200 Menschen setzten sich auf Stühlen für Künstler Ai Weiwei ein

Kassel. Die Stühle kamen zwar nicht aus der Qing-Dynastie, erfüllten aber ihren Zweck: 200 Menschen beteiligten sich in Kassel am Dienstagabend an einer Solidaritätskundgebung für den inhaftierten und seither verschwundenen chinesischen documenta-Künstler Ai Weiwei.

Die Aktion sollte an dessen Kunstwerk „Fairytales“ 2007 zur documenta 12 erinnern, bei der er 1001 Chinesen und Stühle nach Kassel gebracht hatte. Die Demonstranten ließen ihre Sitzmöbel mit dem Konterfei Ai Weiweis stempeln.

„Free Ai“ - entschlossen halten Simone Brencher und der Filmemacher Stephan Haberzetll ihre Schilder während der Protestaktion für die Freilassung Ai Weiweis in den Händen. Den 40-Jährigen verbinden private Erlebnisse mit dem chinesischen Künstler: Er habe 2007 während der documenta 12 zusammen mit ihm für die Sammlung von Rädern für die 1001 Chinesen geworben, erzählt der Kasseler. „Wir waren ja ständig in der Halle auf dem Gottschalkgelände, in dem die Chinesen untergebracht waren“, sagt er.

Freiheit für Ai Weiwei: So wie der Filmemacher sind bei der Kundgebung vor dem soziokulturellen Zentrum „Werkstatt“ an der Friedrich-Ebert-Straße viele Menschen dabei, die dem chinesischen Star während der Weltkunstausstellung begegnet sind und ihn geschätzt haben. Die Kunstszene war gestern vertreten und viele Verantwortliche von Kasseler Kultureinrichtungen, aber auch die Politik sowie viele Bürger aus der Region. „Ich hoffe, dass Ai Weiwei das Bild von unserem Protest irgendwann erreicht“, ruft Kassels Bürgermeister Jürgen Kaiser den Demonstranten zu. Zusammen mit Roland Goldack, Geschäftsführer der Werkstatt, fordert er die Teilnehmer auf, sich in einer Petitionsliste für Ai Weiweis Freilassung einzusetzen.

Was die Sitzmöbel angeht, ist alles dabei: Vom Gartenstuhl bis zum geräumigen Sessel. Der Künstler Zaki Al-Maboren hatte alle Hände voll zu tun, um sie mit Ai Weiweis Konterfei zu stempeln. Carmen Müller (43) aus Bad Zwesten hat sich einen gemütlich Stuhl mit breiter Lehne mitgebracht. Das erinnere sie an die 1001 Stühle aus der Quing-Dynastie, die Ai Weiwei in der Ausstellung postiert habe, sagt sie. „Es ist eine Katastrophe, dass die Menschenrechte in China so sehr mit Füßen getreten werden.“ Aber die Rolle der Bundesrepublik sei ebenfalls kein Ruhmesblatt, weil nur wirtschaftliche Interessen Vorrang hätten, meint Müller.

Während in der warmen Abendsonne die Grüppchen plaudernd zusammenstehen oder nachdenklich auf ihren Stühlen sitzen, liest die 82-jährige Helga Ohlmeyer ein Gedicht vor, das sie für Ai Weiwei geschrieben hat. „Ich will damit ein Zeichen setzen, dass er frei kommt. Ich habe mich in den Chinesen verguckt“, sagt die Kasselerin. Und fügt verschmitzt hinzu: „Natürlich nur in seine Werke.“

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