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Kassels ABC-Buchladen macht zu

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Von: Christina Hein

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Der ABC-Buchladen, Goethestraße 77, gibt seinen Betrieb auf. Für die ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen, die in den Ruhestand gehen, gibt es keinen Ersatz mehr.
Im Mai gehen hier die Lichter aus: Der ABC-Buchladen, Goethestraße 77, gibt seinen Betrieb auf. Für die ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen, die in den Ruhestand gehen, gibt es keinen Ersatz mehr. © Christina Hein

Nach fast 50 Jahren kommt der Abschied vom ABC-Buchladen und einem einmaligen studentischen Projekt.

Vorderer Westen. Eine einmalige Kasseler Institution wird zu Grabe getragen: leise und unspektakulär. Der als Kollektiv gegründete ABC-Buchladen in der Goethestraße 77 schließt nach fast 50 Jahren im Mai seine Türen. Der Grund ist profan: Die zwei Mitarbeiterinnen, die dort seit Jahrzehnten ehrenamtlich Bücher verkauften, setzen sich zur Ruhe, erklärt Norbert Sprafke, ein Mitbegründer des einst studentischen Projekts. Es sei keine Insolvenz. Wie auch, bei so gut wie keinen Kosten für Personal und Miete? Es fehlten schlicht Nachfolger im Laden. So sehr man sich auch bemüht habe, welche zu finden, so Sprafke.

Zum fünfjährigen Bestehen des ABC-Buchladens im Jahr 1980 versammelten sich einige der Gründer zum Gruppenbild.
Kollektiv mit Idealismus: Zum fünfjährigen Bestehen des ABC-Buchladens im Jahr 1980 versammelten sich einige der Gründer zum Gruppenfoto. © Foto: privat/nh

Entstanden war der alternative Buchladen 1975 als Ausgründung aus der Juso-Hochschulgruppe an der Gesamthochschule Kassel. Nachdem einige linke Buchläden in der Stadt vom Kommunistischen Bund Westdeutschlands (KBW) „übernommen“ worden waren, fehlte dem intellektuellen Nachwuchs der Kasseler Sozialdemokratie eine geistige Heimat, erinnert sich Norbert Sprafke. So entschieden die Jusos kurzerhand, vor der Mensa im damaligen AVZ (Aufbau- und Verfügungszentrum) in Oberzwehren Tische zusammenzustellen und die von ihnen als wichtig erachteten Druckerzeugnisse, Schriften und Bücher – darunter wohl auch der eine oder andere Raubdruck – selbst zu verkaufen. Hinter den selbst ernannten Buchhändlern standen 35 Gesellschafter, die in den 1970er-Jahren die 25 000 DM Eigenkapital für die GmbH zusammengebracht hatten. Einer der Gesellschafter – darunter so illustre Namen wie der Politikwissenschaftler und ehemalige GhK-Student Claus Leggewie – ist Eigentümer der Immobilie, in der der Laden seit 1976 unter stuckverzierten Decken residiert. „Da hielt sich die Miete in Grenzen“, sagt Sprafke.

Norbert Sprafke
Norbert Sprafke war Mitbegründer des ABC-Buchladens. © Fischer, Andreas

Vor der Goethestraße gab es ein kurzes Intermezzo in einer Nachkriegsbaracke am Bebelplatz. Daher auch der rätselhafte Name ABC-Buchladen als Abkürzung für August-Bebel-Cooperative. Unter den Gründern herrschte der Geist einer linken, rebellischen, von der Kraft des Kollektivs überzeugten Jugend. Auch wenn der eine oder die andere in einem bürgerlichen Beruf gelandet ist – das Projekt ABC-Buchladen war 40 Jahre lang lebendig als Ort, der mehr war als ein Buchladen. Peter Soltau, der von Anfang an dabei war, definierte es gegenüber der HNA so: „Es war die Keimzelle für viele Proteste wie die Anti-Atomkraftbewegung.“ Anfang der 1970er-Jahre sei es selbstverständlich gewesen, engagiert zu sein. Im Buchladen verkauft werden Autoren wie Theodor Adorno, Erich Fromm und der „Säulenheilige“ Walter Benjamin. Anspruch war es stets, die gesamte kritische Theorie im Angebot zu haben. Der Laden, der laut Norbert Sprafke Kassels ältestes selbstverwaltete Projekt ist, habe sich nur durch Idealismus gehalten und weil keine Gehälter gezahlt wurden. „Es ging nicht um Profit.“

Weil es Zeiten gab, in denen der Buchladen auch verbotene Literatur wie die Schriften des linksradikalen Terroristen Bommi Baumann im Angebot hatte, musste sich so mancher der Studenten wegen „Verdachts auf Befürwortung verfassungswidriger Gewalttaten“ verantworten.

„Wir wollten damals alle das richtige Leben im falschen“, so Peter Soltau, der vom Landleben träumte und als Schäfer arbeitete. Später leitete er 30 Jahre lang die Jugendarbeit des Landkreises Kassel. Norbert Sprafke war langjähriger Geschäftsführer der Kasseler SPD.

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