60 Zentimeter groß und vergoldet

300 Jahre alte Statuen wurden in Kasseler Klinik unter die Lupe genommen

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Blick ins Innere der „Paris“-Figur: Dr. Bodo Schlangmann, Oberarzt für orthopädische Radiologie, betrachtet das CT-Bild der Terrakotta-Statuette. Bei der Auswertung der Bilder durch die Kunsthistoriker der Museumslandschaft Hessen Kassel ist auch die Expertise des Radiologen der Vitos-Klinik gefragt.

Kassel. Die Patientin, die Dr. Schlangmann in den Computertomografen der Orthopädischen Klinik Kassel schiebt, ist speziell. Diagnose: mehr als 300 Jahre alt, ein kaputtes Bein und goldene Haut.

Geröntgt wurde die mehr als 300 Jahre alte Statuette „Bacchantin“ des Bildhauers Pierre Étienne Monnot. In der Radiologie vorgestellt wurde als weiterer Patient auch die Figur „Paris“. Als die beiden jeweils 60 Zentimeter großen Terrakotta-Statuen im Jahr 2013 auf dem internationalen Kunstmarkt auftauchten, war das eine kleine Sensation. Denn die beiden waren die Modelle für die zwei lebensgroßen Marmorskulpturen im Marmorbad in der Karlsaue. Seit Dezember 2016 sind die wertvollen Statuetten im neuen Hessischen Landesmuseum Kassel zu bewundern.

„Wir haben hier viele nette Patienten mit ihren ganz eigenen Geschichten in der Radiologie“, sagt Oberarzt Bodo Schlangmann, „aber diese beiden haben es mir besonders angetan.“ Die Technik, die normalerweise den Patienten der Vitos-Klinik nützt, „indem wir damit die Geheimnisse ihres Körpers lüften, haben wir jetzt dem Museum zur Verfügung gestellt, um auch dort Geheimnisse zu lüften.“

Die Tänzerin: Auch die Figur „Bacchantin“ des Bildhauers Pierre Étienne Monnot wurde als Studie für die lebensgroße Statue im Marmorbad in der Karlsaue angefertigt.
Antje Scherner

So erfuhr Dr. Antje Scherner von dem mehrfachen Bruch des Beins der Tänzerin Bacchantin. Diesem „merkwürdigen Bein“ galt die besondere Aufmerksamkeit der Kunsthistorikerin und Sammlungsleiterin für angewandte Kunst der Museumslandschaft Hessen Kassel. Denn im Marmor-Original sitzt das Bein ganz anders als am Modell. Da war einst etwas kaputtgegangen und wurde mit beträchtlichem Aufwand repariert. Weil der Kunsthandwerker das Original nicht kannte, setzt er das Bein des Modells anders an. Die CT-Untersuchung brachte an den Tag: Das in mehreren Bruchstücken wieder angeflickte Bein könnte das Original sein. Und nicht, wie von Restauratoren und Kunsthistorikern vermutet, ein neueres Teil, um den Schaden an der Figur zu beheben.

Figur entstand 1692 in Rom

Wer wann die Tänzerin repariert hat, will Scherner mithilfe der Ergebnisse der CT-Untersuchung herausfinden. Die 1692 in Rom entstandene Figur galt durch die Jahrhunderte offenbar als wichtige künstlerische Arbeit und erfreute sich stets großer Wertschätzung.

Es sei toll, zu sehen, wie viel Mühe man sich vor vermutlich langer Zeit mit der Instandsetzung gemacht habe, freut sich die Sammlungsleiterin. Vor ihr liegt jetzt noch viel Arbeit, um die Befunde der Radiologen richtig zu interpretieren.

„Paris“ wird durchleuchtet: Die vergoldete TerrakottaStattuette im Computertomografen der Vitos Klinik. 

So stellte sich auch heraus, dass die Figuren innen hohl sind, was ungewöhnlich ist für Terrakotten des 17. Jahrhunderts. Die unkomplizierte Zusammenarbeit und großartige Unterstützung durch die Vitos-Klinik habe ermöglicht, „ganz wertvolles Material für die Fachwelt“ zu gewinnen.

Wie die Statuen nach Kassel kamen

Die beiden vergoldeten Terrakotta-Statuetten „Paris“ und „Bacchantin“ wurden von Pierre Étienne Monnot (1657-1733) Ende des 17. Jahrhunderts in Rom geschaffen und dienten als Werkstattmodelle für zwei lebensgroße Marmorstatuen, die sich im Kasseler Marmorbad befinden.

Das Marmorbad, ein zwischen 1722 und 1729 im Auftrag Landgraf Carls von Hessen-Kassel (1654-1730) errichtetes Schaubad, zählt zu den herausragenden Raumkunstwerken des Barock nördlich der Alpen.

„Bacchantin“ von Pierre Étienne Monnot: Die Figur steht im Hessischen Landesmuseum. Für die gesamte Bildansicht bitte oben rechts im Bild auf das Pfeilsymbol klicken.

Bis zum Tode des Künstlers verblieben die Terrakotta-Modelle in Monnots Werkstatt in Rom, wo sie vermutlich zur Ausbildung junger Gehilfen und als künstlerisches Gedächtnis des Meisters dienten.

Bevor die Figuren 2013 auf dem Kunstmarkt auftauchten, befanden sie sich im Besitz der alten Adelsfamilie Odescalchi in Rom, die sie sehr wahrscheinlich direkt aus dem Nachlass des Künstlers erworben hatte.

Erst als ein angestrebter Verkauf der Figuren an ein Museum in den USA nicht zustande kam, konnte die Museumslandschaft Hessen Kassel (MHK) die beiden Figuren mit finanzieller Unterstützung mehrerer Stiftungen für einen sechsstelligen Betrag kaufen und im Landesmuseum ausstellen.

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