Im Landkreis haben 18.300 Menschen finanzielle Probleme

26.600 Kasseler sind extrem verschuldet

Kassel. Die Stadt Kassel hat eine der höchsten Überschuldungsquoten im gesamten Bundesgebiet. 15,85 Prozent der über 18-jährigen Einwohner haben erhebliche finanzielle Probleme.

Das sind fast 26.600 Menschen. Die Zahlen gehen aus einer Erhebung der Wirtschaftsauskunftei Creditreform hervor. Damit belegt Kassel Platz 386 von 401 Regionen, Kreisen und kreisfreien Städten. Dagegen rangiert der Kreis Kassel mit einer Quote von 9,26 Prozent auf dem guten mittleren Platz 187 und damit in der oberen Hälfte der Rangliste. Hier sind knapp 18.300 Menschen überschuldet. In beiden Fällen ist die Überschuldung gegenüber dem Vorjahr leicht rückläufig.

Zum Vergleich: Im Bundesgebiet liegt die aktuelle Überschuldungsquote bei 10,04 Prozent, wobei die Rangliste von 3,77 Prozent im bayerischen Kreis Eichstätt bis 20,79 Prozent in Bremerhaven reicht. Etwa 6,9 Millionen Menschen befinden sich in einer finanziellen Schieflage.

Creditreform unterscheidet zwischen „harter“ und „geringer“ Überschuldung. „Hart“ bedeutet, wenn bereits gerichtliche Schritte gegen den Schuldner unternommen wurden, etwa wenn ein Insolvenzverfahren anhängig ist oder Haftandrohung ausgesprochen wurde. Das trifft in Stadt und Kreis auf etwa gut die Hälfte der Verschuldeten zu. Als gering verschuldet gelten Menschen, die nach je drei Mahnungen mehrerer Gläubiger nicht gezahlt haben.

Die Gründe für Überschuldung sind vielschichtig: Scheidung, Krankheit, Altersarmut. Zunehmend ist auch die Konsumsucht Treiber von Überschuldung. Ein weiterer wichtiger Grund ist Arbeitslosigkeit. So weisen Landstriche mit den kleinsten Erwerbslosenraten auch die geringste Überschuldung aus und umgekehrt.

Die Kreise Hersfeld-Rotenburg (9,4 %), Waldeck-Frankenberg (9,84) und Schwalm-Eder (10,02) rangieren auf mittleren Plätzen, der Werra-Meißner-Kreis belegt mit 11,42 % Rang 314. 

80 Beratungen pro Woche in der städtischen Schuldnerberatungsstelle

Mit den hohen Verschuldungszahlen von Privatpersonen liegt Kassel mit fast 16 Prozent der über 18-Jährigen deutlich über dem Bundesdurchschnitt. Warum Überschuldung gerade hier ein großes Problem ist, kann sich Ute Pähns, Leiterin des Sozialamts Kassel, nicht erklären.

Die Zahl der Menschen, die in den vergangenen Jahren eine Schuldnerberatung der Stadt in Anspruch genommen hätten, sei stabil gewesen. „Es gibt immer leichte Bewegungen, manchmal sinkt die Zahl geringfügig, aber wir haben keine deutlichen Zuwächse“, sagt Pöhl. Insgesamt hätten die Zahlen aber auf einem hohen Niveau gelegen.

Neben dauerhaftem Niedrigeinkommen und Arbeitslosigkeit spielen laut Pähns oftmals auch Scheidungen oder Trennungen und Krankheiten eine Rolle. Außerdem könne eine Überschuldung das Ergebnis einer gescheiterten Selbstständigkeit sein.

„Ein häufiger Fall ist, dass für den Kauf von Wohneigentum Schulden gemacht werden, dann aber das Einkommen sinkt“, erklärt sie. Die dadurch entstehende Belastung sei für die betroffenen Personen nicht mehr tragbar. Ein weiterer klassischer Fall hänge mit dem Konsumverhalten zusammen, konkret gehe es dabei oft um das Bestellen von Produkten im Internet. „Dabei ist es häufig einfach, einen Kredit zu bekommen, oder Versandhäuser bieten an, dass auf Raten gezahlt werden kann, die den Menschen auf Dauer dann zu hoch werden.“

Um etwas gegen die Verschuldung zu tun, empfiehlt Ute Pähns den Gang zur Beratungsstelle, da Betroffene mit ihrer Situation oft überfordert seien.

Die kostenfreie Beratung wird in Kassel in der städtischen Schuldnerberatungsstelle in der Holländischen Straße in der Zentrale Fachstelle Wohnen und in vier externen Stellen angeboten, darunter das Kulturzentrum Schlachthof in der Nordstadt. Die Berater würden Schuldner bei ihren Problemen unterstützen, die Unterlagen sichten und beispielsweise den Schriftverkehr mit Gläubigern übernehmen. Pro Woche nehmen laut Pähns 30 Menschen ein persönliches Beratungsgespräch in Anspruch, telefonisch seien es circa 50.

„Lösungen für Verschuldete können Umschuldungen oder das Aushandeln von Vergleichen sein“, sagt Ute Pähns, es könne aber auch bis zum privaten Insolvenzverfahren kommen.

Die städtische Schulden- und Insolvenzberatung ist unter Tel. 787 62 58 zu erreichen.

Rubriklistenbild: © Symbolfoto/dpa

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