Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans allemal! Berufliche Weiterbildung 50plus

Es ist unwirklich: Blickt man in die Entscheidungszentren von Politik und Wirtschaft, so wimmelt es von Fünfzigjährigen. Wir werden geführt, geleitet, unterhalten und verführt von einer Altersklasse, der wir in Sachen Fort- und Weiterbildung augenscheinlich nicht mehr über den Weg trauen.

Alter ist eben kein Negativ-Kriterium für Leistungsfähigkeit, sondern vielmehr häufig ein Synonym für beruflichen Zenit und Weiterentwicklung. Dies gilt vor allem in Zeiten spürbaren Fachkräftemangels.

Diesen eher banalen Befund bestätigen die statistischen Daten der Fort- und Weiterbildungsforschung. Im internationalen Vergleich hinkt Deutschland bei der Gruppe der über 50jährigen immer noch hinterher, auch wenn in den letzten Jahren eine leichte Besserung eingetreten ist. Ein besonderes Gewicht erhält dieser Befund durch den demografischen Wandel, von dem Deutschland in weitaus größerem Umfang betroffen ist als seine europäischen Nachbarn. Kurz gesagt hat eine altersunabhängige berufliche Weiterbildung beispielsweise in Skandinavien einen Grad an Selbstverständlichkeit und Normalität, von dem wir hierzulande noch weit entfernt sind, obwohl sich gerade bei uns in den kommenden Jahren die Altersstruktur innerhalb der Unternehmen wie innerhalb der Gesamtgesellschaft deutlich verändern wird. Deutschland wird älter und die Zukunft der Älteren ist unser aller Zukunft. Hier gilt es den Perspektivwechsel zu wagen. Mit der steigenden Lebenserwartung wächst eben beileibe nicht nur das Risiko der Pflegebedürftigkeit, sondern auch Leistungsfähigkeit und Initiative. Die Bereitschaft zur Veränderung oder für einen kompletten Neustart wird zwangsläufig nicht mehr ein Merkmal der Jungen bleiben. Das kann nicht ohne Folgen für die berufliche Weiterbildung bleiben.

Warum ist es so, wie es ist? Lohnt Lernen nicht, wenn man das halbe Jahrhundert überschritten hat? Hier gilt es vor allem Vorurteilsstrukturen aufzubrechen. Im Gegensatz zu früheren Studien, die von nicht adäquaten Voraussetzungen ausgingen, ist sich die moderne Forschung heute weitgehend einig: Mit zunehmender Anforderung an Aufmerksamkeit und Konzentrationsfähigkeit sowie steigender Verantwortung erfolgt ein stetiger Leistungszuwachs, der bis weit in das sechste Lebensjahrzehnt anhält. Die Schlussfolgerung daraus ist mitnichten eine sukzessive Herausnahme älterer Mitarbeiter/innen aus verantwortungsvollen Positionen, sondern vielmehr die angemessene berufliche Herausforderung an den Einzelnen. Nicht nur Überforderung ist ein Problem, auch Unterforderung schafft die Probleme, die sie eigentlich erst vermeiden wollte. Es bedarf hier des Vertrauens in die Leistungsfähigkeit Älterer, wenn Unterforderung vermieden werden soll, denn natürlich beeinflusst die Leistungserwartung der Umwelt die Leistungsfähigkeit des Menschen genauso wie seine Motivation. Und letztere braucht einen Sinn. Weshalb unterzieht man sich der Mühe, sich etwas Neues anzueignen, etwas zu lernen?

Ältere Mitarbeiter/innen haben hier einen Spielvorteil, der durch die Lernforschung bestätigt wird. Tatsächlich ist Erfahrung (vielzitiert und selten hinterfragt) kein Selbstwert, sondern namentlich im Lernprozess ein aktives Plus. Erfahrene Menschen sind in der Lage, neues Wissen mit bereits vorhandenem Wissen abzugleichen und ersteres dadurch überhaupt erst kritisch zu hinterfragen. Erfahrung hat eine problemzentrierte Sichtweise zur Folge, bei der die Betonung des praktischen Anwendungsaspekts im Vordergrund steht. Nicht zuletzt bedingt Erfahrung einen leichteren Zugang zu komplexen Sachverhalten.

Genau an dieser Stelle kann effektive berufliche Weiterbildung ansetzen. Im Gegensatz zu traditionellen Formen der Wissensvermittlung, die durch Frontalunterricht und Theorie- wie Prüfungsorientierung gekennzeichnet sind, sind Modelle notwendig, die einen dauerhaften Bezug zu vorhandenem Praxiswissen, einen daraus resultierenden direkten Verwertungsbezug und eine aktive Lernsituation beinhalten.

Die konsequente Umsetzung altersgerechter Lernformen bei gleichzeitigem Aufbrechen von Vorurteilsstrukturen ist eines der Anliegen des nordhessischen Beschäftigungspaktes Perspektive 50plus. Seit 2006 setzen mittlerweile die Jobcenter von Stadt und Landkreis Kassel sowie der Kreise Werra-Meißner, Schwalm-Eder und Waldeck-Frankenberg das gleichnamige Bundesprogramm in der Region um. Und das mit Erfolg: Allein 2011 konnten fast 1300 langzeiterwerbslose Menschen 50+ wieder in sozialversicherungspflichtige Beschäftigungsverhältnisse des ersten Arbeitsmarktes vermittelt werden. Im Bereich der beruflichen Qualifizierung werden neue Wege beschritten, die den Jugendkult um eine Kultur der „alten Hasen“ bereichern. In der Praxis bedeutet dies unter anderem Qualifizierungsformen, in denen Ältere und Jüngere gemeinsam in gemischten Gruppen lernen und voneinander profitieren. Die Jüngeren durch tradiertes Erfahrungswissen, die Älteren durch ein „Updating“ ihrer Erfahrungen.

Kontakt:

Perspektive 50plus – Beschäftigungspakt Nordhessen
Telefon: 0561 - 4506684

www.50plus-nordhessen.de

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