Untersuchungsgefängnis an der Leipziger Straße 11 wird ausgeräumt

Abschied von der Elwe

Alles unter Kontrolle: Thomas Rudolph war für die Sicherheit in der Elwe zuständig. Nun hat sie als Gefängnis ausgedient. Wachturm und Stacheldraht werden künftig nicht mehr gebraucht. Fotos: Herzog

Unterneustadt. Tauben suchen vor den vergitterten Fenstern vergebens nach Brot. Die Gefangenen, die sie gefüttert haben, sind längst weg. Die 59 Bediensteten ebenfalls.

Im Untersuchungsgefängnis Elwe am Unterneustädter Kirchplatz hält nur noch der Sicherheitsdienst Wache. Kassels älteste Haftanstalt hat ausgedient. Sie ist seit Ende 2009 geschlossen. Ihre Mauern sind marode, der Sanierungsbedarf hoch. Die Insassen sitzen nun zum größten Teil in Wehlheiden. Straftäter unter 21 Jahren wurden nach Wiesbaden oder Rockenberg gebracht. Die Zellen in der Elwe sind verwaist, die langen Flure leer.

Seit 1876 waren dort Häftlinge untergebracht. Was aus dem denkmalgeschützten Gebäude neben der Unterneustädter Grundschule wird, weiß niemand. In den 68 Hafträumen saßen bis zu 103 Gefangene. Schmale Zellen mit dunklem Steinfußboden, Toilette, Waschbecken, Schrank, Bett, Tisch, an dem gegessen wurde. Wie in allen hessischen Vollzugsanstalten gab es auch in der Elwe keinen Speisesaal. Die Gefangenen nahmen ihr Essen an der Tür in Empfang. „Room service (Zimmerservice)“, sagt scherzhaft der Leiter der Justizvollzugsanstalt I in Wehlheiden, Jörg-Uwe Meister, der nun auch für die Elwe zuständig ist. „Es wurde auf dem Gang ausgeschöpft.“ Das Essen sei bei Gefangenen und Vollzugsbeamten gut angekommen, erzählt Meister. „Der Küchenleiter war spitzenmäßig“, sagt er. „Der hat das mit viel Liebe gemacht.“ Auch Bedienstete von außerhalb hätten gern in der Elwe Rast gemacht.

„Wir haben hier für 180 Leute gekocht“, erzählt Horst Müller. Der 52-Jährige war zuletzt Chef der Küche und „im Prinzip für alles zuständig“. Von der Großküche im Keller wurden auch die Anstalten in Baunatal und Kaufungen versorgt. Es gab Erbseneintopf, Rinderbraten, Seelachs. „Wir haben auch mal eine Asia-Pfanne gemacht oder einen schönen Pfannkuchen“, sagt Müller. Das war einmal. Junge Freigänger aus Baunatal helfen beim Abtransport. „Das Inventar wird allen hessischen Vollzugsanstalten angeboten“, sagt Matthias Gerber, ehemaliger Geschäftsleiter der Elwe. Dies gelte auch für Büro- und EDV-Einrichtungen.

Im so genannten Transportraum, in dem Gefangene auf dem Weg zu anderen Einrichtungen meist nur eine Nacht verbrachten, sind die Wände voller Kritzeleien. „Ich bin heimatlos. Die DDR existiert nicht mehr“, hat einer in die Wand geritzt. „Dark Room. Gays only“ („Dunkler Raum, nur für Schwule“) steht auf der Toilettentür. In der tristen Zelle stehen zwei Etagenbetten - vier Männer konnten darin schlafen. Eine alte Neonlampe verbreitet kaltes Licht. Im Vergleich dazu sehen die Hafträume ordentlich aus.

Streng bewacht

Von dort konnten die Insassen auf die belebte Leipziger Straße oder die beiden Innenhöfe schauen, in denen sie sich in den Freistunden aufhalten durften. Draußen konnten sie Basketball und Tischtennis spielen oder sich im Schatten eines Baumes auf Bänken ausruhen. Streng bewacht, versteht sich. Große Spiegel, wie man sie aus dem Straßenverkehr kennt, sorgten dafür, dass die Aufsicht alles im Blick hatte. Zusätzlich zur Kontrolle aus dem grauen Wachturm, der bedrohlich wie eine Festung auf dem Dach thront, und rund um die Uhr besetzt war. Nun hat er ausgedient. HINTERGRUND

Ein Video von der Elwe können Sie auch auf www.hna.de/video sehen.

Von Ellen Schwaab

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