Ein Dutzend Vergehen

Nach Feuern in Kasseler Südstadt: 23-jähriger Brandstifter muss ins Gefängnis

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Feuerteufel aus Frust: Mit gesenktem Kopf verfolgte der Angeklagte den Prozess, hinten Verteidiger Ergün Eser.

Kassel. Wegen Brandstiftung in zehn Fällen, einer versuchten Brandstiftung und Sachbeschädigung ist ein 23-Jähriger vom Landgericht zu drei Jahren und zehn Monaten Gefängnis verurteilt worden.

Der gebürtige Rumäne, der seit einem Jahr in Wehlheiden in Untersuchungshaft sitzt, bleibt wegen drohender Fluchtgefahr hinter Gittern.

Die Staatsanwaltschaft hatte für den geständigen Angeklagten viereinhalb Jahre gefordert. Richter Stanoschek begründete das mildere Urteil der 5. Strafkammer mit dem Ziel, dem voll geständigen jungen Kasseler keine zu hohen Hürden für eine hoffentlich straffreie Zukunft errichten zu wollen. 

Fast hätte es ja noch für eine Verurteilung nach Jugendstrafrecht für den Angeklagten gereicht, der „seinen Platz im Leben noch nicht gefunden“ habe, sagte der Richter. Das Geständnis habe sich, obwohl erst sehr spät im Prozess abgelegt, strafmildernd ausgewirkt. Stanoschek: „Wir hätten ihm ohne Geständnis nicht alle Taten nachweisen können.“

Zwischen März 2015 und Juli 2016 hatte der 23-Jährige zehn Pkw, den Kindergarten Landaustraße und die Holztür eines Wohnhauses angezündet und dabei einen Schaden von rund 160.000 Euro angerichtet. Er habe aus Frust über den Verlust der Arbeitsstelle und eine verpfuschte Handoperation gehandelt, sagte der ehemalige Student zu seinen Motiven. Die meiste Zeit hatte der schmächtige Mann zusammengesunken und mit hängendem Kopf in der Anklagebank gesessen.

Die Polizei hatte ihn bereits nach der ersten Tat im Visier. Festgenommen wurde er aber erst 14 Monate später.

„Bevor wir jemanden festnehmen, müssen wir einen dringenden Tatverdacht begründen können. So weit waren wir erst im Juli 2016.“ Mit diesen Worten bezog Oberstaatsanwalt Dr. Götz Wied auf Fragen der HNA Stellung zur Brandserie in der Südstadt.

20 Minuten nach dem ersten Brand bereits festgenommen

Bereits 20 Minuten nach dem ersten Pkw-Brand am 6. März 2015 in der Menzelstraße war der junge Mann an der Frankfurter Straße von einer Polizeistreife festgenommen worden. Im Rucksack hatte er Brennspiritus und Grillanzünder bei sich.

Nach seiner Freilassung gab es neun Monate Pause, dann fackelte er im Dezember quasi jede zweite Nacht einen Pkw ab, indem er Grillanzünder auf einen Vorderreifen legte und entzündete. Im Mai wurde er nahe eines brennenden Pkws an der Ihringshäuser Straße – also erstmals außerhalb der Südstadt – ein zweites Mal festgenommen. Er kam wieder frei. Seit Februar 2016 wurde seine Wohnung in der Südstadt per Kamera überwacht. Aufgezeichnet wurde jeweils das Verlassen der Wohnung, Minuten später brannten Pkw, ein Kindergarten und die Kellertür eines Wohnhauses.

Doch erst am 26. Juli 2016 beschatteten ihn Polizeibeamte gegen 2.30 Uhr von der Wohnung aus, beobachteten, wie er Grillanzünder im Radkasten eines Toyota Prius entzündete und nahmen ihn fest. Seitdem sitzt er in Untersuchungshaft.

Verdacht reichte nicht

„Wir wollten gern früher zugreifen, brauchten aber eine überwiegende Wahrscheinlichkeit, dass er es war. Die hatten wir erst im Juli“, sagte Wied. „Der Mann war verdächtig, aber es reichte vorher noch nicht.“

Der Polizei könne er keinen Vorwurf machen, sagte Wied und verwies auf mehrere ähnliche Straftaten im Stadtgebiet mit unterschiedlichen Tätern. Allein in diesem Jahr habe es rund ein halbes Dutzend Pkw-Brände gegeben, von denen bisher nur einige aufgeklärt seien.

Während Richter Stanoschek in seiner gestrigen Urteilsbegründung bei den Ermittlungsbehörden kein Versagen erkennen mochte, äußerte Verteidiger Ergün Eser in seinem Plädoyer Kritik am späten Eingreifen der Polizei.

Durch einen früheren Zugriff der Polizei hätte es gar keine Brandserie gegeben, die die Menschen der Südstadt fast eineinhalb Jahre in Unruhe versetzte.

„Wäre mein Mandant nach der ersten Tat im März 2015 festgenommen worden, wäre er mit einer Bewährungsstrafe davon gekommen“, sagte Eser zur HNA.

Auch der Richter sah im späten Zugriff eine Ursache der Serie: Nach zwei folgenlosen Festnahmen habe der junge Rumäne den Rechtsstaat als langsam und wenig tatkräftig erlebt, was ihn offenbar zu weiteren Zündeleien ermutigt habe.

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