Prozessauftakt: 52-Jähriger bestreitet Missbrauch der Stieftochter

Kassel. Dem Angeklagten fehlen die Worte. „Ganz normal“, antwortet er. Mehr fällt ihm nicht ein – ganz gleich, ob er nach dem Verhältnis zu seiner Gattin, dem ehelichen Sexleben oder dem Umgang mit den Kindern gefragt wird. Nur eines findet der 52-Jährige nicht normal: dass ihn seine Stieftochter des sexuellen Missbrauchs bezichtigt.

„Ich versteh’s nicht“, beteuert er, „bei bestem Willen nicht.“ Wegen elffachen Kindesmissbrauchs muss sich der Hausmeister und Familienvater seit gestern vor dem Landgericht verantworten. Laut Anklage, die sich auf die Aussage der heute 21-Jährigen stützt, soll er sich über Jahre hinweg regelmäßig an dem Mädchen vergangen haben.

Zwischen 1999 und 2004 habe es „eine Vielzahl von sexuellen Übergriffen gegeben“, sagt Staatsanwalt Müller. Neun Jahre alt war das Kind am Anfang, 13 Jahre am Ende. Die elf Fälle der Anklage sollen lediglich die berühmte Spitze des Eisbergs gewesen sein.

„Ich streite das ab“, sagt der Angeklagte. Und zwar nicht nur den Missbrauch, sondern auch alles, was seine Stieftochter sonst über das Leben der sechsköpfigen Familie zu Protokoll gegeben hat. Streitigkeiten? Gab’s nicht. Schläge? Zwei oder drei Backpfeifen in all den Jahren, mehr nicht. „Wir hatten ein ganz normales Vater-Tochter-Verhältnis.“

Bei der jungen Frau klingt das anders. Wo ihr Stiefvater einsilbig ist, sprudelt es aus der 21-Jährigen nur so heraus. „Es ging immer nur darum: Wie sieht’s nach außen aus.“ Im Inneren aber sei das Familienleben die Hölle gewesen – lieblos, demütigend, aggressiv. Von alltäglichen Beleidigungen erzählt sie, von Schlägen mit Gürtel oder Teppichklopfer. Aber vorher sei immer erst das Fenster geschlossen worden: „Die Nachbarn sollten ja nichts mitkriegen.“

Sich wegen des Missbrauchs an ihre Mutter zu wenden, sei nie in Frage gekommen. Kein Vertrauen. Auch beim Jugendamt, wo sie mit 16 Jahren vorsprach, habe man ihr nicht geglaubt. Damals hatte die Jugendliche gerade in Erfahrung gebracht, dass ihr vermeintlicher Vater bloß ihr Stiefvater war – ihre Mutter hatte ihr das verheimlicht. „Ich war froh“, sagt die 21-Jährige, „dass so was nicht mein Vater ist.“

Von allen allein gelassen, nahm die junge Frau ihr Schicksal selbst in die Hand. An ihrem 18. Geburtstag zog sie zuhause aus, heimlich. Ihre Habseligkeiten hatte sie bereits zuvor nach und nach aus der Wohnung gebracht. Ihren Eltern hinterließ sie nur einen Brief, in dem sie ihnen alles vorwarf, was vorzuwerfen war. Auch, zum ersten Mal, den sexuellen Missbrauch. Am 2. Februar wird der Prozess fortgesetzt. (jft)

Rubriklistenbild: © dpa

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