106 Millionen Euro Investitionen

Trotz Protest von Mietern: Abriss in der Kasseler Südstadt kommt

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Die Südstadt verändert sich: Der Anblick des Hochhauses auf dem Grundstück des ehemaligen Versorgungsamts (Bildmitte) wird demnächst der Vergangenheit angehören. Er soll abgerissen werden. Der geplante Neubau der Nassauischen Heimstätten / Wohnstadt wird das Gesicht der Südstadt (hier von den Weinberg-Terrassen aus betrachtet) verändern.

In der Rembrandstraße in Kassel sollen drei Häuser mit 36 Wohnungen abgerissen werden. Allerdings wollen die meisten Mieter in ihren Wohnungen bleiben.

In der Südstadt schlagen die Wellen hoch: Die Unternehmensgruppe Nassauische Heimstätte / Wohnstadt hatte angekündigt, drei Häuser an der Rembrandtstraße mit 36 Mietwohnungen abzureißen. Nach einer hitzigen Ortsbeiratssitzung vergangene Woche bekräftigte sie dies nun noch einmal in einer ausführlichen Mitteilung. Problem: Die meisten der Mieter wollen in ihren Wohnungen bleiben.

Schon während der Ortsbeiratssitzung zum Thema mussten sich die Vertreter der Wohnungsbaugesellschaft dem Protest von mehr als 100 Südstädtern stellen. Sie entschuldigten sich für mögliche Missverständnisse und relativierten Formulierungen in einem Brief, der bereits an die Mieter gegangen war. „Wir haben nie von Kündigungen gesprochen“, beteuerte Jürgen Bluhm, der Leiter des Regionalcenters Kassel. Wenige Tage später äußert er sich erneut zur Rembrandtstraße 7, 9, 11, 13, 15 und 17: „Die dortigen Bestandsbauten möchte die Unternehmensgruppe ebenso abbrechen wie das Versorgungsamt.“

Hintergrund sind Pläne der Gesellschaft, die die Immobilie ehemaliges Versorgungsamt gekauft hat, dort 2022 mit dem Bau von 335 Wohnungen zu beginnen. Es sei aber nur durch die Einbindung der Rembrandtstraße möglich, 95 zusätzliche Wohnungen mit heutigem Standard zu bauen. „Das Grundstück des Versorgungsamts allein bietet diese Möglichkeit leider nicht“, so Bluhm. Vorausgesetzt, die Stadt Kassel schaffe Baurecht.

Dazu sagt Stadtbaurat Nolda: „Was realisiert wird, kann nur das Ergebnis eines Beteiligungsprozesses und eine Entscheidung der Stadtverordnetenversammlung über das notwendige Baurecht sein.“ Über einen Abbruch könne erst entschieden werden, wenn es für die Mieter akzeptable Angebote im Sinne deren Interesses gibt. „Ich habe die Wohnstadt darauf hingewiesen, dass ein Neubau von Wohnungen, den ich begrüße, nicht auf Kosten, sondern nur im Einvernehmen mit derzeit dort lebenden Menschen möglich ist.“

106 Millionen Euro Investitionen

Derzeit wird für das Bauprojekt ehemaliges Versorgungsamt von der Nassauischen Heimstätte / Wohnstadt, die 106 Millionen Euro investiert, ein Architektenwettbewerb vorbereitet. Er soll von einem Beteiligungskonzept begleitet werden. Im November könnten der Sieger gekürt und 2020 der Satzungsbeschluss für den Bebauungsplan gefasst werden. 2024/2025 sollen Wohnungen und Einzelhandelsflächen fertig sein

Abriss in der Südstadt: Angebote für die Mieter

Im April hatten alle Mieter der Wohnungen Rembrandtstraße 7, 9, 11, 13, 15 und 17 von der Nassauischen Heimstätte / Wohnstadt schriftlich das Angebot zu persönlichen Gesprächen erhalten: „Um sich über die Pläne zu informieren, die weiteren Schritte erläutern zu lassen und Fragen zu stellen“, heißt es von Seiten der Wohnungsbaugesellschaft. Viele Mieter hätten das Angebot angenommen. „Natürlich sehen einige unsere Überlegungen sehr kritisch“, räumt der Leiter des Regionalcenters, Jürgen Bluhm, ein.

Jürgen Bluhm Leiter Regionalcenter Kassel der Nassauischen Heimstätte / Wohnstadt

Es stehe für die Nassauische Heimstätte außer Frage, dass die jetzigen Mieter „zumindest für die Bauphase ein neues Zuhause brauchen“. Sie seien da nicht auf sich allein gestellt, sondern würden „intensiv“ durch die Wohnstadt begleitet. „Einen solchen Schritt machen wir uns aufgrund der Auswirkungen für die betroffenen Mieter selbstverständlich nicht leicht, und wir wissen, dass wir den Menschen, die hier zum Teil schon lange leben, sehr viel abverlangen“, so Jürgen Bluhm.

Aber die Nassauische Heimstätte habe bereits in vielen hessischen Kommunen im Rahmen von Quartiersentwicklungen Bestandsmieter „erfolgreich mit adäquaten neuen Wohnungen“ versorgt. Dies sei überwiegend im nahegelegenen eigenen Bestand geschehen. „Das wird uns auch in Kassel gelingen.“

Mit 22 der 36 Parteien habe man bereits erste Beratungsgespräche geführt. „Wir werden dafür sorgen, dass jeder Mieter in eine andere, seinen individuellen Bedürfnissen entsprechende Wohnung ziehen kann.“ Die betroffenen Mieter würden bei Wohnungen, die im Quartier frei werden, bevorzugt, so Bluhm. „Die übliche Fluktuation wird dazu bis zum Baubeginn frühestens in drei Jahren sicherlich ausreichen.“

Die Aufgabe bestehe darin, gleichwertige Ersatzwohnungen aus dem eigenen Bestand, dem anderer Wohnungsgesellschaften oder auf dem privaten Markt zu lokalisieren, mit den Wünschen der Mieter abzugleichen, diese zu Besichtigungen zu begleiten und zu beraten. Die Anforderungsprofile für die neuen Wohnungen beachteten die Arbeitsplatz-, Kindergarten-, Schul- und bei Älteren auch die Pflege- und Arztsituation. „Zudem werden Anfragen nach Vergrößerung oder – etwa bei allein lebenden Senioren – auch nach Verkleinerung des Wohnraums berücksichtigt.“ Zugesagt sei Hilfe bei den Umzügen. Zum Angebot gehörten auch Fahrdienste für Ältere und die Begleitung zu Ämtern. Sind die neuen Wohnungen dann fertiggestellt, erhalte jeder der Mieter die Option, in eine der neuen Wohnungen zu ziehen.

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