Kasseler Reformpädagogin kritisiert Aberkennung

Scharfe Kritik an Uni Kassel für Umgang mit Ehrendoktor „Das ist schäbig“

Die emeritierte Kasseler Grundschulpädagogin Prof. Dr.  Ariane Garlichs vor einigen Büchern Hartmut von Hentigs.
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Schätzt den Kasseler Ehrendoktor für seine wissenschaftlichen Verdienste: Die emeritierte Grundschulpädagogin Ariane Garlichs hat auch das autobiografische Buch Hartmut von Hentigs gelesen und war davon enttäuscht.

Die Universität Kassel will Hartmut von Hentig seine Ehrendoktorwürde entziehen. Nicht jeder ist damit einverstanden. Von einigen Seiten gibt es scharfe Kritik.

Kassel – Die Universität Kassel will Hartmut von Hentig seine Ehrendoktorwürde entziehen. Dagegen regt sich nun Widerspruch in Wissenschaftskreisen.

Die emeritierte Kasseler Grundschulpädagogin Prof. Dr. Ariane Garlichs hat ihr Befremden über die Aberkennung in einem Schreiben an den zuständigen Fachbereich Humanwissenschaften zum Ausdruck gebracht.

„Die Verdienste, für die 2004 Hartmut von Hentig die Ehrendoktorwürde verliehen wurde, gelten uneingeschränkt weiter und haben nichts von ihrer Bedeutung verloren“, schreibt die 85-Jährige darin, die ab 1972 eine Professur für Erziehungswissenschaften in Kassel hatte. Das wissenschaftliche Fehlverhalten, das die Hochschule für den Entzug der Auszeichnung anführe, könne sie nicht erkennen, sagt Garlichs gegenüber der HNA.

Uni Kassel will Hartmut von Hentig die Ehrenpromotion entziehen

Wie berichtet, hatte die Uni die Rücknahme der Ehrenpromotion damit begründet, dass von Hentigs „Auseinandersetzung mit den Vorgängen um die Missbrauchsfälle an der Odenwaldschule (...) ein erhebliches wissenschaftliches Fehlverhalten“ darstelle. Hartmut von Hentig war der Lebensgefährte des damaligen Schulleiters Gerold Becker – einem der Hauptbeschuldigten der 2010 ans Licht gekommenen massenhaften Fälle sexuellen Missbrauchs in dem Internat. Auch von Hentig, der stets betonte, nichts von den Vorgängen zu wissen, steht seither in der Kritik für seine Äußerungen zum Thema.

Ariane Garlichs, die zu den bekanntesten deutschen Grundschulpädagoginnen ihrer Zeit zählt, war 20 Jahre lang im wissenschaftlichen Beirat der Laborschule Bielefeld tätig, die von Hentig mit aufgebaut hatte. Daher kennt sie den Reformpädagogen und sein Werk gut. Sie steht bis heute im Austausch mit dem 95-Jährigen, der in Berlin lebt. Auch ihm hat die Kasselerin einen Brief geschickt.

Darin schreibt sie, dass sie die Vorgänge an der Hochschule unerträglich finde. „Es sollte nicht geräuschlos über die Bühne gehen, auch wenn ich es selber nicht mehr ändern kann.“ Leider wisse sie nicht, womit genau der Fachbereich das wissenschaftliche Fehlverhalten von Hentigs begründe, sagt Garlichs. Dazu hat sich die Uni mit Verweis auf das noch laufende Verfahren bislang nicht geäußert. Aus ihrer Sicht – und die habe sie sich in den vergangenen Tagen von anderen Kennern seines Werks bestätigen lassen – sei Hartmut von Hentig wissenschaftlich nichts vorzuwerfen, sagt die Pädagogin. „Alles andere steht nicht zur Debatte.“

Pädagogin bezeichnet Plan der Uni Kassel als „schäbige Geste“

Sie habe den Eindruck, die Hochschule wolle eine Persönlichkeit loswerden, mit der man sich erst geschmückt habe, die nun aber in der Öffentlichkeit in Misskredit gefallen sei. „Das finde ich eine schäbige Geste“, sagt die 85-Jährige.

Sie hat auch das in der Kritik stehende autobiografische Buch von Hentigs mit dem Titel „Noch immer mein Leben“ gelesen. Er selbst hatte es ihr 2016 mit persönlicher Widmung „vom dankbaren Hartmut von Hentig“ geschickt. Das habe sie in diesem Fall unangenehm berührt, sagt Garlichs. Das Buch falle nicht nur schreiberisch stark von seinen anderen Werken ab. Es lese sich wie der Versuch, Verständnis zu erzeugen. Von Hentig hätte öffentlich deutlicher Stellung zu den Missbrauchsfällen an der Odenwaldschule und dem Leid der Opfer beziehen müssen, findet Garlichs. „Nur zu sagen, ich wusste davon nichts, ist zu wenig.“

Die Kasseler Professorin kannte auch Gerold Becker persönlich, sie habe ihn als charismatischen Pädagogen erlebt. Umso mehr sei sie damals geschockt gewesen, als der Missbrauch ans Licht kam. Schlimm finde sie dabei auch, dass die Opfer so lange kein Gehör fanden. (Katja Rudolph)

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