungsaktionen auch in Lebensgefahr. Die Nachrichten berichten ständig von neuen Todesopfern, die teilweise aus Fahrzeugen, Haustrümmern und Flüssen geborgen wurden. Dutzende Menschen haben ihre komplette Existenz verloren und befinden sich nun in Notunterkünften. Die Rettungskräfte und freiwilligen Helfer leisten Unglaubliches.

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Wie sieht es in Brisbane direkt aus?

Everding: Ich konnte mir noch kein Bild davon machen, wie die Innenstadt aussieht, weil es verdammt schwer ist, dorthin zu kommen, denn der Verkehr steht durch die vielen gesperrten Straßen still, und auch die Züge können nur noch sehr eingeschränkt fahren. Jetzt beginnen allmählich die Aufräumarbeiten. Das Wasser ist eine gefährliche Brühe voller Dreck, Öl, Bakterien, Müll und scharfen Gegenständen. Immer mal wieder nimmt man sehr unangenehme Gerüche wahr, die das Flutwasser verursacht.

Wie ist die Situation in Ihrer Gastfamilie?

Zur Person

Janina Everding (19), hat 2010 Abitur an der Jacob-Grimm-Schule in Kassel gemacht und wohnt am Mulang. Derzeit ist sie auf einer mehrmonatigen Tour durch Australien unterwegs. Für drei Monate lebt sie bei einer Gastfamilie am Rande Brisbanes. Dort passt sie auf den vierjährigen Sohn der Familie auf und arbeitet in der Firma des Vaters, die Straßenmarkierungen erstellt. Anfang April setzt sie ihre Reise in andere Gebiete Australiens fort.

Everding: Vor zwei Tagen haben wir in letzter Minute die Arbeitshalle des Gastvaters so gut es geht ausgeräumt und alles mit Transportern in unseren Hinterhof gebracht. Das war gegen 11 Uhr. Als wir gegen 17 Uhr noch schnell versucht haben, Gasflaschen und Wasser zu kaufen, war die Straße zur Arbeitshalle bereits abgesperrt, weil sie durch das Flutwasser nicht mehr befahrbar war. Der Weg zur Arbeitshalle dauert normalerweise zehn Minuten. An dem besagten Tag haben wir fast zwei Stunden gebraucht. Außerdem muss man über Dinge nachdenken, wie sich mit Konserven und Wasserkanistern zu bevorraten, denn die Supermärkte sind leer gekauft und teilweise eben auch überflutet.

Heute hat mein Gastvater zum ersten Mal den Schritt gewagt und sich den Trümmerhaufen seiner Arbeitshalle angeschaut. Die Aufräumarbeiten werden ewig dauern und die Schäden sind hoch. Seine Firma erstellt Straßenmarkierungen, was momentan natürlich nicht möglich ist, weil die Straßen voller Wasser und Dreck sind. Ich gehe aber davon aus, dass seine Firma in naher Zukunft sehr gefragt sein wird, denn schließlich sind die Straßen zerstört und es werden viele neue Markierungen nötig sein.

Die Ministerpräsidentin von Queensland, Anna Bligh, hat von einem „Wiederaufbau wie nach einem Krieg“ gesprochen. Wie groß sind die Schäden, wie sieht die Stadt aus?

Everding: Damit liegt sie vollkommen richtig. Brisbane wird nie wieder das sein, was es noch vor ein paar Tagen war. Überall sind Häuser eingestürzt, Autos stehen mitten im Nirwana und viele Firmen müssen vorrübergehend schließen. Städte wie Ipswich und Towoomba, die ich vor kurzem noch besucht habe, sehen aus, als hätte es sie nie gegeben. Die Familie meines Gastvaters wohnt in Toogoolawah, einen kleinen Ort etwa zwei Stunden nordwestlich von Brisbane. Dort besitzen sie eine kleine Farm, die sie aber seit Tagen nicht erreichen können, sodass die Tiere nicht versorgt wurden und wahrscheinlich von den Fluten mitgerissen wurden.

Die Stiefmutter meines Gastvaters liegt seit einigen Wochen in Ipswich im Krankenhaus, einer der meist betroffenen Orte in Queensland. Keiner kann sie besuchen, weil man nicht in die Stadt reinkommt. Der Bruder meines Gastvaters wohnt im Moment bei uns, denn auch er kommt nicht nach Hause und weiß nicht, ob sein Haus noch steht. Die Armut wird hier in nächster Zeit ein unglaubliches Ausmaß annehmen, denn die Menschen hier haben so viel verloren und zudem steigen die Lebensmittelpreise stark an. Das Ganze ist für die meisten Menschen hier ein einziger Albtraum!

Wie gehen die Australier mit der Krise um?

Everding: Ein positiver Fakt der Krise ist, dass die Menschen hier rührend zusammenhalten. Jeder hilft mit dem aus, was er kann, egal ob es seine eigene Arbeitskraft oder finanzielle Mittel sind. Menschen aus weniger betroffenen Gebieten bieten Schlafplätze für Obdachlose an. Viele Freiwillige helfen in den Lagern, in denen die Evakuierten leben. Hier gibt keiner auf, sondern alle packen dort an, wo sie am meisten gebraucht werden.

Wie schätzen die Australier/die Menschen in Brisbane ihre Zukunft ein? Wie lange wird der Wiederaufbau nach Schätzungen dauern?

Everding: Den Australiern wird das Ausmaß der Schäden von Stunde zu Stunde bewusster. Anna Bligh sprach jetzt von mindestens drei Jahren, bis die Schäden einigermaßen behoben sind. Die Menschen hier benötigen dringend finanzielle Mittel, weshalb ich auch an unser Land appellieren möchte zu spenden. Die Australier benötigen Hilfe von außen, um möglichst schnell eine erträgliche Alltagssituation wieder herstellen zu können und diesen nachkriegsähnlichen Zuständen zu entkommen.

Von Detlef Sieloff

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