1946: NS-Kriegsverbrecher Klaus Barbie als Ganove in Kassel

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Klaus Barbie in Zivil auf seinem offiziellen SS-Foto.

Kassel. Am 19. April 1946, also vor 65 Jahren, überfiel der berüchtigte Gestapo-Chef von Lyon, Klaus Barbie, eine Familie an Kassels Parkstraße. Barbie versuchte damals, in der Region abgetauchte Nazis um sich zu scharen.

PDF der Berichterstattung zum Fall Barbie 1946

Es ist spät, schon nach zehn Uhr abends, und der Besuch kommt unangemeldet: Drei Männer drängeln durch die Etagentür in die Wohnung der Familie von Forstner an der Kasseler Parkstraße 43. Regenmantel, Hut, Schaftstiefel - die drei stellen sich als Kripobeamte vor.

Tatsächlich sind es ehemalige SS- und Gestapo-Männer, die am 19. April 1946, also vor 65 Jahren, im Kasseler Westen auf fette Beute spekulieren. Anführer der Ganoven ist Klaus Barbie - Gestapo-Chef im besetzten Frankreich, ein berüchtigter Folterer und Menschenschinder, genannt „Schlächter von Lyon“. Eine Rekonstruktion aus Akten des Bundesarchivs Koblenz.

Extra-Lesestoff zu Gestapo in Kassel, Kriegsende und Nachkriegszeit:

-Tage der Befreiung 1945

-Die geheime Staatspolizeistelle Kassel

Klaus Barbie wärmte unter wechselnden Falschnamen nach Kriegsende in Nordhessen alte Kontakte auf und knüpfte neue. SS-Leuten besorgte Barbie falsche, aber unverdächtige Papiere. In Hamburg kannte er einen Doktor, der die verräterischen Blutgruppen-Tätowierungen unter dem Arm verschwinden ließ. Unter den Augen der US-Besatzer knüpfte Barbie zudem ein Untergrundnetz alter Nazis. Als die Amerikaner dem Spuk im Februar 1947 mit einer Razzia ein Ende machten, ließen sie Barbie entkommen: Er sprang bei einem Mitverschwörer in der Friedrichsstraße 7 einfach aus dem Fenster.

Von Barbies Vorleben, der wegen Kriegsverbrechen auf alliierten Fahndungslisten steht, ahnen Frieda von Forstner und ihr Mann Bruno-Karl im April 1946 wohl nichts. Barbie und seine Kumpane, der einstige SS-Untersturmführer Kurt B. aus Kaufungen sowie Wolfgang G. aus Manrode im Westfälischen, zu Hitlers Zeiten Angehöriger der Waffen-SS und SS-Divison „Das Reich“, suchen in der Parkstraße angeblich einen versteckten Mann namens Kolbenbeyer. Schränke werden aufgerissen, dann werfen die falschen Kripoleute Frieda von Forstner plötzlich Schwarzhandel mit Brillanten vor. Von da ist es nicht weit bis zu einem Koffer mit Schmuck, von dem Barbie weiß - woher auch immer.

Frau von Forstner holt den Schmuck, stellt den Koffer auf den Tisch: Ketten, Ringe, Taschenuhren, ein Kriegsverdienstkreuz von 1914, ein Eisernes Kreuz. Bruno-Karl von Forstner ist Hauptmann a. D. Barbie, den seine Kumpane brav mit „Herr Kommissar“ anreden, greift zu: Die Wohnungsinhaberin soll mit zum Polizeipräsidium, man müsse ein Protokoll aufnehmen. Der Schmuck muss auch mit, den trägt der Bandenboss selbst. 

Klaus Barbie während seines Prozesses 1987 in Lyon.

Eigentlich wollte das Trio Frieda von Forstner auf der Straße niederschlagen, um dann mit dem Schmuck zu türmen. Im Treppenhaus merkt die Frau plötzlich, dass sie ihre Ausweis-Kennkarte nicht dabeihat. Sie läuft zurück in die Wohnung. Die alten SS-Kameraden schalten um und suchen sofort das Weite - die Beute unterm Arm. Wolfgang G. läuft zum Bahnhof, er will heim nach Manrode. Kurt B. stellt den Koffer kurz bei einer Bekannten in der Friedrichsstraße 7 unter. Die greift gleich zu und angelt sich einen Ring. Als Barbies Helfer im April 1950 wegen Betruges und Amtsanmaßung endlich vor Gericht stehen, ist ihr Boss längst weit weg. Der Schmuck ebenso.

Von Wolfgang Riek

HIntergrund: Das Opfer war Jüdin

US-Geheimdienst gab die Beute 1951 zurück Was Klaus Barbie kurz vor Ostern 1946 in Haus an der Parkstraße trieb, ist aus den der HNA vorliegenden Aktenauszügen des Bundesarchivs Koblenz nicht zu klären. Immerhin: Er wusste von der Beute. Und Frieda von Forstner war Jüdin - das bestätigte eine in Kassel lebende Verwandte. Juden um Geld und Leben zu bringen, war schon im Dritten Reich Teil des mörderischen Auftrags von Barbie. Tippgeber dürfte er in seinem Untergrund-Nazinetz, dessen Mitglieder sich nach Aussagen Beteiligter auch mithilfe von Kamera-Kleinanzeigen suchten und fanden (Codewort „Minox“), genügend gehabt haben: Viele hatten zu Kriegsende vielleicht ihre Ausweise verbrannt, nicht aber ihr Wissen und ihre Gesinnung. Historiker halten es für plausibel, dass der „Schlächter von Lyon“ Kontakt zu seinem Kasseler „Kollegen“ hatte. Kassels Gestapo-Chef Franz Marmon war vor Eintreffen der Amerikaner verschwunden. Kurz zuvor im März und April 1945 hatte er noch über 100 Zwangsarbeiter und Gestapo-Häftlinge erschießen lassen. In Hitzelrode bei Eschwege tauchte Marmon unter - als Peter Vriemer, angeblich vertrieben aus dem Sudetenland. Das Verfahren gegen Kurt B. und Wolfgang G., Barbies Helfer in der Parkstraße, wurde dank eines Amnestiegesetzes der Alliierten eingestellt. Ein Haftbefehl gegen Barbie - ergangen mehr als vier Jahre nach dem Brillanten-Coup - führte ins Nichts. Der Gesuchte war längst Spionage-Mitarbeiter des US-Militärgeheimdienstes CIC in Bayern - für Kasseler Staatsanwälte nicht zu greifen. Den Schmuck immerhin bekamen die Forstners zurück. Im Januar 1951, auf geheimen, verschlungenen Wegen aus Stuttgart, dort abgeliefert vom CIC. (wrk)

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