Dreieinhalb Jahre Haft

27-Jähriger schnitt Kasseler Kneipier im Streit den Finger ab

Kassel. Als sich der Angeklagte mit seinem ehrenamtlichen Engagement brüstete, konnte sich manch einer im Saal das Schmunzeln nicht verkneifen. Gewaltprävention, sagte der 27-Jährige, habe er betrieben: „Dass Jugendliche nicht auf die falsche Schiene kommen und so.“

Kurz darauf verurteilte ihn das Amtsgericht am Mittwoch zu dreieinhalb Jahren Gefängnis – wegen einer, wie Richter Kleinherne sagte, „bemerkenswert brutalen Gewalttat“.

Der Mann hatte im November 2012 einem Gastwirt in der Nordstadt den linken Zeigefinger abgeschnitten – als Verhandlungen über den Verkauf von dessen Kneipe in Beleidigungen und Handgreiflichkeiten eskalierten. Nur dank einer Notoperation konnte der Finger des 59-Jährigen gerettet werden.

Ein 24-Jähriger, den das Gericht als Mittäter einstufte, kam mit einer zwölfmonatigen Bewährungsstrafe davon. Als Auflage muss er zudem 1500 Euro zahlen.

Der Hauptangeklagte steht derzeit auch vor dem Landgericht, im Prozess um Mafiamethoden in der Wettbüroszene. Unter anderem soll er einem Wettbürobetreiber gedroht haben, mit ihm dasselbe zu machen wie zuvor mit dem Kneipier. Wohl auch mit Blick auf diese Fortsetzung des Geschehens sprach Oberstaatsanwalt Wolfgang Göb von einem „kriminellen Milieu, in dem manche Leute glauben, tun und lassen zu können, was sie wollen“.

Schon um ein Zeichen zu setzen, seien daher strenge Strafen nötig. Wirkliche Erkenntnisse zum Hintergrund von Tat und Tätern hatte der Amtsgerichtsprozess freilich nicht zutage gefördert. Weswegen Verteidiger Bernd Pfläging die „Milieustudien“ des Anklagevertreters als „nicht nachvollziehbar“ rügte. Und Richter Kleinherne stellte nüchtern fest: „Das war uns relativ einerlei.“

Auch so jedenfalls sah das Gericht für Milde keinen Anlass. Der bislang nicht vorbestrafte 27-Jährige hatte beteuert, dass er den Gastwirt nicht habe verletzen wollen. Dass alle Aggression von seinem Gegenüber ausgegangen sei. Und dass er sein Messer, dessen Schärfe und Gefährlichkeit ihm bewusst war, nur gezückt habe, um eine befürchtete Schlägerei zu verhindern.

Als minderschweren Fall wollte Verteidigerin Gudrun Meyer die Tat deshalb gewertet wissen und hielt 20 Monate Haft für ausreichend. Für den jüngeren Angeklagten plädierte ihr Kollege Pfläging sogar auf Freispruch: Der 24-Jährige habe von dem Messer nichts gewusst und könne für das blutige Geschehen nicht verantwortlich gemacht werden. Doch das Gericht mochte sich für diese Darstellung nicht erwärmen. Mit seinem Urteil folgte es der Forderung der Staatsanwaltschaft. Auch ohne dafür das Argument von der Milieutat zu bemühen.

Von Joachim F. Tornau

Rubriklistenbild: © picture alliance / dpa

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