OB Bertram Hilgen im Interview

NS-Debatte: „Nicht alle Bürgermeister waren Widerstandskämpfer“

Kassel. Der ehemalige Kasseler SPD-Oberbürgermeister und Ehrenbürger Karl Branner (1910-1997) war ab 1933 Mitglied der NSDAP und hatte 1937 eine Doktorarbeit zum Steuerrecht verfasst, in der er nationalistisches Gedankengut transportiert.

Dies hatte jetzt ein Autorenteam um den Kasseler Historiker Dietfrid Krause-Vilmar für das neue Buch „Kassel in der Moderne“ zutage gefördert. Wir sprachen darüber mit Oberbürgermeister Bertram Hilgen (SPD).

Sind Sie von der Emotionalität der angefachten Debatte um Branner überrascht?

Bertram Hilgen: Branner war in 60er- und 70er-Jahren äußerst beliebt. Deshalb war zu erwarten, dass die Veröffentlichung große Aufmerksamkeit auslösen würde.

Sind Sie glücklich über die Debatte?

Hilgen: Ich bin weder glücklich noch unglücklich. Die Fairness gebietet es, mit Besonnenheit und Sorgfalt offene Fragen zu beantworten.

Sie wollen dazu eine externe Historikergruppe mit der Aufarbeitung beauftragen.

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Branner hatte sich nicht zu NSDAP-Mitgliedschaft bekannt

Hilgen: Der Auftrag soll an renommierte Historiker der Uni Marburg gehen. Der Blick von außen macht es den Wissenschaftlern leichter, unbefangen zu bleiben. Ziel soll es sein, das Leben von Branner – auch das vor 1945 – nachzuvollziehen und seine Doktorarbeit im historischen Zusammenhang einzuordnen. Wir sind in engen Gesprächen mit den Historikern, ich kann aber noch keine Namen nennen.

Zweifeln Sie an den jetzt vorgelegten Erkenntnissen?

Hilgen: Nein, ich habe keine Zweifel. Aber die Autoren konnten die Dissertation noch nicht in den Zusammenhang der Zeit einordnen. Dies muss man aber, wenn man die Frage klären will, wie nah Branner dem Nationalsozialismus stand. Dazu muss man die Wortwahl analysieren und mit anderen Arbeiten dieser Zeit vergleichen. Damals haben sie solche Arbeiten unter anderen Bedingungen anfertigen müssen als heutzutage.

Haben Sie die Dissertation selbst gelesen?

Hilgen: Ich fahre in Urlaub und habe sie im Gepäck. Ich habe bisher nur quergelesen. Einen heutigen Maßstab daran anzulegen, wäre aber nicht angemessen.

Sein Göttinger Doktorvater Klaus Wilhelm Rath war ein bekannter Nationalsozialist.

Hilgen: Ich weiß nicht, ob er sich den Doktorvater selbst ausgesucht hat.

Dass Branner schon 1933 in die NSDAP eintrat, zeigt doch, dass er Opportunist war.

Hilgen: Sie entlocken mir jetzt keine Beurteilung. Warten wir, was die Forschergruppe herausfindet. Nur so werden wir Branner im Gutem wie im Schlechten gerecht.

Sollte die Historikergruppe die jetzt vorgelegten Erkenntnisse bestätigen: Was bedeutet dies für seine Ehrenbürgerschaft und die nach ihm benannten Bauwerke?

Hilgen: In dem Fall würden wir das in der Stadtgesellschaft diskutieren und überlegen, welche Konsequenzen zu ziehen sind. Ich habe eine ganze Reihe Briefe von Kasseler Bürgern bekommen und die Öffentlichkeit erwartet zu Recht, dass das nun aufgearbeitet wird.

Was ist Tenor dieser Briefe?

Hilgen: Dass Branner zu Recht für seine Leistungen nach 1945 geehrt worden ist. Wenn es deutlich andere Erkenntnisse gibt, müsste dass sicher neu bewertet werden.

Warum wollen Sie die Rolle der anderen Nachkriegsoberbürgermeister nicht untersuchen? Lauritz Lauritzen war in der Reiter SA und Willi Seidel hatte eine Aufnahme in die NSDAP beantragt.

Hilgen: Wir klammern sie nicht aus. Deren Bewertungen sind nach dem gegenwärtigen Stand aber deutlich weniger komplex als die, die mit Branner verbunden sind. Nicht alle Menschen waren damals Widerstandskämpfer, sonst hätte es das System nicht gegeben. Wir müssen aufpassen, dass wir uns mit unserer heutigen demokratischen Sicht nicht den Blick auf die Verhältnisse der damaligen Zeit in einer Diktatur verbauen.

Wie haben Sie selbst Karl Branner kennengelernt?

Hilgen: Als ich 1980 nach Kassel kam, war er schon lange nicht mehr Oberbürgermeister. Er lebte noch bis 1997 und insofern habe ich ihn als Ehrenbürger und verdienten Ex-OB, aber nicht mehr als Teilhaber an der Kommunalpolitik kennengelernt.

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