Ehrenamtlicher Zensusbeauftragter hat bei seinen Touren am Wesertor interessante Einblicke bekommen

Die Abenteuer eines Volkszählers

Viel mehr als Kreuzchen machen: Die Zensusbeauftragten können bei ihren Touren die Stadt von einer neuen Seite erleben - und viele außergewöhnliche Menschen kennenlernen. Foto: dpa

Kassel. Seit 9. Mai laufen die Befragungen zum Zensus, einer Volkszählung auf Stichprobenbasis. In Kassel befragen 170 Ehrenamtliche 10.650 Menschen aus der Stadt, die per Zufallsverfahren für den Zensus ausgewählt wurden. Einer der Interviewer erzählte uns jetzt von seinen Erfahrungen.

Eigentlich hatte Peter S. (Name geändert) damit gerechnet, mit seinem vorübergehenden Ehrenamt als Zensushelfer eine eher trockene Verwaltungsarbeit zu übernehmen. Zwei Monate und 200 Begegnungen mit wildfremden Menschen später könnte der 62-Jährige ein Buch schreiben über seine Erfahrungen als Erhebungsbeauftragter.

Am 10. Mai zog der pensionierte Polizeibeamte zum ersten Mal los, um die ausgewählten Adressen in seinem Befragungsbezirk am Wesertor abzuklappern. Der Frust war groß: keine Namensschilder, keine beschrifteten Briefkästen, defekte Klingeln.

Nicht einen Interviewbogen brachte der Rentner ausgefüllt nach Hause zurück. Statt aufzugeben, legte er sich eine neue Strategie zurecht: „Am nächsten Tag bin ich wieder hin, habe mich ins Treppenhaus gesetzt und jeden, der vorbeikam, einfach angehauen.“ Einen tätowierten Muskelprotz samt Bruder, der gerade auf Hafturlaub war, sprach er an und bekam neben der Auskunft auch gleich ein Bier angeboten - was der 62-Jährige im Dienst natürlich ablehnte. Auch eine chinesisch-vietnamesische Familie erwischte der Zensushelfer und füllte den Bogen aus. Und eine Studentin machte bereitwillig mit, sie erhielt gleich PC-Tipps für ihre Hausarbeit.

„Mir war klar, dass ich einen problematischen Stadtteil übernommen hatte: Von Rentnern und Studenten bis zu Armen, Kriminellen und zerrütteten Familien.“ Weil die wenigsten der für den Zensus ausgewählten Bewohner, denen Peter S. vorschriftsmäßig sein Ankündigungsschreiben hinterlassen hatte, zum genannten Termin zu Hause waren, tingelte er Tag für Tag in seinen Stadtteil - später übernahm der 62-Jährige auch den Bereich Unterneustadt.

Inzwischen hatte der 62-Jährige sein Anschreiben verfeinert, mit einem persönlichen Foto und der Versicherung angereichert, dass die Daten nicht an Finanzamt, Arbeitsamt oder Ausländerbehörde weitergegeben würden. „Wenn die Leute merken, sie können einem vertrauen, stößt man auf eine große Offenheit und Gastfreundschaft“, hat der Kasseler erfahren. Er wurde zum Frühstück und zum Kaffee eingeladen. Er vermittelte auch mal in einem Nachbarschaftsstreit oder informierte die beiden netten jungen Damen von den Sympathien der studentischen Männer-WG aus dem Obergeschoss. Er lernte Menschen aus über 30 Nationen kennen und erhielt Einblicke in Hunderte Schicksale.

Auch auf viele vereinsamte alte Menschen sei er getroffen. „Da tut es einem dann schon leid, dass man nicht helfen kann.“ Nach einigen Wochen war Peter S. im Stadtteil bekannt wie ein bunter Hund. „Ach, Sie sind auch wieder unterwegs“, so hätten ihn die Leute angesprochen. Der Iraner, dessen marokkanische Frau hochschwanger war, teilte dem regelmäßigen Gast am Wesertor später mit, dass das Kind gesund zur Welt gekommen ist. Er habe so viele nette Bekanntschaften gemacht, sagt Peter S. Diese Erfahrung wolle er nicht missen. Inzwischen hat er bis auf drei Fälle alle Bögen abgeliefert.

