Kasseler Ehepaar bewahrte das Haus an Wilhelmshöher Allee 1987 vor dem Abriss

Abschied vom Biedermeier

Historische Zeitzeugen: Anita und Frieder Del Barba verlassen demnächst das Haus Wilhelmshöher Allee / Ecke Kunoldstraße, das sie einst grundlegend saniert haben und in dem Anita Del Barba seit 20 Jahren den Spieleladen Jojo führt. Fotos: Schachtschneider

Kassel. An der über fünf Kilometer langen Wilhelmshöher Allee ist es eines der markanten Häuser. Dort ragt das zweistöckige Gebäude mit der symmetrischen Fassade und dem breiten Giebel aus der Häuserflucht hervor und markiert damit lediglich die ursprüngliche Breite der Allee an dieser Stelle. Spätestens wenn die beiden auffallenden Läden erwähnt werden, die dort seit Jahrzehnten ihr Domizil haben, der Spieleladen Jojo und die Konditorei Streiter, weiß fast jeder, von welchem Haus die Rede ist: Das malerische Ladengeschäft, das aussieht, als sei es eigens für ein nostalgisches Bilderbuch gemalt worden, ist ein Blickfang.

Unter Denkmalschutz

„Als wir das Haus vor fast 30 Jahren gekauft haben, sollte es abgerissen werden“, sagt Frieder Del Barba. In letzter Sekunde sei es unter Denkmalschutz gestellt worden. Heute bilde es mit der gegenüberliegenden Gaststätte „Duck dich“ die letzten Zeugen der alten Bebauung. Für die Del Barbas stand von Anfang an fest, das im späten 18. Jahrhundert erbaute Haus zu erhalten und zu renovieren. 1992 zog Anita Del Barba mit ihrem Spieleladen in eines der beiden Ladenlokale an der Wilhelmshöher Allee / Ecke Kunoldstraße.

Weil sie jetzt in den Ruhestand tritt und ihren Laden in andere Hände übergibt, ist der neue Lebensabschnitt auch ein wehmütiger Abschied vom Haus Wilhelmshöher Allee 283. Erbaut worden war es von „Metzgermeister Butte und Gattin“. Noch bis in die 1970er-Jahre zierte der Name Butte die Fassade. Um 1900 gab es einen Umbau: Das Wohnhaus bekam im Erdgeschoss ein Ladenlokal. Aus dieser Zeit stammen die geschnitzten Balken in der Fensterfront.

Die Del Barbas kauften das baufällige Gebäude 1987 von Fleischermeister Hahn, der mit seiner Familie das Haus auch bewohnte. „Es musste komplett saniert werden“, erinnert sich Del Barba. Dabei sei die Zusammenarbeit mit dem Denkmalamt sehr konstruktiv gewesen. „Wir haben versucht, alles zu erhalten, was möglich war: Treppen, Türen, Fenster. Zum Schluss wurde das sanierte Fachwerkhaus wieder verputzt - so wie es ursprünglich war. „Eigentlich bin ich ja ein Fachwerk-Fan“, sagt Del Barba, „aber dieses Haus hat sein Fachwerk nie gezeigt.“ Der denkmalgerechte Umbau im Wert von umgerechnet 175 000 Euro sei teurer gewesen als der Kaufpreis. Zum Charme des Hauses gehört heute, dass seine Fassade nicht durch Leuchtreklame verunziert, sondern lediglich beschriftet ist. „Ursprünglich war die Wilhelmshöher Allee in Höhe des Dorfes Wahlershausen im Kreuzungsbereich der Kunoldstraße von zahlreichen vor der heutigen Bauflucht stehenden, biedermeierlichen Fachwerkhäusern geprägt“, heißt es in einer Kasseler Denkmalschutzbroschüre. Das Biedermeier-Haus Nummer 283 gibt davon auch künftig Zeugnis ab.

Von Christina Hein

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