30 Jahre Mauerfall

Von der Schwalbe bis zum Ampelmännchen: Wie viel DDR steckt in Kassel?

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Die Mauer ist durchbrochen: Es scheint, als fahre der Trabi in der 80er-Jahre-Ausstellung des Stadtmuseums Kassel durch die Berliner Mauer.

Auch 30 Jahre nach dem Mauerfall hat Kassel einiges zu bieten, was viele mit der DDR in Verbindung bringen. Wir haben einen Blick in die Stadt geworfen.

Ob Ampelmännchen, Ossi-Kneipe, Schwalbe oder sogar ein Stück der Berliner Mauer – all das hat in den vergangenen Jahren den Weg aus dem Osten nach Kassel gefunden. Nicht fehlen dürfen auch die ostdeutschen Lebensmittel Knusperflocken, Spreewälder Gewürzgurken, Rotkäppchen Sekt und Halloren-Kugeln. 

Anlässlich des Mauerfalls vor genau 30 Jahren wagt auch das Kasseler Stadtmuseum mit seiner 80er-Jahre-Ausstellung eine Reise zurück in das Jahrzehnt, indem sich Kassel veränderte und das die Menschen bewegt.

Simson: Nostalgie mit der Schwalbe

Die Simson Schwalbe aus Suhl gilt als Kultmoped und war der Traum für jeden Jugendlichen in der DDR. Ein Grund, weshalb die Nachfrage auch im Westen stieg, war eine Sonderregelung, dass die alten DDR-Mopeds offiziell 60 km/h fahren durften. 

„Damit konnte man auch im Stadtverkehr mithalten“, sagt Lothar Bannenberg von den Simsonfreunden Kassel. Die treffen sich seit 2003, um ihre Leidenschaft für die alten DDR-Mopeds auszuleben – angefangen hat die Nostalgie damals in einer Garage.

Ihre Leidenschaft für die Schwalbe vereint sie: die Simsonfreunde Kassel.

Doch nicht nur in Kassel ist die Nachfrage wieder gestiegen. „Simsons wollte im Osten damals keiner mehr haben, da alle ein West-Auto wollten. Jetzt kaufen sie die Schwalben wieder zurück“, sagt Stefan Drönner. „Die Preise haben sich mehr als verdoppelt.“ Eine vollrestaurierte Schwalbe würde zwischen 2500 und 3000 Euro kosten.

Ampelmann: Bei Rot stehen, bei Grün gehen!

Das Ampelmännchen mit Hut dürfte wohl jedem bekannt sein. Im Gegensatz zum klassischen West-Männchen ist es größer, und die jeweiligen Verhaltensweisen bei Rot und Grün sind deutlicher erkennbar. Das Männchen gibt es seit 1969, kam zunächst aber nur im Osten zum Einsatz. 

Doch die Erfindung überlebte die Wende und erfreut sich fortan auch im Westen großer Beliebtheit. In Kassel kam das erste Ampelmännchen im Juni 2007 zum Einsatz – an einer Anlage an der Wolfhager Straße/Haardweg.

DDR-Ampelmännchen in Kassel.

Mittlerweile sind die Ampelmännchen nach Angaben der Stadt auf 177 von 218 Ampeln im Stadtgebiet zu sehen: an der Wolfhager Straße etwa, an der Holländischen Straße, an der Friedrich-Ebert-Straße, der Fünffensterstraße, dem Steinweg, der Weserstraße und an vielen anderen Orten. Auch Ampelfrauen gibt es in Kassel – an der Kreuzung Loßbergstraße/Zentgrafenstraße. Die klaren Vorteile der Ampelmännchen und Ampelfrauen: Sie bieten mehr Leuchtfläche und sind aus weiter Entfernung und bei Sonnenlicht besser zu erkennen.

Mauerstück: Ein Stück Berlin steht in Kassel

Angefangen hat alles im Herbst 2010, als sich der Kasseler Orthopäde Dr. Oliver Schmidt zu seinem Geburtstag keine Geschenke, sondern Spenden wünschte. „Die Maueröffnung war und ist das einschneidenste Ereignis in meinem Leben.“

Aus diesem Grund wollte er ein Teil der Beliner Mauer in seine Heimat nach Kassel holen. Die Idee stieß bei vielen auf Begeisterung. Aus Breesen in Mecklenburg-Vorpommern fand das 2,8 Tonnen schwere und 3,6 Meter hohe Mauerstück vor geanu acht Jahren den etwa 500 Kilometer langen Weg nach Kassel an den Berliner Platz.