Wen Peter S. dabei sonst noch getroffen hat:

Die Punkerin

Hinter einer Wohnungstür an der Ysenburgstraße hörte ich Geräusche - wie ich später herausfand, ein kalbsgroßer Hund beim Fressen - und klopfte dezent. Eine am ganzen Körper tätowierte Punkerbraut mit ungefähr einem halben Kilo Piercings im Gesicht öffnete mir mit den Worten: „Huch, Mann, bist du blöd? Ich dachte, es wären die Bullen.“ Sie war dann aber sehr freundlich und der Hund auch. Die junge Frau entschuldigte sich dann, dass es nicht aufgeräumt war. Es sah aus wie bei Hempels unterm Sofa, ich hätte echt nicht gewusst, wo ich etwas ablegen sollte. „Mein Arbeitszimmer sieht auch nicht besser aus“, übertrieb ich, zückte meinen achtseitigen Bogen und füllte ihn in Rekordgeschwindigkeit aus.

Der Brutalo

Dass jemand richtig aggressiv wurde, ist eigentlich nur einmal vorgekommen. Ein Mann Mitte 40, der partout nicht mit mir reden wollte. Da dachte ich wirklich: Wenn du jetzt nicht aufpasst, schlägt er dich gleich. Es war wie eine Mutprobe, die Klingel zu betätigen - ich musste es ja immer wieder probieren, schließlich besteht Auskunftspflicht. Ich bot ihm an, das Interview mit seiner Frau zu führen. Aber er hat mich immer nur angeschrien und beschimpft. Die Frau signalisierte mir aber unbemerkt, ich könne wiederkommen, wenn ihr Mann mal nicht zu Hause ist. Ein paar Tage später kam ich wieder zu dem Haus, da ging das Fenster auf und die Frau winkte mich herein. Nach ein paar Minuten war der Bogen ausgefüllt.

Die Prostituierte

In einer Wohnung an der Ysenburgstraße, in der ich beim letzten Mal eine Asiatin angetroffen hatte, die kein Deutsch konnte und die Tür wieder zumachte, ließ mich einige Tage später eine leicht bekleidete Südländerin Mitte 20 hinein. Anstalten, sich etwas überzuziehen, machte sie nicht. Mit Deutsch und Englisch kam ich nicht weiter, kramte schließlich ein paar Brocken Spanisch hervor, um sie zu befragen. Mit einem Mal fasst mir die Frau an die Hose und haucht mir ins Ohr „Ficki ficki?“ Ich bin dann geflüchtet. Beim nächsten Mal öffnete sie wieder die Tür und flötete „Amigo, amigo“. Ich ging nicht rein. Es blieb eine der wenigen Wohnungen, bei denen ich es nicht geschafft habe, den Bogen auszufüllen.

... mehr nette Leute

Den stärksten Espresso meines Lebens habe ich in der Josephstraße getrunken. Eine anfangs reservierte Dame hatte mich schließlich doch in ihre Wohnung eingeladen. Sie zeigte mir mit ausführlichen Erklärungen ihre Zimmer und Möbel und saß dann noch 20 Minuten neben mir auf dem Sofa, um ihr Aquarium zu betrachten. Jetzt kann ich den Messer- vom blauen Antennenwels unterscheiden. Richtig nett war es auch bei ein paar Männern aus Polen. Erst konnten wir uns nicht verständigen, aber dann holten sie einen Übersetzer. Das Wichtigste war ihnen, zu erfahren, was die Deutschen über ihre Nation denken. Sie wissen, dass ihre Landsleute als „Klaupolen“ verschrien sind. Am Schluss haben wir ein gemeinsames Foto gemacht.

Von Katja Rudolph

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