Tunesier in Kassel sind im Dauerkontakt mit der Heimat - Telefonieren im Internet

Abends kommt die Angst

Verfolgen besorgt die Bilder aus der Heimat: Hamdi Hassan, Gharbis Fethi, Benyoussef Mohsen, Kalai Salem, Slama Moncef und Kachbouri Mohsen (von links) im Tunesischen Freundschaftsverein. Foto: Koch

Kassel. Die Nachrichten aus der Heimat lassen die in Kassel lebenden Tunesier nicht zur Ruhe kommen. Informationsquelle ist für sie der Nachrichtensender Al Jazeera, den Kontakt mit Angehörigen halten sie per Internet-Telefon Skype und über E-Mail. 100 Tunesier leben in Kassel. Viele treffen sich im Tunesischen Freundschaftsverein an der Schützenstraße.

In dem rustikal eingerichteten Clubraum flimmern Bilder von Gewalt, Plünderungen und Tumulten über den Bildschirm. Früher kam man zweimal wöchentlich zusammen, jetzt sieht man sich hier täglich. Alle haben Angehörige in der Heimat. Geleitet wird der Verein von Slama Moncef. „Mein Enkelkind hat mich angerufen: Komm zu uns, Mamma sitzt im Sessel und weint. Vor unserem Haus steht ein Panzer“, erzählt er und zappt zwischen Al Jazeera und dem neuen Sender „Nationales Tunesisches Fernsehen“ hin und her.

Dass es diesen Sender seit drei Tagen gibt, macht Moncef und seinen Kollegen Mut. „Sie müssen zwar noch lernen, dass sie jetzt ohne Druck berichten können, aber das wird schon“, sagt Kachbouri Mohsen. Da wird er jäh unterbrochen. Im Fernsehen werden Bürgerwehren gezeigt, die die Wohnblocks vor Angriffen von ehemaligen Mitgliedern der Präsidentengarde schützen. Fast jeder im Raum hat Brüder, Söhne oder Enkel, die einer Bürgerwehr angehören.

„Es tut uns leid, dass es Tote geben musste“, sagt Mohsen, „aber am Ende wird eine Demokratie entstehen, auf die unser Volk stolz sein kann.“ Wie viel Leid der Weg dorthin noch mit sich bringen wird, vermag allerdings keiner im Raum zu sagen.

Laila Bentahra verfolgt von Zuhause die Geschehnisse in ihrer Heimat. Die 51-Jährige zog 1976 von der Hafenstadt Safx nach Kassel. Zurück in Tunesien blieben ihre Eltern, drei Brüder und eine Schwester. Wenn die Mitarbeiterin der Staatstheater-Kantine abends nach Hause kommt, wiederholt sich seit Anfang Januar die gleiche Prozedur: „Ich schaue erst Nachrichten und dann trete ich mit den einzelnen Familienmitgliedern via Skype in Kontakt.“ Dazu kommen dann auch ihre beiden erwachsenen, verheirateten Töchter in die elterliche Wohnung an der Obersten Gasse.

„Gestern Abend erzählte mir meine in Tunis lebende Schwester von Klopfgeräuschen an ihrer Haustür. Als sie sich der Türe näherte, hörte sie, dass Polizisten davor einen jungen Mann verhafteten.“ Dies sei Alltag, nicht nur in der Hauptstadt, sondern auch auf dem Land, wo ihre Brüder wohnen. Es gebe keinen Ort, der von den Unruhen verschont bleibe. Während man tagsüber zumindest nochmal vor die Tür gehen könne, um einzukaufen, würde es abends besonders schlimm, hörte Bentahra von ihren Verwandten. „Dann hört man Schüsse, und es kommt die Angst.“ Dass sich diese Stimmung bald zum Besseren wendet, glaubt sie nicht.

Von Wilhelm Ditzel

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