5000 Kasseler wollen Bürgerentscheid zu Stadtteilbüchereien

Kassel. Etwa 5000 Einwohner haben sich bis zum Wochenende für einen Bürgerentscheid ausgesprochen, der den Erhalt der Stadtteilbibliotheken in Fasanenhof, Wilhelmshöhe und Kirchditmold zum Ziel hat. Das teilten die Organisatoren Jörg Kleinke und Paul Greim mit.

Zu Beginn der Stadtverordnetensitzung am Montag wollen sie die Unterschriftenlisten im Rathaus übergeben, sofern Parlamentschefin Petra Friedrich dies genehmigt, sagte Kleinke. In jedem Fall würden die Listen unverzüglich der Stadtverwaltung zugeleitet.

Falls die Stadt bei der Prüfung keine Verfahrensfehler feststellt, wäre mit rund 4400 gültigen Unterschriften der Weg frei für einen Bürgerentscheid.

Die Stadt will sich aus Kostengründen von den drei Büchereien trennen. Ab 2014 soll dies eine jährliche Personal- und Betriebskostenersparnis von 360.000 Euro ausmachen, weiterhin soll das stadteigene Bibliotheksgrundstück in Wilhelmshöhe zu Geld gemacht werden. (asz)

Bücher sind schnell veraltet

Auch ehrenamtlich geführte Bibliotheken benötigen Geld, um halbwegs aktuell zu bleiben

Die Stadt will sich von drei Stadtteilbibliotheken trennen und hat in Aussicht gestellt, dass die Büchereien eventuell ehrenamtlich weiterbetrieben werden könnten. Dann würde sich bei Angebot, Service und Organisation Entscheidendes ändern – Zahlen, Hintergründe und ein Beispiel aus der Praxis:

Das Angebot von Oberbürgermeister Bertram Hilgen steht: In Wilhelmshöhe, Kirchditmold und Fasanenhof soll es weiterhin Buchbestände zum Ausleihen geben, wenn sich Freiwillige zusammenfinden, die sich um die Bestände der bisherigen Stadtteilbibliotheken kümmern. Kulturamtsleiterin Dorothée Rhiemeier und der Leiter der Stadtbibliothek, Knut Hofmann, sollen die Zusage umsetzen.

Am Mittwoch sind sie in Wilhelmshöhe, um die Idee aus dem Stadtteil zu besprechen, dass die Bücher im Wilhelmsgymnasium untergebracht werden könnten. Wie realistisch diese Vorstellungen sind, werde sich zeigen, sagt Rhiemeier. Die Rolle der Stadt sei es, „aufzuklären, was an Organisation nötig wäre“. Hofmann ergänzt: „Wir werden da mit ganz offenen Karten spielen.“ Im Gespräch mit den Fachleuten wird deutlich: Ein Raum mit Regalen und der gute Wille, ehrenamtlichen Ausleihdienst zu schieben, reicht längst nicht hin, um das Leseangebot in gewohntem Umfang aufrecht zu erhalten. Es wird spürbar kleiner und inaktueller werden, sobald die Nabelschnur zur Stadtbibliothek gekappt ist.

Denn die Nutzer haben bisher nicht nur Zugriff auf je etwa 10 000 Medien vor Ort, sondern per Online-Gesamtkatalog auf alle 194 000 Titel der Zentralbibliothek. Auf dem Dienstweg wird das gewünschte Buch zur jeweiligen Stadtteilfiliale gebracht. Künftig wird dies nicht mehr möglich sein. Auch die Bestände vor Ort werden bisher von Profis aktuell gehalten Laut Hofmann wird in den drei Außenstellen pro Jahr etwa ein Zehntel des Bestandes durch Neuanschaffungen ersetzt – und zwar fortlaufend das ganze Jahr hindurch.

Die Lektoren in der Zentrale würden eine Vorauswahl aus dem Angebot an Neuerscheinungen treffen, die Zweigstellen könnten auf dieser Basis Bestellungen aufgeben und diese mit ihrem Budget verrechnen lassen. Zur Verfügung stehen nach Angaben Hofmanns pro Außenstandort 3000 bis 3500 Euro im Jahr für Erwachsenenmedien plus etwa 1000 Euro für Kinderbücher aus Mitteln der Aschrott-Stiftung. Von den Zuschüssen, die der Freundeskreis der Stadtbibliothek durch Bücherflohmärkte erwirtschaftet, würde nach Abkoppelung der Zweigstellen künftig nur noch die Zentrale profitieren.

Wer das Büchereiwesen ehrenamtlich betreiben will, sei gut beraten, sich die Unterstützung von Fördervereinen oder anderen Geldgebern zu sichern, rät der Bibliotheksleiter – „sonst sind die Bestände ganz schnell hoffnungslos veraltet.“ Ehrenamtliche müssten sich auch die Arbeit machen, eine komplett neue Kundendatei zu erstellen. Aus Datenschutzgründen dürfe die Stadt diese Angaben nicht herausgeben.

Über die Katalogdaten der Medien hingegen „ließe sich reden“, sagt Hoffmann. Wie künftige Angebote aussehen könnten, hängt laut Kulturamtsleiterin Rhiemeier auch davon ab, was in den Stadtteilen jeweils gewollt ist: ein aktuelles Medienangebot „oder mehr eine Art Treffpunkt, wo man auch Bücher ausleihen kann“. Je nach Bedarf sei es verhandelbar, unter drei künftig ehrenamtlichen Stadtteilbüchereien einzelne Sortimentsbereiche auszutauschen.

Von Axel Schwarz

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