Stadt Kassel erarbeitet mit Forschern System zur CO2-Bilanzierung

Kassel will bis 2030 klimaneutral sein – aber was heißt das?

Macht 20 Prozent des städtischen CO2-Ausstoßes aus: Der Verkehr ist einer der Hauptverursacher für das klimaschädliche Kohlendioxid. Hier ein
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Macht 20 Prozent des städtischen CO2-Ausstoßes aus: Der Verkehr ist einer der Hauptverursacher für das klimaschädliche Kohlendioxid. Hier ein

Die Stadt Kassel hat sich zum Ziel gesetzt, bis 2030 klimaneutral zu sein. Um dies zu erreichen, wird der Klimaschutzrat der Stadt fortlaufend Maßnahmen entwickeln und vorschlagen, die von der Stadtpolitik umgesetzt werden sollen. Aber was heißt Klimaneutralität überhaupt?

Kassel - Ist Klimaneutralität in Kassel überhaupt möglich? Und wer bewertet das am Ende? Ein Überblick:

Die Ausgangslage

Das Kriterium für die Kasseler Klimabilanz ist der Ausstoß des wichtigsten Treibhausgases Kohlenstoffdioxid, kurz CO2. Die jüngsten Daten zum Ausstoß des klimaschädlichen Gases im Stadtgebiet stammen aus dem Jahr 2012. Damals wurden stadtweit jährlich zwischen 1,5 und 1,75 Millionen Tonnen CO2 emittiert. Pro Kopf waren es ungefähr knapp 9 Tonnen pro Jahr.

Weil es in den vergangenen zehn Jahren bundesweit einen Rückgang auf etwa acht Tonnen CO2 pro Person gegeben hat, geht die Stadt davon aus, dass es auch in Kassel einen leichten Rückgang gegeben hat. Lokale Daten wurden aber – wie gesagt – noch nicht wieder erhoben. Corona und der damit verbundene Rückgang der Mobilität haben eine zusätzlich dämpfende Wirkung.

Derzeit arbeitet man im Kasseler Rathaus an einer Aktualisierung der Daten. Diese sollen Grundlage für eine spätere Bewertung sein.

Die Verursacher

Es gibt drei große Bereiche, die hauptverantwortlich für den Ausstoß von Kohlendioxid sind. Für 40 Prozent der Menge ist der Wohnsektor (Heizung etc.) verantwortlich, weitere 40 Prozent werden durch Industriebetriebe verursacht – dazu zählen auch Kraftwerke. Die verbleibenden 20 Prozent sind dem Verkehr anzulasten.

Die Bewertung

Die Stadtverordneten hatten schon 2012 ein Klimaschutzkonzept verabschiedet, mit dem Ziel, die CO2-Emissionen in Kassel nachhaltig zu reduzieren. Vielen Akteuren und Umweltinitiativen gingen die Fortschritte in den Folgejahren aber zu langsam voran. 2019 folgte der Beschluss der Stadtverordneten, bis 2030 klimaneutral sein zu wollen.

Der Stadtbaurat und Umweltdezernent Christof Nolda (Grüne) spricht von einem ambitionierten Ziel, für das parallel ein Monitoring-System entwickelt werde. Das Kasseler Fraunhofer-Institut für Energiewirtschaft und Energiesystemtechnik (IEE) und die Uni Kassel hätten sich zusammengeschlossen, um noch im Laufe des Jahres ein Verfahren zu finden, mit dem die Fortschritte bei der CO2-Reduktion anhand konkreter Zahlen regelmäßig bewertet werden könnten.

„Es muss ein System sein, das nicht zu kompliziert ist und einen Städtevergleich mit anderen Kommunen ermöglicht. Wir wollen kein System aufbauen, das nachher nicht übertragbar ist“, sagt Nolda.

Beim Aufbau des Systems arbeiten die Fachleute derzeit an mehreren Fragestellungen. Zum einen muss geklärt werden, ob nur die Menge an Kohlendioxid in die Bilanz einfließen soll, die beim Betrieb – etwa eines Autos oder Gebäudes – entstehe oder ob auch die Emissionen einberechnet werden, die durch den Herstellungsprozess verursacht werden. Wobei das CO2, das bei der Herstellung (Autos, Baustoffe etc.) entsteht, in der Regel nicht vor Ort ausgestoßen wird.

Eine umfassende Bilanzierung, die Herstellungsprozesse berücksichtige, sei weitaus komplexer, so Nolda. Sollten deren Auswirkungen ebenfalls berücksichtigt werden, sei das Erreichen von Klimaneutralität umso schwieriger.

Daran schließt sich die Frage an, ob der Klima-Fußabdruck aller Kasseler herangezogen wird, worunter etwa auch deren Flugreisen fielen, oder ob man nur die Emissionen betrachtet, die im Kasseler Stadtgebiet entstehen.

Zudem muss geklärt werden, ob eine Kompensation von Emissionen, etwa durch Baumpflanzungen im Stadtgebiet, zur Erreichung des Klimaziels zulässig ist. Es wäre auch denkbar, Ausgleichsmaßnahmen nicht gelten zu lassen, weil sie den eigentlichen Ausstoß nicht reduzieren, sondern nur an anderer Stelle abmildern.

Zuletzt muss festgelegt werden, ob bei der Bewertung der Klimaneutralität die starren Stadtgrenzen angewendet werden oder ob man das Umland (Zweckverbandsgrenzen) mit einbezieht. „Städte sind sehr große Verbraucher, echte Energieberge“, sagt Nolda. Wegen ihrer geringen Fläche und dichten Bebauung sei es dort nicht möglich, Windräder aufzustellen oder Nahrungsmittel anzubauen. Gleichzeitig seien Ballungsräume insofern besser für die Umwelt, weil dort viele Menschen auf engerem Raum eine gemeinsame Infrastruktur nutzten und weniger Boden versiegelt werde. Der Pro-Kopf-Verbrauch von CO2 sei insofern bei Stadtbewohnern besser. (Bastian Ludwig)

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