Mauerstück am Berliner Platz.

Den Transport sowie den Aufbau übernahmen die Kasseler Unternehmer Gerd Walter und Ulrich Linß. Die Enthüllung des 3500 Euro teuren Mauerstücks, das eine Art Denkmal für den Mauerfall sei, fand am 9. November 2011 statt. 

Ursprünglich besaß das Mauerstück ein Graffiti, von dem mittlerweile nicht mehr viel zu sehen ist. Die Sanierung hat die Malerinnung übernommen. Die Arbeiten sollen voraussichtlich nächste Woche abgeschlossen werden, sagt Obermeister Bernd-Peter Doose.

Kombinatsgaststätte: „Ossi-Kneipe“ lebt von Mitbringseln

Ein Stück Heimat mit nach Kassel bringen – das war der Gedanke von Michael Groth, als er im Oktober 2010 seine damalige Gaststätte in eine „Ossi-Kneipe“ verwandelte. Von der Theke, die aussieht wie ein Stück der Berliner Mauer, über DDR-Fernsehgeräte bis hin zu selbst gemachten Schnäpsen findet man in der Kombinatsgaststätte „Zur Marbachshöhe“ alles, was das DDR-Herz begehrt.

Hier gibt es ostdeutsche Küche: In der Kombinatsgaststätte bei Inhaber Michael Groth und Birgit Fache-Saiz.

Egal wo man hinschaut, überall stehen DDR-Utensilien. 80 Prozent seien Mitbringsel von Gästen, sagt Groth, der am Wochenende auch DDR-Musik laufen lässt. Auch die Küche der ehemaligen Bundeswehrgaststätte ist vor allem mit originalen ostdeutschen Gerichten gespickt. Die „Tote Oma“, das „Ossi-Schnitzel“, Soljanka oder die Thüringer Bratwurst seien bei den Gästen, die aus ganz Deutschland kommen, gefragt.

Jugendweihe: Eltern wünschten sich einen Festakt

Aufgrund des Wunsches einiger Eltern gibt es seit 15 Jahren auch in Kassel eine Jugendweihefeier. Ute Töpfer-Rauchmaul vom Verein Jugendweihe Thüringen leitet diese Kasseler Jugenweihe seit 2005 ehrenamtlich. „Vorher haben die Jugendlichen und Familien die Feier zum Beispiel bei den Großeltern in den neuen Bundesländern gemacht, aber dann wollten sie eine Jugendweihe in ihrer Nähe“, erklärt die Rentnerin den Ursprung in Nordhessen. 

Interessant ist aber, dass diese Feier gar nicht aus der DDR stammt, sondern 1852 vom Pfarrer Eduard Baltzer aus Nordhausen in Thüringen ins Leben gerufen wurde. Die DDR hat den Festakt nur instrumentalisiert. „Heute legt natürlich keiner mehr ein Gelöbnis ab“, so Töpfer-Rauchmaul. Trotzdem sei dies „nicht nur eine lustige Feier“.

Die Jugendlichen können an Veranstaltungen der offenen Jugendarbeit mitmachen, diese schließen etwa Anti-Mobbing-Seminare, Fahrten zur Gedenkstätte Buchenwald und Weimar und andere Veranstaltungen mit ein. Bei diesen Fahrten oder Seminaren können auch Freunde oder Geschwister der an der Jugendweihe teilnehmenden Jugendlichen mitmachen. 

Manchmal, etwa zur KZ-Gedenkstätte, würden auch Eltern mitkommen. 2019 haben 47 Nordhessen an der Jugendweihe teilgenommen, das sei bisher die größte Anzahl gewesen. In Hamburg hätten dieses Jahr 360 Jugendliche eine Jugendweihe gemacht, in München mehr als 100. Es sei also längst keine reine ostdeutsche Tradition mehr. Die nächste Jugendweihe in Kassel ist am 6. Juni 2020.

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